Hermann Scheer Ypsilantis Windmacher

In Berlin war er längst abgeschrieben, nun soll er Wirtschaftsminister in Hessen werden: Das Comeback des SPD-Altlinken Hermann Scheer kommt überraschend – und sorgt für Unbehagen. Teile der hessischen SPD tun sich schwer damit, den Energie-Guru als Minister zu akzeptieren.


Berlin - Eigentlich will ja keiner mehr was sagen. Wenige Tage vor der Entscheidung gilt es, die eigenen Reihen zu schließen. Am kommenden Dienstag will Andrea Ypsilanti sich im Hessischen Landtag zur Ministerpräsidentin wählen lassen, und das Letzte, was die SPD jetzt gebrauchen kann, sind weitere Grabenkämpfe.

Hermann Scheer: "Polarisierende Figur"
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Hermann Scheer: "Polarisierende Figur"

Doch bereitet die Personalie Hermann Scheer vielen Sozialdemokraten in Hessen weiterhin Bauchschmerzen. Und zwar nicht nur, weil für ihn Jürgen Walter, die Galionsfigur des wirtschaftsnahen Flügels, bei der Kabinettsbildung geopfert wurde. Letzteres wird im Reformerlager als taktischer Fehler Ypsilantis gewertet, der sich langfristig rächen wird.

Aber die Bedenken gegen Scheer sind grundlegender. Der 64-jährige Dampfplauderer sei eine "polarisierende Figur", heißt es in der hessischen SPD. "Als Linker ist er für viele ein rotes Tuch", sagt ein Landtagsabgeordneter.

Scheer ist einer der Charakterköpfe der SPD mit einem großen Ego - und das sorgt für Reibung. Seit 28 Jahren sitzt er im Bundestag, seit 15 Jahren im Parteivorstand. Er kennt das politische Geschäft und weiß, wie man in die Schlagzeilen kommt. Er hat wichtige Gesetze der Schröder-Regierung mit ausgehandelt. Aber in die erste Reihe hat er es nie geschafft - auch weil er gern den prinzipienfesten Abweichler spielt, der sich mit den Parteigranden anlegt.

"Windmacher" und "Sonnengott"

Seine rhetorischen und strategischen Fähigkeiten verschaffen ihm Respekt, aber in den vergangenen Jahren ist er in Berlin zunehmend in die Rolle des Außenseiters gerutscht. Berüchtigt sind seine weitschweifigen Exkurse in Fraktion und Parteivorstand. "Dann redete erstmal der Hermann", ist ein Satz, der in Teilnehmerberichten häufig auftaucht - meist begleitet von einem Seufzer. In den Machtzirkeln der Partei gilt Scheer zwar als kluger Kopf, aber auch als ausgesprochene Nervensäge, der sich selbst zu gern reden hört.

In den Medien wird Scheer mit spöttischen Etiketten wie "Windmacher", "Sonnengott" oder "Energiepapst" versehen, weil er die Wende zu erneuerbaren Energien zu seinem Lebensprojekt gemacht hat. Für sein Engagement wurden ihm mehrere internationale Preise verliehen, darunter 1999 der Alternative Nobelpreis. Die Anerkennung hat Scheers Eitelkeit und Bestimmtheit noch verstärkt.

Die Fixierung auf die Nische Energiepolitik macht ihn in Hessen nun angreifbar. Etliche Genossen sind alarmiert, dass er die Ideen, über die er seit Jahren nur doziert, ausgerechnet hier ausprobieren dürfen soll. "Er ist sicher ein ideenreicher Kopf, aber Wirtschaft ist mehr als erneuerbare Energien", heißt es in der Landtagsfraktion.

Gewerkschafter kritisiert Scheer

Schon als Ypsilanti ankündigte, den Energieexperten als zentrale Figur in ihrem Wahlkampf einzusetzen, war die Überraschung groß. Im Nachhinein entpuppte sich dies als Glücksgriff. "Er war einer der Motoren des Wahlkampfs", erkennen selbst seine Kritiker an. "Die Säle waren voll."

Aber dass Ypsilanti ihm als Dank dafür das Wirtschaftsministerium anvertraut, geht einigen dann doch zu weit. Scheer sei nicht in den Wirtschaftsstrukturen des Landes verankert, kenne wichtige Leute nicht und verstehe daher auch nicht die regionalen Probleme, lautet der Vorwurf. Das Umweltministerium wäre noch vertretbar gewesen, aber das haben die Grünen in den Koalitionsverhandlungen für sich reserviert.

Auch aus den Gewerkschaften kommt Kritik. "Scheer hat von Wirtschaftspolitik so wenig Ahnung wie seine Wahlhelfer von der Linken", schimpft Volker Weber, der mittelhessische Bezirksleiter der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie. "Deren ideologische Wirtschaftsmodelle haben immerhin zu DDR-Zeiten schon bewiesen, dass sie eine ganze Volkswirtschaft gegen die Wand fahren können. Scheer hat diese Erfahrung noch vor sich."

Scheer reagiert empfindlich auf Zweifel an seinen Fähigkeiten. "Was, bitte, ist der Wirtschaftsflügel? Hat jemand ein Monopol auf Wirtschaftsfragen?", fragte er pikiert einen Interviewer der "taz". Auch in der Wirtschaft gebe es beides, "Strukturkonservative und Zukunftszugewandte". Mancher Genosse in Hessen ist bereit, um des lieben Friedens willen dem ungetesteten Minister einen Vertrauensvorschuss zu geben. Jeder könne schließlich dazu lernen, sagt ein Abgeordneter.

In der Bundestagsfraktion, wo Scheer wohlbekannt ist, wird das skeptischer gesehen. Ypsilanti werde sich noch umschauen, heißt es hier. Der promovierte Sozialwissenschaftler sei sehr überzeugt von seiner eigenen Meinung und nur schwer umzustimmen. Schon die Tatsache, dass er überhaupt dieses Ressort bekommen habe, spreche Bände. "Das geht nur unter Ypsilanti", sagt ein Genosse. "In keinem anderen Land wäre jemand auf die Idee gekommen, Scheer zum Wirtschaftsminister zu machen."

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