Jan Fleischhauer

S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Die Akte Kissinger

Alle hören in der Krise auf Ex-US-Außenminister Henry Kissinger, in Bonn soll jetzt gar eine Professur für Völkerrecht nach ihm benannt werden. Dabei gäbe es genug Material, ihn als Kriegsverbrecher anzuklagen.
Ex-US-Außenminister Henry Kissinger: Diplomatisches Über-Orakel

Ex-US-Außenminister Henry Kissinger: Diplomatisches Über-Orakel

Foto: Tobias Hase/ dpa

Bonn: Herzkammer des Rheinlands, Geburtsstadt Beethovens, Heimat der Telekom - und bald auch Sitz der ersten nach einem mutmaßlichen Kriegsverbrecher benannten Professur in Deutschland. "Henry-Kissinger-Professur für Internationale Beziehungen und Völkerrechtsordnung" heißt der vom Verteidigungsministerium gesponserte Lehrstuhl, dessen Inhaber zum Wintersemester an der ehrwürdigen "Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität" seine Arbeit aufnehmen wird.

Kissinger, werden Sie fragen: Ist das nicht dieser kleine, verschmitzt lächelnde Mann aus New York mit dem dichten grauen Haar und dem drolligen Akzent, der immer so klug über die Krisenherde der Welt spricht, und den sogar Globalpolitiker wie Helmut Schmidt als einen Weltstaatsmann würdigen? Leider liegt vor seiner Inkarnation als diplomatisches Über-Orakel eine Zeit, in der Kissinger Politik nicht nur kommentierte, sondern auch aktiv betrieb, worauf überall dort, wo er sich einschaltete, die Menschen wie Mücken ins Gras bissen.

Der Harvard-Professor Stanley Hoffmann hat den ehemaligen amerikanischen Außenminister einmal den "intelligentesten, aber auch teuflischsten Mann" genannt, den er je getroffen habe. Es ist bis heute verblüffend, Nixon und Kissinger auf den geheimen Tonbändern aus dem Weißen Haus darüber reden zu hören, wie man die Inder im Pakistan-Konflikt zur Räson bringt (Nixon: "Was die brauchen, ist eine ordentliche Hungersnot"). Oder wie die beiden darüber sinnieren, ob man nicht den Russen eine Atomrakete in ihren Vorgarten schicken solle, falls sie in Asien weiter vordrängen (Kissinger: "Wenigstens stehen wir dann wie Männer da").

Dass derselbe Mann von Weinkrämpfen geschüttelt wurde, wenn ihn mal wieder die Angst packte, der Präsident könne ihn zur Seite schieben, ist mit solchen Auftritten durchaus vereinbar. Machismus und Selbstmitleid sind ein Geschwisterpaar, wie ein Gang durch die Weltpolitik zeigt.

Bedeutendste Vertreter der Realpolitik

Schwer zu sagen, wie viele Menschen ihr Leben lassen mussten, weil Kissinger überall dort die Hände im Spiel hatte, wo er glaubte, amerikanische Interessen verteidigen zu müssen. Christopher Hitchens hat in seinem Buch "Die Akte Kissinger" eine erdrückende Menge von Beweismaterial zusammengetragen, um eine Anklage vor einem internationalen Gerichtshof zu begründen. Wer immer im Berliner Verteidigungsministerium auf die Idee gekommen ist, einen Lehrstuhl zur außen- und sicherheitspolitischen Ausbildung des studentischen Nachwuchses nach Henry Kissinger zu benennen, hat einen Sinn für schwarzen Humor bewiesen.

Kissinger gilt als der bedeutendste Vertreter einer außenpolitischen Schule, die unter dem Stichwort Realpolitik firmiert, das macht ihn aktuell. Nachdem die Begeisterung über die verschiedenen Frühlingsbewegungen einer gewissen Ernüchterung gewichen ist, erlebt dieser Ansatz gerade eine Renaissance.

Man kann das gut verstehen: Die Freiheitskämpfer, die auf dem Tahrir oder dem Maidan die Fahne der Demokratie schwenken, ziehen weltweit Sympathie auf sich. Leider stellen diejenigen, die das alte Regime hinwegdemonstriert haben, nur in Ausnahmefällen auch die nächste Regierung. Sich beizeiten darauf einzustellen, dass die falschen Leute den Sieg davontragen, ist nicht unmoralisch, sondern vernünftig.

Souveräne Missachtung ideologischer Positionen

Das Reizvolle an Leuten wie Kissinger ist zweifellos die kühle Selbstverständlichkeit, mit der sie über Interessenlagen reden. Schon Bismarck wusste, dass sich gute Außenpolitik durch eine souveräne Missachtung ideologischer Positionen auszeichnet. "Wir haben nicht eines Richteramtes zu walten, sondern deutsche Politik zu treiben", belehrte der Reichskanzler seinen König, als der ihn zu einer Revanchepolitik gegenüber Österreich drängen wollte.

Auch in der Ukraine-Krise ist jetzt viel von fremden Interessen die Rede. Das Beispiel Kissinger zeigt allerdings, wie schnell man abstürzen kann, wenn man diese nicht nur anerkennt, sondern sich zu eigen macht. Wo Realpolitik darauf verzichtet, sich an moralische Maßstäbe zu binden, wird sie ruchlos. Es ist eine Sache, die Dinge zu sehen, wie sie sind, selbst wenn man vor der Wirklichkeit lieber die Augen verschließen würde - es ist etwas ganz anderes, keinen Unterschied mehr gelten zu lassen zwischen Gut und Böse. Wer heute für Putin Partei ergreift, endet gedanklich genau da, wo Kissinger auch endete.

Gegen die Kissinger-Professur in Bonn hat sich jetzt, angeführt von Attac, ein breites Bündnis linker Professoren zusammengefunden. In dem Fall lässt sich nur sagen, sie haben mit ihrem Protest recht. Man sollte niemals davor zurückscheuen, sich für das Richtige einzusetzen, nur weil man sich damit in der Gesellschaft von Leuten befindet, die man ablehnt. Auch das ist Realpolitik.

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