Herausforderung Zivilcourage Was tun, wenn die Schläger kommen?

Wenn der Alltag blutiger Ernst wird, sind viele Menschen überfordert. Bei Drohgebärden, Belästigungen, Prügeleien sollte jeder einschreiten - doch wie man Gewalttäter bändigt, wissen die wenigsten. Falsch verstandene Zivilcourage kann lebensgefährlich sein.

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Berlin/Hamburg - Die Bedrohung kam wie aus dem Nichts: ein lauer Sommerabend im Norden Berlins, Gruppen von jungen Leuten saßen an einem Badesee, hörten Musik, grillten, unterhielten sich. "Plötzlich", erinnert sich die 26-jährige Mary, "gab es Streit", eine Auseinandersetzung zwischen einem Mann und einer Gruppe Jugendlicher. Der Ältere hatte die Clique gebeten, ihren Müll wegzuräumen.

Geballte Faust: Eingreifen - aber wie?
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Geballte Faust: Eingreifen - aber wie?

Dann folgte ein Wortgefecht, einige Beschimpfungen. Die Jugendlichen zogen schließlich ab, die Situation schien bereinigt. "Auf einmal kamen sie mit einem Knüppel wieder", berichtet die Berlinerin. "Jetzt gibt's Stress, dachte ich nur." Plötzlich sei alles ganz schnell gegangen. Die Gruppe schlug von allen Seiten auf den Mann ein. Einige junge Männer eilten herbei, wollten dem Angegriffenen helfen. Mary geriet in Panik. "Ich habe meine Sachen zusammengerafft und bin an den Rand geflüchtet." Aus der friedlichen Abendstimmung wurde eine Massenschlägerei. Mary fühlte sich überfordert: "Ruft man die Polizei? Oder wie verhalte ich mich richtig?"

Mary ist mit ihrer Unsicherheit nicht allein. Wann immer in Deutschland Gewalttaten öffentlich werden, rufen Politiker aller Parteien nach Zivilcourage. Hinsehen sollen die Menschen, anderen beistehen, Opfer nicht allein lassen, Hilfe holen. Das ist leichter gesagt als getan, wie es scheint. Denn wie verhält man sich am klügsten in einer brenzligen Situation?

Mitunter werden Passanten, die sich einmischen, selbst zum Opfer. Der Rentner, der in der Münchner U-Bahn zusammengetreten wurde, sagte aus, er habe die beiden jugendlichen Täter zuvor angesprochen, weil diese im Waggon trotz Verbots geraucht hätten. In der Neujahrsnacht verprügelten Randalierer einen Mann, der eingeschritten war, um eine Frau und ihre kleine Tochter vor Feuerwerkskörpern zu schützen. Für so manchen Zeugen von Gewalttaten mag es da nur eine Konsequenz geben: Klappe halten, Kopf einziehen, schweigen - oder?

"Niemand erwartet, dass Sie den Helden spielen"

"Viele Menschen, die in so eine Situation geraten, wissen nicht, was sie tun sollen", sagte Reinhold Hepp, Geschäftsführer der Zentralstelle der polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes, SPIEGEL ONLINE. Dabei gebe es einige Regeln, die in solchen Fällen weiterhelfen. "Am wichtigsten ist: Greifen Sie ein, ohne sich selbst dabei in Gefahr zu bringen." Wie das genau zu bewerkstelligen ist, hängt vom Einzelfall ab.

Wer allerdings einige Ratschläge der Polizei beachtet (siehe Kasten), kann auf jeden Fall helfen. "Suchen Sie sich Mitstreiter, sprechen Sie andere an, achten Sie darauf, dass Sie im Ernstfall nicht allein dastehen", sagte Hepp. "Niemand erwartet von Ihnen, dass Sie den Helden spielen" - im Gegenteil. Wer zu viel riskiert, kann dazu beitragen, dass Auseinandersetzungen erst eskalieren. Zivilcourage sei nicht zwangsläufig nur das eigene körperliche Eingreifen, sondern auch den Notruf zu wählen oder sich später als Zeuge zur Verfügung zu stellen. "Man muss sich gut überlegen, ob man einen gewalttätigen Randalierer wirklich selbst anspricht", sagte Experte Hepp. Aber es gebe etliche andere Möglichkeiten einzugreifen. "Gar nichts zu tun, ist immer die schlechteste Variante."

Wer sich für den Ernstfall wappnen will, rät Hepp, sollte zunächst die sechs Regeln der Polizei verinnerlichen. Außerdem gibt es Kurse, in denen die Teilnehmer richtiges Verhalten lernen können. Auskünfte erteilt jede Polizeidienststelle.

Wie man auf brenzlige Situationen am besten reagiert, hängt von den Umständen, aber auch vom Naturell desjenigen ab, der zum Zeugen wird. Justizministerin Brigitte Zypries (SPD) versucht es nach eigenem Bekunden gern mit strenger Ansprache. In der U-Bahn habe sie "schon öfter Jugendliche zur Ordnung gerufen", sagte sie kürzlich dem "Tagesspiegel". Die Zurechtgewiesenen seien zwar nicht sonderlich angetan von Zypries' Rüffel gewesen, "aber ihre Grölereien oder Prügeleien haben sie zumindest sein lassen". Eine alkoholisierte aggressive Gruppe hätte das allerdings vermutlich wenig beeindruckt.

"Ich wollte nur noch weg"

An jenem Sommerabend am Badesee in Berlin entschieden sich einige, die Polizei zu rufen - andere schritten körperlich ein. Einem, der dazwischen gegangen war, wurde das zum Verhängnis. Das Getümmel habe sich binnen Sekunden aufgelöst, erinnert sich Mary, deren Freundin ebenfalls den Notruf gewählt hatte. "Ich hörte, wie ein Mann rief: Ich bekomme keine Luft mehr." Jemand hatte mit einem Messer zugestochen. "Ein Mädchen rannte auf mich zu, schrie nach Verbandszeug." Sie sei wie gelähmt gewesen, sagt Mary heute. "Mir ist schlecht geworden. Ich wollte nur noch weg." Am nächsten Tag erfuhr sie: Der, den sie hatte rufen hören, war in den Armen seiner Freunde gestorben. Er war 23 Jahre alt.

Mary denkt oft an den Tag zurück, an dem der junge Mann starb. "Man kann doch gar nicht nachdenken in solchen Situationen", sagt sie, "auch die Gruppe, die sich eingemischt hat, konnte die Gefahr überhaupt nicht richtig einschätzen." Sie selbst, da ist sie inzwischen sicher, würde bei einer Prügelei nicht dazwischen gehen - und auch ihre Freunde davon abhalten. "Es kann alles so schnell gehen", sagte sie, "auf einmal ist man tot."

Für den 23-Jährigen konnte niemand mehr etwas tun am Abend seines Todes. Aber - und darauf macht die Polizei mit Nachdruck aufmerksam - viele zeigten danach Zivilcourage: Sie sagten gegen den Täter aus. Erol A. wurde in der vergangenen Woche verurteilt. Er muss acht Jahre ins Gefängnis.



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