Hessischer Wahlkampf Hardliner Koch feilt an Plan B

Inzwischen zweifelt sogar Roland Koch. Noch tingelt der hessische Ministerpräsident mit dem Wahlkampfschlager Jugendgewalt durchs Land. Aber der CDU-Hardliner hat längst eine Ersatz-Strategie parat, falls das Thema nicht bis zur Wahl trägt: den Frontalangriff auf die Linkspartei.

Von , Wiesbaden


Wiesbaden – Es ist ein Heimspiel für Roland Koch. Kelkheim – sein eigener Wahlkreis, mehr als 60 Prozent wählen hier die CDU. Ganz vorne im Restaurant "Zum Goldenen Löwen" sitzen zwei ältere Damen mit Perlen-Ohrringen und schicken Kostümen. Jeder Aussage ihres Ministerpräsidenten stimmen sie energisch zu. Autodiebe kommen zumeist aus Polen? Ja klar. Zuhälter alle aus Russland? Stimmt wohl. Auch die These, Drogenhandel werde vor allem von Afrikanern betrieben, unterstützen die beiden Unions-Seniorinnen inbrünstig.

Dass Koch dabei jedoch Aussagen von Gerhard Schröder im niedersächsischen Wahlkampf vor zehn Jahren zitiert, fällt den Kelkheimerinnen nicht auf. Sie fühlen sich wohl im "Goldenen Löwen" - mit ihrem Roland Koch und seinem Kampf gegen kriminelle Ausländer.

Der Wahlkämpfer wirkt trotz solcher Auftritte nachdenklich. Er grübelt, ob ihn das Thema Jugendkriminalität bis zur Wahl trägt. Sicher, Gerhard Schröder hat sich eingemischt, das sorgt noch mal für Wirbel. Dennoch ist Koch unsicher, ob er auf das richtige Pferd setzt. Oder ob er nicht lieber einen Frontalangriff auf die Linkspartei starten soll.

Koch juckt es in den Fingern, sich die "stinknormalen Kommunisten", wie er sie nennt, vorzunehmen. Ihren Einzug in den Landtag glaubt er zwar kaum verhindern zu können. Das zeigt sein Satz: "Ohne die Linkspartei gäbe es überhaupt keine Diskussion, wer die Wahlen am 27. Januar gewinnt." Aber für die Mobilisierung von unschlüssigen CDU-Wählern könnte die Konfrontation ziehen. Bei einer Bustour quer durch Hessen lässt er die mitreisenden Journalisten an seinen Gedanken teilhaben. Auf die Frage, ob er das Thema Jugendkriminalität bis zur Wahl durchziehen könne, sagt er: "Wahlkampf ist keine Mathematik, ich kann es nicht vorhersagen." Auch Diskussionen über Arbeitsplätze und die Bildungspolitik würden noch eine Rolle spielen.

Beim Seniorenkaffee in Offenbach warnt Koch dann vor einem Szenario mit SPD, Grünen und Linkspartei an der Regierung. "Wenn es eine linke Mehrheit gibt, wird Frau Ypsilanti sie auch benutzen", ist er überzeugt. Als Beispiel dafür zieht er Holger Börner heran, der vor der Wahl 1982 noch mit Dachlatten gegen die Grünen vorgehen wollte, sie dann aber 24 Stunden nach der Wahl doch in die Regierung geholt habe. An dieser Stelle erweist sich Koch allerdings als Geschichtsklitterer. Tatsächlich ließ sich Börner von den Grünen zunächst nur tolerieren, erst drei Jahre später zog die Partei um "Turnschuhminister" Joschka Fischer in die Regierung ein.

Kein Hardliner aus Überzeugung

Doch so agiert Koch. Er verkürzt, verdreht, polarisiert. Und sieht genau das als seine große Stärke an. "Aufgabe von Politikern ist es, Dinge auf den Punkt zu bringen." Denn eines weiß er auch: Sympathisch kommt er nicht rüber. Darum versucht er es auch gar nicht. Als Hardliner ist er glaubwürdiger. Auch das ist er nicht aus Überzeugung. Aber die Rolle des knüppelharten Polarisierers liegt ihm von allen am besten.

Insgesamt hält Koch bei seiner Tour viermal die gleiche Rede: in Offenbach, in Kelkheim, in Darmstadt und in Limburg. Wahlkampf ist redundant, das liegt in der Natur der Sache. Ins Auge fällt aber doch, wie penibel der CDU-Mann seine Auftritte auf das jeweilige Publikum abstimmt. In Darmstadt etwa – beim Seniorenkaffee im Mariensaal – redet er ganz bedächtig und langsam. Er hält sich am Podium fest und wirkt beinahe wie ein gemütlicher Landesvater. Fast schläfert er sich selbst ein. So verweist er auf die "Wahl am 27. September ..., ich meine natürlich am 27. Januar".

Ganz anders dagegen sein Verhalten im eigenen Wahlkreis. Das Podium im "Goldenen Löwen" wackelt, scheint jeden Moment auseinanderzufallen. Doch das stört Koch nicht. Er nimmt das Mikro in die Hand und läuft während seiner Rede auf der Bühne hin und her. "Nur mit der CDU bleibt Hessen sicher" lautet das Thema dieser Veranstaltung. Harte Handkantenschläge und die geballte Faust unterstützen die auffällig aggressiven Ansagen.

Heimat will angriffslustigen Koch

In Kelkheim geht es darum, die Heimat-Klientel zufriedenzustellen. Und die will einen angriffslustigen Koch. Also greift er an. Schröders Kanzlerjahre bezeichnet er als "sicherheitspolitisches Desaster" und den Jugendlichen aus Anne Wills Sendung am Sonntag "hätte man eine Woche in den Knast stecken müssen". Der Jugendliche hatte in der Talkshow gesagt, er habe mit 14 aufgehört, Straftaten zu begehen, weil er dann ja mit Konsequenzen hätte rechnen müssen. Im Umkehrschluss bedeutet das: Koch fordert Jugendknast auch für Jugendliche, die 12 oder 13 Jahre alt sind.

Bei der letzten Rede an diesem Tag wirkt Koch schwer erschöpft. Inzwischen ist es 22 Uhr, er redet in Limburg – ebenfalls einer CDU-Hochburg. Der Ministerpräsident ist ein bisschen erkältet, sagen seine Mitarbeiter, die Stimme klingt rau. So entschuldigt er sich gleich zu Beginn bei den Gästen in der Josef-Kohlmaier-Halle. Er habe schon einen langen Tag hinter sich. "Den letzten beißen da immer ein wenig die Hunde", wirbt er um Verständnis. Und tatsächlich, seine Sprüche zu Schröder, zu den Ausländern und den kriminellen Jugendlichen wollen nicht mehr so richtig zünden.

Der Applaus hält sich in Grenzen, die Leute wirken müde. Der Kreisvorsitzende Helmut Peuser attestiert seinem Ministerpräsidenten dann auch "eine nachdenkliche Rede". Eines brenne ihm aber noch auf der Seele: Die Sendung bei Anne Will sei unfair gewesen, da dort über jemanden in seiner Abwesenheit gesprochen worden sei. Heute Abend werde Koch bei Plasbergs ARD-Talk "Hart aber fair" auftreten. "Dort wird er noch einmal deutlichere Worte finden als hier bei uns", verkündet Peuser. Man darf gespannt sein.

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