Jan Fleischhauer

S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Die Marotten des Altkanzlers

Helmut Schmidt wird geliebt, seine Fans begeistert, was der Ex-Kanzler auf den Podien dieses Landes dahergrantelt. Viele, die ihn näher kennen, haben eine ganz andere Meinung über den Sozialdemokraten.
Altkanzler Schmidt: Mit knurrigen Kurzsätzen zum Podiumsliebling

Altkanzler Schmidt: Mit knurrigen Kurzsätzen zum Podiumsliebling

Foto: DPA/ WDR

Der Reporter Cordt Schnibben hat vor Jahren einmal beschrieben, wie Helmut Schmidt freitags die politischen Redakteure der "Zeit" als Geiseln nahm, um ihnen in der Ressortkonferenz die Weltlage zu erklären, dabei Keksteller wie Diskussion an sich reißend.

Nach dem erzwungenen Abschied vom Kanzleramt hatte der "Zeit"-Eigentümer Gerd Bucerius den "wahrscheinlich bedeutendsten Politiker der Welt" (Bucerius) zum Herausgeber gemacht. In dieser Funktion klaubte Schmidt dann unanständige Worte aus den Texten, ermahnte die Wirtschaft zu mehr Wirtschaftsfreundlichkeit und beäugte argwöhnisch den Kulturteil, den er für zu linkslastig hielt.

Das Verhältnis zur Redaktion war am Anfang nicht nur durch die Sympathie der schreibenden Kräfte für die Grünen belastet. Mehr noch als an der politischen Ausrichtung störte Schmidt sich an dem liederlichen Auftritt der Feuilletonisten, den Flaschen vor der Tür, der Unordnung der Zimmer, weshalb er den Plan ersann, die Kultur zwei Stockwerke nach unten auf die Buchhaltungsebene zu verlegen, weg vom Herausgeberzimmer, um "seinen Gästen aus aller Welt einen gastlichen Flur präsentieren zu können".

Ich musste an diese Szene denken, als ich vor Kurzem mit Klaus Harpprecht zusammensaß, um über den Lebensbericht zu reden, den der Brandt-Redenschreiber und Politikchronist dieser Tage bei S. Fischer vorgelegt hat. Auch Harpprecht hat nicht viel Gutes über Schmidt zu sagen. Er habe ihn nicht besonders gemocht, erklärte er freimütig, wobei er hinzufügte: "Er mich auch nicht." Dann erzählte er beiläufig, wie Schmidt, als er Kanzler wurde, seine Geliebte abgelegt habe, weil er glaubte, er könne sich die Affäre im Amt nicht mehr leisten. Die Dame sei die Frau eines hohen Menschen bei der CDU gewesen und an der Trennung fast zerbrochen. Gossip sicher, aber wie immer, wenn es um unsere Kanzler geht, interessant.

Mit hingeknurrten Kurzsätzen zum Podiumsliebling

Es wird viel über das Alter geklagt. Aber in der Politik hat es durchaus Vorteile. Wer weit über die 80 hinaus ist, muss nicht mehr so viel Rücksicht nehmen. Schmidt hat es mit seinen hingeknurrten Kurzsätzen zum Podiumsliebling und mehrfachen Bestsellerautor gebracht. Auch ein Interview wie das mit Harpprecht (den vollständigen Text lesen Sie hier im digitalen SPIEGEL) gelingt einem nicht alle Tage: Normalerweise hält die Furcht vor anderen, wenn sie Einfluss haben, die natürliche Bösartigkeit im Zaum. Wer im Leben wie in der Politik nichts mehr werden will, kann freier reden - vorausgesetzt natürlich, er hat etwas erlebt, über das es sich auch zu reden lohnt.

Was Schmidt betrifft, gehen die Meinungen bis heute auseinander. Ein Teil des Publikums lauscht mit offenem Mund, wenn er über die Krisen in der Welt doziert. Sogar Ungehörigkeiten wie das Rauchen in geschlossenen Räumen werden ihm vergeben. Viele von denen, die ihn näher kennen, denken weniger vorteilhaft über ihn. Sie machen sich über seine Vorliebe für Kunst lustig, die über Nolde und Barlach nie wirklich hinauskommen ist, oder äffen seine schlechten Manieren nach.

Dass der Altkanzler entgegen dem sorgsam gepflegten Image des Frontoffiziers ein gesundheitlich erstaunlich geplagter Mensch war, hat das Urteil seiner Verächter nie entscheidend mildern können. Zuerst setzte ihm die Schilddrüse zu, dann das Herz. Hinzu kam eine Neigung zur Hypochondrie, die sich in kritischen Phasen zu Todesahnungen steigerte, womit er schon seinen Mitarbeitern gehörig auf die Nerven ging.

Schmidts Tragik ist, dass er nie an seinen Vorgänger heranreichte. Brandt war ein großer Kanzler, Schmidt wäre es gerne gewesen. Er selbst hat früh geahnt, dass es schwer werden würde, zu dem SPD-Idol aufzuschließen. Dabei war kein Zweiter im Kanzleramt so sehr von sich überzeugt wie Schmidt.

Auch mangelnden Fleiß kann man ihm nicht nachsagen. Noch in den Urlaub ließ er sich die Akten nachschicken, um sie dann gewissenhaft durchzuarbeiten. Was Schmidt immer fehlte, war Fantasie. Sein Bonmot, wonach wer Visionen habe, zum Arzt gehen solle, klingt witzig, verrät aber auch die Neigung eines Mannes, das eigene Unvermögen zur Tugend zu erklären.

Das andere, was man bei der Befassung mit Leuten wie Harpprecht lernen kann, ist, dass Geist in der Politik nicht schadet. Harpprecht hatte lange als Auslandskorrespondent gearbeitet und dann den S. Fischer Verlag geleitet, bevor er zu Brandt ins Kanzleramt wechselte. Auch der vor einigen Wochen verstorbene Klaus Bölling, der anschließend Schmidt als Sprecher diente, war ein immens gebildeter Mann, der wegen seiner Formulierungsgabe gerühmt und gefürchtet war.

Es liegt mir fern, die Personalauswahl der Bundeskanzlerin kritisieren zu wollen. Aber wäre es nicht ganz schön, man würde auch in ihrer Nähe jemanden wissen, der Zola von Balzac unterscheiden kann, Goethe gelesen hat und weiß, wer Georg Forster ist? Ich will nicht behaupten, dass dabei bessere Politik herauskommt, wenn der Sprecher ein Intellektueller ist - aber es ist in jedem Fall sehr viel vergnüglicher, wenn er anschließend über das politische Geschäft Zeugnis ablegt.

Kennen Sie unsere Newsletter?
Foto: SPIEGEL ONLINE
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.