Hessen-Wahl Liberale retten Kochs Comeback

"Der Spuk ist vorbei" - erleichtert nimmt Roland Koch das hessische Wahlergebnis zur Kenntnis. Doch von Partylaune keine Spur: Denn der CDU-Ministerpräsident hat nur dank der FDP eine satte bürgerliche Mehrheit im Rücken. Er selbst ist unpopulär, und das scheint ihm sehr bewusst.

"So", sagt Roland Koch. Das ist sein Schlusswort. Müde schaut er nach unten. Verbeugt sich einmal, verbeugt sich ein zweites Mal.

Geschafft. Erledigt.

"Der Spuk ist vorbei", hat er gesagt, die hessischen Verhältnisse sind beendet. Dann dieser Satz: Die Gewinne der FDP im bürgerlichen Lager könnten auch daran gelegen haben, dass sich die anderen im Wahlkampf besonders mit seiner Person beschäftigt hätten.

Koch spielt auf seine niedrigen Sympathiewerte an, die auch in Umfragen und Analysen am Wahltag wieder bestätigt wurden. Seine 37-Prozent-Schlappe ist nur dank der starken FDP ein Sieg. Das Publikum verharrt still vor lauter Selbstkritik. Eigentlich ist man ja zum Jubeln hier, auf der CDU-Wahlparty in Saal 501 des Landtags zu Wiesbaden.

Aber vorn auf der Bühne steht der geschaffte Roland Koch.

Macht sich da einer kleiner, um später wieder umso größer herauszukommen? Wie viel davon ist ehrlich empfundende Demut?

Volker Bouffier jedenfalls reicht es jetzt mit Selbstkritik. Die Nummer zwei der Hessen-CDU drängt ans Mikro, gerade als die Koch-Fans im Raum ein vorsichtiges "Roland, Roland" anstimmen. "Können wir ja gleich machen", ruft Bouffier ihnen zu. Er habe da noch "eine Ergänzung". Und dann macht er das, was sie in der Hessen-CDU schon immer am besten konnten: den Mythos vom Kampfverband, der verschworenen Gemeinschaft anrufen. Hinter und neben Koch steht unterdessen nahezu seine komplette Kabinettsmannschaft.

Vom "Projekt 18" will die FDP jetzt lieber nicht reden

Stolz sei man auf den Roland, gemeinsam mit seiner Frau habe er ein Jahr "Achterbahn gestaltet, erduldet". Und jetzt das Comeback geschafft. Bouffier lächelt breit. Koch lächelt, als wolle er Bouffier einen Gefallen tun. Dann macht er eine Handbewegung in Richtung Ausgang: "So, ab!"

Bei den Liberalen ein paar Stockwerke tiefer dagegen ist Party angesagt. Die einen fürchten Bierknappheit, sollte der Konsum so weitergehen wie nach den ersten 16-Prozent-Prognosen. Die anderen fürchten Überheblichkeit. "Wir wollen nicht übermütig sein", sagen sie. Aber drei Ministerposten in der neuen Regierung sind schon drin, oder? "Darüber reden wir jetzt nicht."

Draußen steht FDP-Mann Hermann Otto Solms, Vizepräsident des Bundestags. Ein "Ausnahmeergebnis" sei das heute, sagt er, dimmt so die Euphorie um ihn herum.

Von einem "Projekt 18 Prozent", wie es Parteichef Guido Westerwelle 2002 ausrief und die FDP zur Spaßpartei machte, will Solms auch nach dem Hessen-Triumph nichts wissen: "Das wiederholen wir nicht, die Kampagne ist Geschichte." In Hessen werde es einen politischen Neuanfang geben, aber man werde "nicht den starken Max markieren", sagt Solms. Die FDP sei der Juniorpartner in Kochs Koalition.

