Heuschrecken-Vergleich Historiker prangern Münteferings Wortwahl an

Kapitalisten mit Heuschrecken gleichzusetzen, das geht dem Historiker Michael Wolffsohn zu weit. Er wirft SPD-Chef Müntefering vor, seine Rhetorik ähnle der Nazi-Hetze gegen Juden. Der Antisemitismus-Forscher Schoeps verteidigt Wolffsohn, der SPD-Abgeordnete Edathy fordert dagegen eine Entschuldigung.

Von Yassin Musharbash


Kapitalismuskritiker Müntefering: "Aus dem Wörterbuch des Unmenschen"
REUTERS

Kapitalismuskritiker Müntefering: "Aus dem Wörterbuch des Unmenschen"

Berlin - "Über Münteferings Stil", ist der Debattentext überschrieben, den der jüdische Historiker Michael Wolffsohn, Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München, heute in der "Rheinischen Post" veröffentlichte. Tatsächlich taucht Müntefering erst im letzten Viertel des Essays auf. Die Passage aber, die sich mit dem Vergleich zwischen Kapitalisten und Heuschrecken beschäftigt, den der SPD-Chef vor kurzem gezogen hatte, hat es in sich: "60 Jahre 'danach' werden heute wieder Menschen mit Tieren gleichgesetzt, die - das schwingt unausgesprochen mit - als 'Plage' vernichtet, 'ausgerottet' werden müssen."

Müntefering, ein Nachahmer nationalsozialistischer, antisemitischer Hetzpropaganda? Wolffsohn lässt in seinem Aufsatz keinen Zweifel daran, dass er eine Parallele erkennt: "Diese 'Plage' nennt man heute 'Heuschrecken', damals 'Ratten' oder 'Judenschweine'. Wörter aus dem Wörterbuch des Unmenschen, weil Menschen das Menschsein abgesprochen wird", fährt der Historiker fort. Weiter oben in seinem Text schreibt er: "Man reibt sich die Augen und will es nicht glauben: In der größten Regierungspartei des heutigen Deutschland kursiere eine schwarze Liste von vermeintlich hyperkapitalistischen Unternehmen. Mindestens zwei sind 'jüdisch' bzw. tragen jüdische Namen. Das wird, anders als 'damals', natürlich nicht offen erwähnt, doch wer's weiß, der weiß."

Wolffsohns Beitrag sorgte heute für helle Aufregung in der SPD-Fraktion. Der Bundestagsabgeordnete Sebastian Edathy, Rechtsextremismusexperte der SPD-Fraktion, verlangte umgehend eine Entschuldigung von Wolffsohn und sprach von "völlig unverständlichen und absurden Vergleichen". Der "unterschwellige Vorwurf, Müntefering verbreite Antisemitismus" sei "empörend" und müsse "mit aller Schärfe" zurück gewiesen werden. "Wolffsohn hat sich im Ton vergriffen, das ist eine Unverschämtheit", sagte Edathy zu SPIEGEL ONLINE. Der SPD-Politiker Rainer Wend, Vorsitzender des Bundestagswirtschaftsausschusses, kommentierte Wolffsohns Äußerung gegenüber der "Netzeitung" mit den Worten, "der Mann hat sie nicht alle". Aus dem Willy-Brandt-Haus kam allerdings keine Stellungnahme: "Die SPD will das nicht kommentieren", erklärte ein Parteisprecher SPIEGEL ONLINE auf Nachfrage.

"Das tut man nicht!"

Der Antisemitismus-Experte Julius H. Schoeps, Direktor des Moses-Mendelssohn-Zentrums und Professor für Neuere Geschichte in Potsdam, nahm Wolffsohn dagegen in Schutz. Er halte es aber für "skandalös", wie die "Rheinische Post" den Beitrag des Historikers auf ihrer heutigen Seite 1 zusammengefasst habe. "Wolffsohn sagt: 'So bitte nicht', und die Zeitung macht gleich eine Attacke daraus!", sagte er zu SPIEGEL ONLINE. Tatsächlich habe Wolffsohn einen nachdenklichen Text verfasst. Die Schlagzeile "Wolffsohn: Müntefering ist hetzerisch" sei "aus dem Zusammenhang eines durchaus akzeptablen Essays gerissen". Wolffsohn erinnere lediglich "daran, wie es früher war, aber er macht keine Vorwürfe", sagte Schoeps weiter.

