Hessens FDP-Chef Hahn Königsmacher im Höhenflug

Er ist der neue starke Mann in Hessen: FDP-Chef Jörg-Uwe Hahn hat seinem Duzfreund Roland Koch das Comeback gerettet - und sieht sich jetzt auf Augenhöhe mit dem Regierungschef. Auch in der Bundespartei wächst das politische Gewicht des 52-Jährigen.

Wiesbaden - Jörg-Uwe Hahn ist bestens gelaunt. Im feudalen "Kleinen Saal" des Wiesbadener Landtages eröffnet der FDP-Mann die Koalitionsverhandlungen mit seinem alten Kumpel, dem CDU-Landeschef Roland Koch. Hahn grinst. Seit vergangenem Sonntag, 18.00 Uhr, kann er vor Kraft kaum laufen.

Kein Wunder: Hahn ist der Königsmacher in Hessen. Mit dem Wahltriumph von 16,2 Prozent retteten seine Liberalen Koch die Haut. Der 52-Jährige ist damit der neue starke Mann des Bundeslandes. Und daran lässt er niemanden zweifeln, schon gar nicht seinen Duzfreund Koch.

Eine Stunde vor Auftakt der Verhandlungen sitzt Hahn in seinem Landtagsbüro. Es liegt auf einem Flur mit den Räumen der SPD. Dort herrscht gerade Untergangsstimmung, die Genossen haben ein Drittel ihrer Abgeordneten verloren, tränenreiche Abschiede und fade Durchhalteparolen reihen sich aneinander.

Hahn fläzt sich dagegen hochzufrieden auf seinem Bürosofa. Ob er denn nun der mächtigste Mann Hessens sei? Der Liberale lächelt und winkt ab: "Der politisch mächtigste Mann ist nach der Verfassung immer der Ministerpräsident." Kurze Pause, dann fügt er hinzu: "Der Ministerpräsident wird sehr klug beraten sein, die wichtigsten Dinge künftig mit mir abzustimmen. Das gilt sowohl für Landes- als auch für Bundesthemen."

Eine klare Ansage. Hahn weiß um seine Macht im Land. Immer wieder spricht er von sich selbst in der dritten Person. Er sagt dann Sätze wie: "Roland Koch und Jörg-Uwe Hahn sind sich ihrer Verantwortung sehr bewusst." Oder: "Natürlich wird ein Hahn da ein besonderes Gewicht haben."

In der CDU lästern bereits einige, das starke Ergebnis überfordere den FDP-Chef, er könne mit dem Machtzuwachs nicht umgehen. Zudem wird die interne Forderung nach drei oder vier Ministerien als Hybris angesehen. Schließlich sei Koch 1999 so gnädig gewesen, den Liberalen zwei Kabinettsposten zu geben, als diese gerade einmal 5,1 Prozent erreicht hatten.

Hahn-Koch-Connection entstand vor 20 Jahren

Die neuen hessischen Verhältnisse sind vor allem auch ein Ergebnis der engen Freundschaft zwischen Koch und Hahn. Beide zogen 1987 als junge Abgeordnete in den Landtag ein, ärgerten sich über die aggressiven Töne der Grünen gegen CDU-Ministerpräsident Walter Wallmann - und über die eigene Bedeutungslosigkeit.

Die gegenseitige Sympathie führte schließlich auch zu privaten Kontakten. Hans-Jürgen Hielscher, Präsidiumsmitglied der Hessen-FDP und damals ebenfalls Teil der Clique, erinnert sich: "Manch älterer Abgeordneter war damals furchtbar steif. Das war uns Jüngeren zuwider und wir haben uns parteiübergreifend locker zusammengetan." Es blieb nicht bei den politikertypischen Restaurantbesuchen, die schwarz-gelbe Connection besuchte Musicals und fuhr mehrfach in den Skiurlaub nach Österreich.

