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22. August 2007, 14:19 Uhr

Hetzjagd in Mügeln

Polizeischutz für Herrn Singh

Von , Mügeln

Die Hetzjagd auf acht Inder im sächsischen Mügeln hat die Debatte um die ausländerfeindliche Gewalt in Ostdeutschland neu entfacht. Der Zufluchtsort der verprügelten Männer - die Pizzeria Picobello - steht vorsorglich unter Polizeischutz. Im Ort herrscht das große Schweigen.

Mügeln - Es ist so friedlich in Mügeln, so verdammt friedlich. Ein Postkartensonnenuntergang hat das Kopfsteinpflaster auf dem Markplatz nach einem kräftigen Sommerregen an diesem Montagabend für ein paar Minuten vergoldet, bevor sich die Dunkelheit über die sächsische Kleinstadt im Döllnitztal legt. Mit dem schwindenden Tageslicht scheinen fast alle hier die Straßen zu verlassen, wie ausgestorben liegt der Ort nun da.

Opfer Kulvir Singh vor der Pizzeria: Vom Mob verfolgt
DDP

Opfer Kulvir Singh vor der Pizzeria: Vom Mob verfolgt

Vier, fünf Teenager sitzen noch auf einer Bank, sie kichern, trinken Bier aus Flaschen und trotzen ein paar Regentropfen. In einem Auto vor der Volksbank knutscht ein Pärchen, hin und wieder röhrt ein aufgemotzter Kleinwagen vorbei, die Musik so laut, dass die ganze Karosse scheppert. "Jetzt komm schon", zischt eine alte Frau ihren Pudel an und zerrt an der Leine. Hinter ihr, im "Räuberkeller", geht auch in der letzten Gaststätte im Ortszentrum das Licht aus. Es ist nicht einmal neun Uhr.

Kleinstadtidylle für die einen, Kleinstadttristesse für die anderen.

Deplatziert wirkt in dieser abendlichen Ruhe nur der Streifenwagen, der unter einem Baum in einer düsteren Ecke des Dorfplatzes parkt. Was soll es hier schon zu beobachten geben?

"Die Polizei hat gesagt, sie will hier erst mal ein bisschen aufpassen", sagt Imbissbesitzer Singh, 35, dessen Lokal die beiden Beamten im Auto aus rund 25 Meter Entfernung im Blick haben. Singh steht in seiner spartanisch eingerichteten Pizzeria "Picobello" an der Hauptstraße von Mügeln hinter dem holzvertäfelten Tresen. Vor ein paar Stunden war Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) bei ihm, um Trost zu spenden.

Von der Rempelei zur Hetzjagd

Jetzt wirkt das freundliche Gesicht des Inders müde, er lässt die beiden Fliegen, die hartnäckig um seinen Kopf schwirren, gewähren. Singh hat kaum geschlafen in den vergangenen 40 Stunden. Seit jenen verhängnisvollen Ereignissen vom vergangenen Wochenende, die Spitzenpolitiker zu ihm in den Laden führen und die die Polizei nun veranlassen, sein Geschäft zu bewachen. Ereignisse, die angesichts der absoluten Ruhe und Friedfertigkeit, die Mügeln ausstrahlt, kaum vorstellbar sind.

Am frühen Sonntagmorgen war es auf dem Mügelner Altstadtfest nach einer vermeintlich harmlosen Rempelei auf der Tanzfläche des Festzeltes zu einer regelrechten Hetzjagd auf Singh und sieben Landsleute gekommen. Neonazi-Parolen grölend hatte ein wütender Mob von Dutzenden Festbesuchern die Inder quer über den Marktplatz geprügelt, sechs der Verfolgten retteten sich in Singhs Pizzeria, schlossen sich ein. Randalierer traten daraufhin Haustür und Hintertür ein, Scheiben gingen zu Bruch, Singhs Auto wurde demoliert. Erst ein Großaufgebot von 70 Beamten konnte die tobende Menge zurückdrängen, wurde aber selbst mit Flaschen, Gläsern und Bierbänken attackiert. Bilanz des Gewaltexzesses: 14 Verletzte, darunter vier Angreifer, zwei Polizisten und alle acht Inder.

Singh hat keine offensichtlichen Verletzungen, keine Schnittwunden und Blutergüsse wie einige seiner Bekannten. Doch ihn treibt die Sorge vor neuen Überfällen um. "Ich habe Angst", sagt er. "Ich bin doch jetzt der Anhaltspunkt für die."

Die. Die Schläger. Die Neonazis? "Ich weiß es nicht", sagt Singh. "Es ging ja alles so schnell."

