Hetzjagd in Mügeln Polizeischutz für Herrn Singh

Von , Mügeln

2. Teil: Wurde "Volkes Wille" vollstreckt?


Ein Augenzeugen hatte zum fraglichen Zeitpunkt eine geschlossene Horde Jugendlicher an seiner Wohnung vorbei in Richtung Festplatz ziehen sehen - seiner Meinung nach vom äußeren Erscheinungsbild her Rechtsradikale. Und es gab eine E-Mail-Warnung vor einem gezielten Neonazi-Übergriff auf den Mügelner Jugendclub, die dieser auch an den Bürgermeister weitergeleitet hatte.

Der sorgt sich einstweilen um den guten Ruf seines kleinen Städtchens. "Wir haben hier keine rechtsradikale Szene", betont Gotthard Deuse (FDP) immer wieder. Wenn denn Neonazis hinter der Tat stecken, müssten sie von außerhalb gekommen sein. Das ist für ihn klar.

In der Tat gilt der Landkreis Torgau-Oschatz in der NPD-Hochburg Sachsen bislang nicht als ausgesprochener Hort des Rechtsextremismus. Allerdings liegt das Übel - wenn es nicht ohnehin schon da ist - sehr nah. Die inzwischen verbotene rechtsextreme Gruppierung "Sturm 34" terrorisierte etwa die Kreisstadt Mittweida, in Wurzen, im benachbarten Muldentalkreis, kam es immer wieder zu rechtsradikalen Übergriffen - im Mai grölten Jugendliche dort bei einem Fußballspiel der Kinderliga judenfeindliche Parolen - und in Breitenborn schlugen maskierte Neonazis am Pfingstsonntag vergangenen Jahres auf Besucher eines Dorffestes ein.

Keiner dieser Orte ist mit dem Auto mehr als eine Dreiviertelstunde von Mügeln entfernt.

Und selbst wenn die eigentlichen Provokateure von außerhalb kamen - Bürgermeister Deuse sollte sich womöglich dennoch Sorgen um die Gesinnung einiger seiner Einwohner machen. Denn unbeteiligt scheinen die Einheimischen letztlich nicht gewesen zu sein. Pizzeria-Betreiber Singh wurde kurz vor der Attacke nach eigenen Worten von einem Kunden seines eigenen Ladens bedroht. Auch ein anderer Zeuge will einige bekannte Gesichter in der wütenden Menge entdeckt haben - keinesfalls nur Auswärtige.

Sog der Gewalt

Und mindestens genauso entsetzlich: Etliche Festbesucher sollen der brutalen Treibjagd zugesehen haben, mindestens tatenlos, vielleicht sogar anfeuernd, schlimmstenfalls ließen sie sich vom Sog der Gewalt mitreißen. Wurde hier womöglich "Volkes Wille" vollstreckt? So etwas gab es schon einmal, wenn auch in noch viel schrecklicherem Ausmaß. Fast auf den Tag genau vor 15 Jahren setzten Rechtsradikale unter dem Beifall "normaler Bürger" Asylbewerberheime in Rostock-Lichtenhagen in Brand. Man möchte sich nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn die Angreifer von Mügeln in ihrer Raserei Molotow-Cocktails zur Hand gehabt hätten.

Die wenigen Bewohner Mügelns, die am Montagabend im Ort unterwegs sind, geben sich wortkarg. Ja, auf dem Fest war praktisch jeder, der nicht im Urlaub war. Erschrocken sind sie, sagen die meisten. Nur gesehen haben, will kaum einer etwas. Die Alten sagen, sie hätten längst im Bett gelegen, die Jungen blocken ab. Keine Ahnung, was da genau passiert ist. Neonazis? Nein, glaub ich nicht. Und immer wieder fällt in kleinen Variationen dieser Satz: "Wir sind doch nur so'n kleines Nest."

Ein kleines Nest, das buchstäblich über Nacht bundesweit berühmt wurde. Die Polizei will sich beim Motiv der Gewaltorgie nicht festlegen, so lange die inzwischen 15-köpfige Sonderkommission bei der Direktion Westsachsen nicht die einzelnen Puzzlestücke der Nacht zusammengesetzt hat. Man gehe derzeit nicht unbedingt von Ausländerfeindlichkeit als Hintergrund der Tat aus, heißt es.

Trotz eindeutiger Parolen wie "Ausländer raus" oder "Hier regiert der nationale Widerstand", die die Polizei inzwischen selbst bestätigt hat.

Festnahmen? Auch hier bisher Fehlanzeige. In der Tatnacht waren nur zwei Verdächtige vorübergehend festgesetzt worden - sie sind längst wieder auf freiem Fuß.

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