"In guten und in schlechten Zeiten"

Koalitionen seien keine Liebesheiraten, sondern Zwangsehen, heißt es immer so schön im Polit-Jargon. An diesem Abend in Wiesbaden trifft das nicht zu, da haben sich zwei ziemlich lieb und basteln an der Trutzburg. "Bürgerliche Mehrheit" steht darauf. Koch: "Wir haben zusammengehalten in guten und in schlechten Zeiten und werden das auch in Zukunft tun."

Einmal an diesem Abend läuft eine kleine, strahlende Frau mit Lockenkopf auf ihn zu. Das ist Ruth Wagner, früher mal FDP-Vorsitzende in Hessen, von 1999 bis 2003 Wissenschaftsministerin unter Koch. Sie hielt ihm während der Schwarzgeldaffäre die Treue, gegen den Willen der Bundes-FDP. Bei der folgenden Wahl erreichte Koch die absolute Mehrheit - er bot Wagner trotzdem eine Koalition an, aber sie verzichtete. "Neuer Ministerpräsident, Roland", ruft sie jetzt und umarmt ihn. Sie flüstert ihm Aufmunterndes ins Ohr. "Die Welt ist, wie sie ist", antwortet Koch.

Nein, als Sieger fühlt er sich wohl nicht. Fragen nach einer möglichen Zukunft in der Bundespolitik würgt er ab. Dabei ist klar: Wenn Koch nach der Bundestagswahl im Herbst nach Berlin wechselt - etwa als Wirtschafts- oder Finanzminister -, dann steht in Hessen Volker Bouffier bereit. Aber Koch sagt an diesem Sonntag nur immer wieder, er werde die Bundespolitik "als hessischer Ministerpräsident" begleiten.

Es ist die Demutsnummer, natürlich. Koch, der gerade noch einmal Davongekommene.

Ähnliche Stimmung in der Berliner CDU-Zentrale. "Feiern wir, dass uns die FDP den Arsch gerettet hat", bringt es ein junger Mann auf den Punkt. Auch hier bauen sie sich eine Trutzburg mit dem Schriftzug "bürgerliche Mehrheit". Hessen zeige doch, dass es im Fünf-Parteien-System auch zu einer schwarz-gelben Mehrheit reiche.

Strafe für die Große Koalition?

Allerdings brachte Kochs CDU in absoluten Zahlen sogar weniger Wähler zur Abstimmung als vor einem Jahr. "Vielleicht verbirgt sich dahinter eine gewisse Lustlosigkeit der Wähler gegenüber der Hessen-CDU, die durch die Querelen der SPD überdeckt wurden", tröstet sich Gottfried Ludewig, der Vorsitzende des Rings Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS).

CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla redet, als hätten die hessischen Parteifreunde ein überragendes Ergebnis eingefahren. "Ein Abend der Freude" sei das, der Wahlsieger heiße Roland Koch. Nur: Der Applaus bleibt mau.

Schließlich Pofallas etwas überraschender Satz: "Wir haben alle Chancen, 40 plus X im Bund zu gewinnen." Das hessische Ergebnis gebe "Schwung und Rückendeckung im Superwahljahr".

Drei Kilometer entfernt, in der FDP-Bundeszentrale, wartet Guido Westerwelle noch nicht einmal die erste Hochrechnung ab. Schon nach der Prognose erklärt er strahlend: "Das ist ein guter Tag für Hessen, und es ist ein Auftakt nach Maß für Deutschland." Dann lobt er die hessischen Liberalen dafür, dass sie nicht gewackelt haben nach der Landtagswahl vor zwölf Monaten: "Wort halten und Charakterstärke, es wird vom Wähler belohnt."

"Grundsätzlich zeigen Bayern und Hessen, das Zweier-Koalitionen immer noch möglich sind", sagt Jürgen Koppelin, FDP-Haushaltsexperte im Bundestag. Der Zuwachs von FDP und Grünen zeige aber, dass die Wähler die Große Koalition abgestraft hätten. Die CDU komme mit ihrer Politik nicht rüber: "Für den sozialdemokratischen Kurs bei der Union trägt Frau Merkel die Verantwortung."

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