Schmidt und Putins Ukraine-Kurs Der Altkanzler macht es sich bequem

Helmut Schmidt versteht nicht, warum man sich über die Annexion der Krim aufregen soll. Er hat Verständnis für den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Das ist mehr als eine Sprachverwirrung.
Altkanzler Schmidt: Putins Vorgehen "verständlich"

Altkanzler Schmidt: Putins Vorgehen "verständlich"

Foto: Ralf Hirschberger/ picture alliance / dpa

Es war wohl unvermeidlich. Altkanzler Helmut Schmidt hat sich in Sachen Russland, Krim und Kalter Krieg zu Wort gemeldet. Und man kann sagen: Er hätte es besser gelassen.

Das wird bereits in den ersten Antworten in seinem "Zeit"-Interview klar. Ob es einen Zweifel gebe, dass die Annexion der Krim durch Russland ein Bruch des Völkerrechts sei, lautet die Frage. Und Schmidt antwortet, ja er habe erhebliche Zweifel, weil das Völkerrecht schon so oft gebrochen worden sei und die Ukraine zwar ein unabhängiger Staat aber kein Nationalstaat sei.

Das ist, mit Verlaub, ebenso wirr wie verstiegen.

Wenn ein (vermeintlicher) Bruch des Völkerrechts den nächsten rechtfertigen würde und die Grenzen aller Staaten in der Welt zur Disposition stünden, die sich nicht rein nationalstaatlich aus der Geschichte herleiten lassen, dann wäre das ein Freifahrtschein für endlos viele Grenzkonflikte. Mitten in Europa, in Asien, Afrika, womöglich auf jedem Kontinent außer Australien. Ist es das, was Helmut Schmidt möchte? Man will es nicht glauben.

Aber der Altkanzler setzt noch einen drauf. Er finde Wladimir Putins Vorgehen "verständlich", und darum "gefährlich", dass sich der Westen so "furchtbar aufregt".

Was er dabei verwischt, ist der Unterschied zwischen Verstehen und Verständnis. Wer wie Europäische Union und USA gerade versucht, Wladimir Putins Beweggründe zu verstehen, muss deshalb noch lange kein Verständnis für dessen Handeln aufbringen. Für Helmut Schmidt hingegen ist es umgekehrt: Wer kein Verständnis für Putin hat, der ist zu beschränkt, dessen Anspruch auf die Krim zu verstehen. Der hat ganz einfach Russland nicht verstanden.

Das ist nicht altersweise, sondern arrogant.

Es ist in Mode, die Europäer und US-Präsident Barack Obama zu kritisieren, weil sie aus Wladimir Putin derzeit nicht schlau werden, sein Tun nicht recht verstehen. Weil sie sich durch die Tage nur tasten, ohne großen Plan, ohne greifbares Ziel. Und es stimmt, dass der Westen deshalb keine gute Figur macht. Wer aber von vorneherein "Verständnis" für Russlands Expansion bezeugt, stellt sich diesem Problem erst gar nicht, der hat es gleichsam abgehakt und darf also zur Tagesordnung übergehen. Krim? War da was?

Das ist sehr bequem - und ziemlich billig für einen ansonsten gern bewunderten Altkanzler.