Zum Tod von Hildegard Hamm-Brücher Die unverbesserliche Liberale

"Freiheit ist für mich das Allerwichtigste": Mit Hildegard Hamm-Brücher starb die Grande Dame der FDP. Ihr Leben lang blieb sie eine unbeugsame Frau mit großer Zivilcourage.

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Von Karl-Ludwig Günsche


Sie war die große alte Dame des deutschen Liberalismus. Über ein halbes Jahrhundert war Hildegard Hamm-Brücher Mahnerin, Querdenkerin, moralische Instanz, eine freie Demokratin in der Tradition von liberalen Ikonen wie Theodor Heuss, Thomas Dehler und Karl-Hermann Flach. Am Ende ihres Lebens war sie selbst zu einer Ikone geworden. Jetzt ist Hamm-Brücher im Alter von 95 Jahren gestorben.

Bei aller Damenhaftigkeit war die FDP-Politikerin kantig und knorrig, zuweilen auch herrisch und hochfahrend, immer eigenständig, idealistisch, verlässlich und aufrichtig. Hildegard Hamm-Brücher war eine der prägenden Frauengestalten der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Ihre Biografie beginnt als Geschichte einer "höheren Tochter" des Berliner Bildungsbürgertums, deren heile Welt früh zerbrach. Ihr Vater starb 1931, als sie erst zehn Jahre alt war. Ihre Mutter ein Jahr darauf. Sie zog mit ihren vier jüngeren Geschwistern zur Großmutter nach Dresden in eine ebenfalls großbürgerliche Umgebung. Dort machte sie erstmals hautnah Bekanntschaft mit dem Naziterror: Sie durfte wegen ihrer jüdischen Herkunft nicht mehr Mitglied im Schwimmverein sein, nicht mit ins Landschulheim fahren, nicht an Schulfeiern teilnehmen und musste das Elite-Internat Salem nach einem Jahr wieder verlassen.

Das Studium als Schutz vor den Nazis

1942 brach ihre Welt endgültig auseinander: Ihre jüdische Großmutter nahm sich das Leben, um der Deportation ins KZ Theresienstadt zu entgehen. Zwei Brüder von Hildegard Hamm-Brücher kamen in Arbeitslagern der Nazis um. Sie selbst überlebte, weil sie einen starken Schutzschirm hatte: Sie studierte damals mit einer Sondergenehmigung Chemie am Institut von Nobelpreisträger Heinrich Wieland.

Der renommierte Chemiker arbeitete an kriegswichtigen Forschungen, und die Nazi-Schergen ließen ihm so viel Freiraum, dass er 25 jüdische Mitarbeiter vor der Deportation bewahren konnte. Wieland, ein "wackerer Anti-Nazi", schützte seine junge Doktorandin auch, als die Gestapo sie wegen ihrer Kontakte zum Widerstandskreis der "Weißen Rose" um Hans und Sophie Scholl im Visier hatte und einige ihrer Freunde hingerichtet wurden.

"Freiheit ist für mich das Allerwichtigste"

Die Begegnung mit den Geschwistern Scholl, die im Kampf für die Freiheit ihr Leben verloren hatten, prägte die Naturwissenschaftlerin. "Wenn andere dafür gestorben sind, will ich dafür leben", sagte sie nach Kriegsende. "Freiheit ist für mich das Allerwichtigste." Dieser Satz wurde zum Motto für ihr Leben und oft genug auch zu ihrem Kampfruf. Zunächst arbeitete sie nach dem Studienabschluss 1945 als Wissenschaftsjournalistin. Bald lernte sie den späteren Bundespräsidenten Theodor Heuss kennen und wurde von ihm für die Politik entdeckt. "Mädle, Sie müsset in die Politik", soll er zu ihr gesagt haben.

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Hamm-Brüchers Leben in Bildern: Mahnerin, Querdenkerin, moralische Instanz

1948 zog sie in den Münchner Stadtrat ein. Die 27-jährige, attraktive und unkonventionelle Freie Demokratin mischte den erzkonservativen CSU-Männerverein auf. Im Stadtrat lernte sie auch ihren späteren Mann kennen: Erwin Hamm, katholisch, verheiratet, CSU. Sie verliebten sich. Sie wurde schwanger. Um einen Skandal im stockkonservativen Bayern der damaligen Zeit zu vermeiden, verheimlichte das Paar seine Beziehung auch noch, als Sohn Florian schon geboren war. Erst nach Hamms Scheidung machten sie ihre Beziehung öffentlich und heirateten. 52 Jahre hielt diese Ehe. Erwin Hamm starb 2008 im Alter von 98 Jahren. Bis zuletzt hatte Hildegard Hamm-Brücher ihren demenzkranken Mann gepflegt.