Jahre später wurde die enge Verbindung für Hahn zum Problem. Innerparteilich wurde ihm vorgeworfen, die Treue zu Koch zu übertreiben. "Wir unterscheiden mittlerweile private Freundschaft und berufliche Professionalität", erklärt Hahn. Doch wie stellt sich das praktisch dar? Man duze sich zum Beispiel nur, wenn es angebracht sei und nicht bei offiziellen Anlässen. Aber sicherlich sei es "hilfreich, wenn man sich gut versteht", gibt er zu.

Koch und Hahn kannten sich bereits vor ihrem Einzug in den Landtag aus der Kommunalpolitik. Als einziges Kind eines Bundeswehroffiziers fiel er in der Hessen-FDP früh durch seine harte Rhetorik auf. Er ist kein so guter Redner wie sein CDU-Pendant, kann aber in der Anhängerschaft mit klaren Freund-Feind-Bildern punkten. Wie Koch studierte er Jura und stieg in seiner Partei schnell auf, 1982 wurde er bereits als 26-Jähriger in den Landesvorstand gewählt.

Auseinandersetzungen mit Westerwelle

Hilfreich war die Männerfreundschaft für Koch vor allem im vergangenen Jahr. Da wollten SPD und Grüne Hahn zu einem Ampelbündnis überreden. Doch der Liberale weigerte sich strikt, sein Wahlversprechen zu Gunsten der CDU zu brechen. In der Folge scheiterte Andrea Ypsilanti mit dem Versuch, eine Minderheitsregierung unter Tolerierung der Linkspartei zu etablieren. Im Wahlkampf warb die FDP schlicht mit "Unser Wort gilt" - und sammelte Tausende enttäuschte SPD- wie CDU-Wähler ein.

Auch in der Bundes-FDP ist Hahn plötzlich ein wichtiger Faktor geworden. Seinen Wunsch, ins Parteipräsidium einzuziehen, kann Guido Westerwelle nun kaum noch ablehnen, obwohl das Verhältnis zwischen den beiden nach heftigen Auseinandersetzungen 2002 als angespannt gilt. Hahn attackierte den Parteichef damals für die "Projekt 18"-Strategie und warf ihm vor, sich zu stark vom Populismus Jürgen W. Möllemanns leiten zu lassen. "Inzwischen kommen wir aber sehr gut miteinander aus", sagt Hahn. "Er macht nicht mehr diese Spaßnummer und ich nicht mehr so meine spontanen Angriffe."

Westerwelle habe "einen guten Beitrag" im Wahlkampf geleistet - "und jetzt werde ich ihn auch vor der Europa- und der Bundestagswahl unterstützen", kündigt Hahn an. Worte eines Mannes, der vor Kraft strotzt. Egal wie die Koalitionsverhandlungen ausgehen und wie viele Posten es am Ende werden: Hahn gilt schon jetzt als großer Sieger.

Konservativ, klientelorientiert, unionsnah

Dabei steht er für eine gänzlich andere FDP als Westerwelle. Hahn ist ein Vertreter des Wolfgang-Gerhardt-Kurses – konservativ, klientelorientiert und unionsnah. Die Aussage im Wahlkampf, dieses Mal auch eine Ampel-Koalition nicht auszuschließen, dürfte eher taktisch bedingt gewesen sein. Kulturell und politisch ist Hahn ganz nahe an Koch – und meilenweit entfernt von Tarek Al-Wazirs Grünen.

Wie sehr er sich von Westerwelle unterscheidet, zeigte sich zuletzt auf einer Wahlveranstaltung Anfang Januar. Nach dem Dreikönigstreffen in Stuttgart war der Parteichef extra nach Hessen gereist, um Hahn im Wahlkampf zu unterstützen. Während der Rede des Ehrengastes im Gießener "Mathematikum" verließ der Spitzenkandidat jedoch einfach die Veranstaltung. Als Westerwelle erfuhr, dass Hahn zur Geburtstagsfeier seines Sohnes entschwunden war, entgleisten ihm die Gesichtszüge.

"Typisch Hahn", sagten später liberale Parteifreunde. Er leiste sich eben gelegentlich solche Kapriolen. Tatsächlich scheint die Unberechenbarkeit eine der wenigen Eigenschaften zu sein, die ihn von Koch unterscheidet.

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