Sicher ist sich Singh, dass in der Nacht von Samstag auf Sonntag auf dem Marktplatz eine Gruppe Jugendlicher nur darauf wartete, dass seine Begleiter und er das Zelt verließen. Nach seinen Worten hatten die acht einer Konfrontation eigentlich aus dem Weg gehen wollen, nachdem ihn ein ihm bekannter Festbesucher vor "Stunk" gewarnt hatte. Ob er die jungen Schläger vor dem Zelt der rechtsextremen Szene zuordnen würde? Singh zuckt mit den Schultern.

Wurde "Volkes Wille" vollstreckt?

Ein Augenzeugen hatte zum fraglichen Zeitpunkt eine geschlossene Horde Jugendlicher an seiner Wohnung vorbei in Richtung Festplatz ziehen sehen - seiner Meinung nach vom äußeren Erscheinungsbild her Rechtsradikale. Und es gab eine E-Mail-Warnung vor einem gezielten Neonazi-Übergriff auf den Mügelner Jugendclub, die dieser auch an den Bürgermeister weitergeleitet hatte.

Der sorgt sich einstweilen um den guten Ruf seines kleinen Städtchens. "Wir haben hier keine rechtsradikale Szene", betont Gotthard Deuse (FDP) immer wieder. Wenn denn Neonazis hinter der Tat stecken, müssten sie von außerhalb gekommen sein. Das ist für ihn klar.

In der Tat gilt der Landkreis Torgau-Oschatz in der NPD-Hochburg Sachsen bislang nicht als ausgesprochener Hort des Rechtsextremismus. Allerdings liegt das Übel - wenn es nicht ohnehin schon da ist - sehr nah. Die inzwischen verbotene rechtsextreme Gruppierung "Sturm 34" terrorisierte etwa die Kreisstadt Mittweida, in Wurzen, im benachbarten Muldentalkreis, kam es immer wieder zu rechtsradikalen Übergriffen - im Mai grölten Jugendliche dort bei einem Fußballspiel der Kinderliga judenfeindliche Parolen - und in Breitenborn schlugen maskierte Neonazis am Pfingstsonntag vergangenen Jahres auf Besucher eines Dorffestes ein.

Keiner dieser Orte ist mit dem Auto mehr als eine Dreiviertelstunde von Mügeln entfernt.

Und selbst wenn die eigentlichen Provokateure von außerhalb kamen - Bürgermeister Deuse sollte sich womöglich dennoch Sorgen um die Gesinnung einiger seiner Einwohner machen. Denn unbeteiligt scheinen die Einheimischen letztlich nicht gewesen zu sein. Pizzeria-Betreiber Singh wurde kurz vor der Attacke nach eigenen Worten von einem Kunden seines eigenen Ladens bedroht. Auch ein anderer Zeuge will einige bekannte Gesichter in der wütenden Menge entdeckt haben - keinesfalls nur Auswärtige.

Sog der Gewalt

Und mindestens genauso entsetzlich: Etliche Festbesucher sollen der brutalen Treibjagd zugesehen haben, mindestens tatenlos, vielleicht sogar anfeuernd, schlimmstenfalls ließen sie sich vom Sog der Gewalt mitreißen. Wurde hier womöglich "Volkes Wille" vollstreckt? So etwas gab es schon einmal, wenn auch in noch viel schrecklicherem Ausmaß. Fast auf den Tag genau vor 15 Jahren setzten Rechtsradikale unter dem Beifall "normaler Bürger" Asylbewerberheime in Rostock-Lichtenhagen in Brand. Man möchte sich nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn die Angreifer von Mügeln in ihrer Raserei Molotow-Cocktails zur Hand gehabt hätten.

Die wenigen Bewohner Mügelns, die am Montagabend im Ort unterwegs sind, geben sich wortkarg. Ja, auf dem Fest war praktisch jeder, der nicht im Urlaub war. Erschrocken sind sie, sagen die meisten. Nur gesehen haben, will kaum einer etwas. Die Alten sagen, sie hätten längst im Bett gelegen, die Jungen blocken ab. Keine Ahnung, was da genau passiert ist. Neonazis? Nein, glaub ich nicht. Und immer wieder fällt in kleinen Variationen dieser Satz: "Wir sind doch nur so'n kleines Nest."

Ein kleines Nest, das buchstäblich über Nacht bundesweit berühmt wurde. Die Polizei will sich beim Motiv der Gewaltorgie nicht festlegen, so lange die inzwischen 15-köpfige Sonderkommission bei der Direktion Westsachsen nicht die einzelnen Puzzlestücke der Nacht zusammengesetzt hat. Man gehe derzeit nicht unbedingt von Ausländerfeindlichkeit als Hintergrund der Tat aus, heißt es.

Trotz eindeutiger Parolen wie "Ausländer raus" oder "Hier regiert der nationale Widerstand", die die Polizei inzwischen selbst bestätigt hat.

Festnahmen? Auch hier bisher Fehlanzeige. In der Tatnacht waren nur zwei Verdächtige vorübergehend festgesetzt worden - sie sind längst wieder auf freiem Fuß.

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