Ihre politische Karriere war eindrucksvoll: Sechs Jahre saß sie im Münchner Stadtrat. Dem bayerischen Landtag gehörte sie insgesamt 22 Jahre lang an. 14 Jahre hatte sie ein Bundestagsmandat. Sie war Staatssekretärin im hessischen Kultusministerium, im Bundesbildungsministerium und Staatsministerin im Auswärtigen Amt. "Für meine Generation habe ich es, wie ich finde, sehr weit gebracht," zog sie am Ende dieses langen Lebens in der Politik stolz Bilanz.

Ihre Sternstunde im Parlament war zweifellos ihre Rede zum Misstrauensvotum gegen den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt. Die FDP-Führung hatte im Herbst 1982 die Koalition mit der SPD trotz aller Wahlversprechen aufgekündigt und wählte Helmut Kohl durch ein Misstrauensvotum zum Nachfolger. Hamm-Brücher begründete ihre Ablehnung des kalten Machtwechsels in der Bundestagsdebatte: "Ich finde, dass beide das nicht verdient haben: Helmut Schmidt, ohne Wählervotum gestürzt zu werden, und Sie, Helmut Kohl, ohne Wählervotum zur Kanzlerschaft zu gelangen. Zweifellos sind die beiden sich bedingenden Vorgänge verfassungskonform. Aber sie haben nach meinem Empfinden doch das Odium des verletzten demokratischen Anstands."

"Das hätte man mir nicht zumuten sollen"

Hamm-Brücher blieb bei der Wende 1982 im Gegensatz zu vielen anderen in der FDP. Aber sie hatte sich mit ihrer Bundestagsrede erbitterte Feinde gemacht: Wann auch immer sie in den folgenden Jahren nach einem politischen Amt strebte, verhinderten Hans-Dietrich Genscher, Klaus Kinkel und Helmut Kohl ihre Bewerbung. 1994 durfte sie zwar noch einmal für die FDP als Zählkandidatin für das Bundespräsidentenamt antreten. Absprachen zwischen den Parteiführungen von FDP und CDU/CSU sahen vor, dass sie ihre Kandidatur nach dem ersten Wahlgang zugunsten von Roman Herzog zurückziehen sollte. Doch sie blieb - wie so oft - unbeugsam.

Vor dem dritten Wahlgang zwang der damalige FDP-Chef Kinkel sie allerdings zum Rückzug. "Das hätte man mir nicht zumuten sollen", sagte sie später verbittert. Aber noch hielt sie ihrer Partei die Treue. Ausgetreten ist sie erst 2002, nach 54 Jahren Parteimitgliedschaft, wegen der "Annäherung der FDP an die antiisraelischen und einseitig propalästinensischen Positionen des Herrn Möllemann" , vor allem aber weil der damalige FDP-Chef Guido Westerwelle seinen innerparteilichen Gegner Jürgen Möllemann gewähren ließ.

Die innere Trennung von der FDP hatte Hildegard Hamm-Brücher wohl schon viel früher vollzogen. Eine "unverbesserliche, freischaffende Liberale" nannte sie sich nach ihrem Abschied aus der aktiven Politik. Aber das war sie eigentlich ihr Leben lang.



insgesamt 18 Beiträge
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gantenbein3 09.12.2016
1. Danke, Hildegard Hamm-Brücher,
...dass wir Sie haben durften.
lothar.thuermer 09.12.2016
2. Freiheit in Verantwortung!
Mit Frau Hamm-Brücher hat dieses Land eine moralische Instanz verloren. Sie hat Freiheit in Verantwortung vorgelebt. Sie wird uns fehlen.
Mark2014 09.12.2016
3. Oh wenn...
... wir doch viel mehr Politiker ihres moralischen Formats und ihrer Zivilcourage hätten - nun fehlt auch sie.
whitemac 09.12.2016
4. mein Respekt an Sie, verehrte Frau Hamm-Brücher
Es bedarf keiner weiteren Worte. Möge Ihre unbeugsame Haltung anderen Menschen als Vorbild und Ansporn dienen, gegen ungerechte und politisch gewollte Unkorrektheiten (auch Korruption genannt) - auch in Hamburg - ihre unbeugsame Haltung gegen gewisse Politiker und dem Staat aufrechtzuerhalten und sich nicht beugen zu lassen.
jogola 09.12.2016
5.
es war wohl die Freiheit, das Richtige freiwillig zu tun: "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde." Ihre Haltung wird fehlen, bei der Verteidigung der Aufklärung.
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