Historiker Schoeps: "Aus dem Zusammenhang gerissen"
DPA

Historiker Schoeps: "Aus dem Zusammenhang gerissen"

In Bezug auf Münteferings Vergleich findet allerdings auch Schoeps: "Tiere mit Menschen gleichsetzen - das tut man schlicht und einfach nicht." Möglicherweise habe der SPD-Chef nicht daran gedacht, dass es in der Geschichte ähnliche Vergleiche schon einmal gegeben habe. Seine Rhetorik könne helfen, Vorurteile zu schüren.

Es ist nicht das erste Mal, dass Wolffsohn mit einer pointierten Meinungsäußerung für Wirbel sorgt. Anfang Mai 2004 hatte er mit umstrittenen Thesen über die mögliche Zulässigkeit von Folter im Kampf gegen den Terrorismus eine heftige Debatte ausgelöst. Verteidigungsminister Peter Struck hatte Wolffsohns Äußerungen für unakzeptabel erklärt und ihn einbestellt und gerügt.

Münteferings radikale Kapitalismuskritik und der umstrittene Vergleich ziehen seit Tagen Kritik und Lob an. Schon in der vergangenen Woche hatte Hans-Olaf Henkel, der frühere Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) und heutige Präsident der Leibniz-Gesellschaft, eine Parallele zwischen der Rhetorik des SPD-Vorsitzenden und der Weimarer Zeit gezogen. Auch in den dreißiger Jahren seien ausländische Investoren für die Misere in Deutschland verantwortlich gemacht worden, sagte er im ZDF.

Der SPD fehlt ein Redner

Wo Münteferings Verteidiger überfällige Kritik an gewissenlosen Gewinnmitnehmern erkennen, sehen seine Kritiker bedrohliche Anklänge an die Radikalrhetorik unseliger Zeiten. Noch immer ist unklar, ob der SPD-Vorsitzende seinen Heuschrecken-Vergleich mit Bedacht oder eher impulsiv gezogen hat. Müntefering selbst hat sich nicht zu dem Bild geäußert, es aber auch nicht wiederholt.

SPD-Politiker Edathy: "Unverschämt"
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SPD-Politiker Edathy: "Unverschämt"

Der Göttinger Politikprofessor Franz Walter, der ein Standardwerk über die Geschichte der Sozialdemokratie verfasst hat, bekannte im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, dass er auch ein gewisses Unbehagen angesichts eines Vergleiches von Menschen mit Tieren verspüre. Andererseits wäre es aber "Unfug", Kapitalismuskritik pauschal mit Antisemitismus gleichzusetzen, so Walter: "Die entscheidenden Theoretiker der SPD und des Antikapitalismus waren bis in die dreißiger Jahre vor allem jüdischer Herkunft: Karl Marx, Ferdinand Lassalle, Rosa Luxemburg, Rudolf Hilferding, Otto Bauer, Max Adler..." Wolffsohn lasse mit seiner heftigen Kritik diese wichtige historische Linie der SPD außer Acht.

"Der Zauber des klassischen Sozialismus war, dass diese jüdischen Theoretiker so ungeheuer bildreich sprechen konnten", sagt Walter. Helligkeit gegen Finsternis, Wüste versus Gelobtes Land - solcherlei alttestamentarisch anmutenden Bilder seien feste Bestandteile sozialdemokratischer Erlösungs-Rhetorik. Auch die Gleichsetzung von Arbeiterschindern mit Plagen gehöre durchaus dazu.

Müntefering attestierte er allerdings eine gewisse "Unbeholfenheit und Derbheit" des Ausdrucks. Vielleicht sei ihm in diesem Fall tatsächlich die historische Sensibilität abhanden gekommen. Sein kritisierter Vergleich sei wohl auch als Zeichen dafür zu werten, dass brillante Rhetoriker und bildmächtige Theoretiker in der SPD heute kaum noch zu finden seien. Niemand könne das bestehende Missfallen am Turbokapitalismus derzeit in angemessene Worte fassen, so Walter.



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