Hessen-Chaos Metzger bleibt - SPD bekommt Angst vor Jamaika

Die hessische SPD-Rebellin Metzger beharrt auf ihrer Position - jetzt stehen ihr einsame Zeiten bevor. Denn ihre Partei fühlt sich um die Träume von der Macht gebracht. Möglicherweise auf lange Sicht: Die Grünen gehen schon auf Distanz, es droht ein Seitenwechsel zum Jamaika-Bündnis mit CDU und FDP.

Von , Wiesbaden


Wiesbaden - Die Frau, die zum Alptraum für Andrea Ypsilanti wurde, wirkt gelöst und selbstbewusst. Als Dagmar Metzger vor die Presse tritt, ist sie nicht mehr die verhuschte, zweifelnde Gestalt wie noch vor drei Tagen.

Am Wochenende noch erntete sie in Frankfurt brutale Kritik von den eigenen Genossen für die Ankündigung, Ypsilanti nicht zur Ministerpräsidentin zu wählen. Danach sprach die Abweichlerin davon, ihr Mandat möglicherweise niederzulegen.

Einsame Abgerodnete: Dagmar Metzger vor einem Bild ihrer Fraktion
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Einsame Abgerodnete: Dagmar Metzger vor einem Bild ihrer Fraktion

Davon ist nun keine Rede mehr. Seit Freitag habe sie großen Rückhalt erfahren, sagt Metzger. Am Freitag, da hatte sie Ypsilantis rot-rot-grüne Regierungsträume beendet. Unterstützung erfuhr sie danach nicht nur in mehreren Tausend E-Mails, auch ein ehemaliger Parteichef sprang der Abweichlerin bei. Hans-Jochen Vogel habe ihr geraten, das Mandat zu behalten, erzählt sie stolz. Und Vogel war immerhin mal vier Jahre lang Vorsitzender der SPD - von 1987 bis 1991.

Trotz der äußeren Gelassenheit weiß Metzger genau: Sie ist mit ihrer Entscheidung zu einer Außenseiterin in der SPD geworden. Zwar wurde ihre Entscheidung in der Fraktion sachlicher diskutiert worden als noch am Samstag, die Genossen reagierten dennoch enttäuscht und mit Unverständnis. Denn nun drohe eine zähe Patt-Situation im Parlament unter einem geschäftsführenden Regierungschef Roland Koch.

Der werde SPD-Anträge geschickt blockieren, befürchten die Sozialdemokraten. Zudem sei ungewiss, was die Grünen machen. Noch stehen sie an der Seite der SPD, aber wie lange noch? Irgendwann könnten sie den Verlockungen einer Jamaika-Koalition ohne Koch erlegen. Auch dieser Tabubruch ist in Wiesbaden nicht mehr unvorstellbar. Schließlich hat die FDP bereits Lunte gerochen: Heftig bezirzt Partei-Chef Jörg-Uwe Hahn seit Freitag seine alten Erzfeinde.

Ypsilanti ist angeschlagen

Ypsilantis Situation wird dagegen nicht einfacher. Zwar sagt sie nach der Fraktionssitzung, der rot-rot-grüne "Prozess" sei lediglich "auf Eis gelegt". Doch ob sie selbst noch dran glaubt, Kochs Nachfolgerin werden zu können? Es sieht nicht danach aus. Ypsilanti wirkt angeschlagen. Nach dem gescheiterten Versuch, die abtrünnige Parteikollegin loszuwerden, muss sie ihre Niederlage eingestehen. Metzgers Entscheidung betreffe "jeden einzelnen Abgeordneten", sagte Ypsilanti. Doch sie ist diejenige, die ihren eigenen Laden nicht auf sich einschwören konnte.

Komme, was wolle: Dagmar Metzger wird es nicht leicht haben in den kommenden Wochen. Am 29. März ist Parteitag in Hanau. Dort wird sie sich noch einmal scharfen Angriffen erwehren müssen. In der Fraktion wurde sie wiederholt kritisiert, das Votum des Parteitages nicht abgewartet zu haben. Doch egal, wie heftig die Angriffe in Hanau ausfallen - Metzger will sich auch davon nicht mehr in ihrer Entscheidung beirren lassen. Mit "Yoga und autogenem Training" habe sie die enorme Belastung der vergangenen Tage überstanden, verrät sie.

Enttäuscht sei sie allerdings auch. Darüber, am Samstag keinerlei Unterstützung erfahren zu haben. Obwohl sie sich weigert, Namen zu nennen, ist klar, wen sie meint: Fraktionsvize und Ypsilanti-Rivale Jürgen Walter gilt als Strippenzieher von Metzgers Entscheidung. Als es in Frankfurt dann jedoch hart zur Sache ging, zog er den Kopf ein und ließ die unerfahrene Genossin mit dem Frust ihrer Partei alleine.

"Warum andere geschwiegen haben, kann ich nicht beantworten", sagte Metzger. "Das muss jeder für sich entscheiden." Aus dieser Antwort spricht Bitterkeit. Zwar hoffe sie, den "Spießrutenlauf" mit diesem Tag hinter sich zu haben. Doch Metzger weiß auch: Viel Freude wird sie in ihrer ersten - und vermutlich auch letzten - Legislaturperiode nicht mehr haben.

Grüne gehen auf Distanz

Denn die Genossen fühlen sich um ihre Chance gebracht, Koch abzulösen und Wahlversprechen einzulösen. Es sei doch etwa "kaum so, dass Koch ein Gesetz zur Abschaffung von Studiengebühren sofort umsetzen wird", klagt etwa der Abgeordnete Christoph Degen. Wenn Ypsilanti am 5. April gewählt worden wäre, "hätten wir den Studenten schon die letzten Beiträge erstattet", stellt Degen fest. Nun drohe in diesem Bereich wie in vielen anderen Stillstand.

Und es kommt noch schlimmer für die SPD. Langsam aber sicher beginnen die Grünen sich zu distanzieren. In einem Interview der "Frankfurter Rundschau" kritisierte der grüne Fraktions-Geschäftsführer das Parteimanagement der SPD massiv. Es habe "schon beim ersten Windzug versagt" und Ypsilanti "ins Messer laufen lassen", urteilte Frank Kaufmann. Das Interview wird in der Sitzung der Genossen heiß diskutiert. Nach außen herrscht Empörung über die "Anmaßung" des Wunschpartners.

Doch intern gibt auch der eine oder andere Ypsilanti-Anhänger zu: Unrecht haben die Grünen mit ihrer Kritik nicht.

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