Heyes Reisewarnung Rassismus-Debatte verschärft sich

Kurz vor dem Start der Fußball-WM ist die Debatte über Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland voll entbrannt. Ex-Regierungssprecher Heye hat seine umstrittene Warnung für dunkelhäutige Fans heute zwar erneut relativiert. Gleichzeitig warnte er, man dürfe es nicht den Opfern überlassen, sich gegen Rassismus zu wehren.


Berlin - Gerade in Brandenburg erlebe er ein "besonders ausgeprägtes politisches und pädagogisches Engagement im Kampf gegen den Rechtsextremismus", sagte Uwe-Karsten Heye. Es gehe aber auch darum, dass der Afrika-Rat eine Warnung herausgegeben habe, in der er bestimmte Gebiete auch in Brandenburg als gefährlich für afrikanische Gäste der Fußball-WM ausweise. Die antirassistische Menschenrechtsorganisation "Gesicht zeigen!", deren Vorstandsvorsitzender Heye ist, erklärte, seit der Wende habe es pro Jahr 17 Todesopfer rechter Gewalt gegeben.

Man dürfe es nicht den Opfern überlassen, darüber nachzudenken, wie sie sich gegen Rassismus und Antisemitismus zur Wehr setzen könnten, erklärte Heye. Dies liege in der Verantwortung der Gesellschaft. "Aber leider hat die Bereitschaft wegzusehen, zugenommen."

Heye forderte die Politik auf, mit dem Kleinreden und Bagatellisieren rassistischer Übergriffe in Deutschland aufzuhören und am Ende den Opfern die Schuld dafür zu geben, wenn sie durchgeprügelt oder schwer verletzt worden seien.

Unterstützung erhielt Heye heute vom Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber. Dieser forderte zur Versachlichung der Debatte auf - und gab Heye teilweise Recht: Er halte das Problem von Fremdenfeindlichkeit und rechtsextremer Gewalt nach wie vor für "real und beunruhigend", sagte Huber heute im Deutschlandfunk. Er sei aber dagegen, dass man es mit den ostdeutschen Bundesländern gleichsetze. Damit werde man den Anstrengungen dort nicht gerecht. Gerade das Land Brandenburg habe sich bemüht, offen mit Fremdenfeindlichkeit und rechtsextremer Gewalft umzugehen und sie auf politischer und zivilgesellschaftlicher Ebene zu bekämpfen.

Weiter Kritik an Heye

Harrsche Kritik zog sich Heye neben anderen auch von Brandenburgs Generalstaatsanwalt Erardo Rautenberg zu. Er bezeichnete die Warnungen als völlig unverständlich. Heye tue so, als könne man sich als Ausländer nicht nach Brandenburg trauen, ohne Gefahr zu laufen, an Leib und Leben verletzt zu werden, sagte Rautenberg dem RBB-Inforadio. Dies sei eine völlig unrealistische Einschätzung der Lage. "Wenn er das vor 15 Jahren gesagt hätte, dann hätte man das nachvollziehen können", erklärte Rautenberg. Aber dies heute zu sagen, entbehre jeder Grundlage. Ihm sei zudem unklar, welches Ziel Heye mit einer solchen Äußerung verfolge.

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble kritisierte Heyes Warnungen als verkürzt. Es gebe zwar mancherlei Anlass zur Sorge, seine Äußerungen würden dem Thema aber nicht gerecht, sagte Schäuble auf einer internationalen Veranstaltung zur Fußball-Weltmeisterschaft in Berlin. SPD-Fraktionschef Peter Struck nannte die Äußerungen kurz vor dem Beginn der WM "überhaupt nicht hilfreich". Die Menschen in Deutschland werden alles dafür tun, dass die Gäste das Land als gastfreundlich erlebten, sagte Struck.

Die Organisation "Gesicht zeigen", erklärte, der Deutsche äthiopischer Herkunft, Erymas M., der am Ostersonntag in Potsdam Opfer eines gewalttätigen Überfalls geworden war, sei "nur knapp mit dem Leben davon" gekommen. Es sei "unangemessen und verantwortungslos", diese Geschehnisse als Einzelfälle abzutun. Tatsache sei, dass es in Deutschland Gegenden gebe, die als "No-Go-Areas" bezeichnet würden. Die rechte Szene benutze dafür den Begriff "national befreite Zone" und brüste sich im Internet damit. Andere Initiativen benutzten den Begriff "Angst-Räume". Weiter heißt es: "Wir wissen aus unserer täglichen Arbeit, dass dunkelhäutige Menschen aus Angst vor Übergriffen bestimmte Regionen meiden - in ganz Deutschland." Die Tatsache, dass Heye am Schluss seines Interviews zugespitzt formuliert habe, habe eine Diskussion ausgelöst, die "an der Sache vorbei" gehe.

Wenige Wochen vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland hatte Heye gestern in einem Interview mit dem Deutschlandradio Kultur gesagt: "Es gibt kleine und mittlere Städte in Brandenburg und anderswo, wo ich keinem, der eine andere Hautfarbe hat, raten würde, hinzugehen. Er würde sie möglicherweise lebend nicht mehr verlassen."

ler/AP/dpa/ddp



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.