Hildesheim Sarrazin-Lesung aus Sicherheitsgründen abgesagt

Thilo Sarrazin kann die Lesereise zu seinem umstrittenen Buch nicht wie geplant beginnen: Die erste Station in Hildesheim wurde abgesagt - weil der Veranstalter Proteste fürchtet.

Sarrazin mit seinem umstrittenen Buch: Erste Lesung abgesagt
dpa

Sarrazin mit seinem umstrittenen Buch: Erste Lesung abgesagt


Hildesheim - Thilo Sarrazin, der wegen seiner Thesen zur mangelnden Integrationsbereitschaft von Ausländern im Kreuzfeuer der Kritik steht, wollte an diesem Donnerstag in Hildesheim eine Lesereise zu seinem neuen Buch beginnen. Doch nun wurde der Termin abgesagt - wegen Sicherheitsbedenken.

Michael Jens, Geschäftsführer der Buchhandlung Decius, die Sarrazin zu der Lesung eingeladen hatte, sagte, er befürchte Proteste am Rande der Veranstaltung. Nach der Ankündigung der Lesung seien sehr kontroverse Zuschriften bei der Buchhandlung eingegangen. Letztlich sehe man sich nicht in der Lage, die Sicherheit der Besucher und Mitarbeiter während der Veranstaltung zu gewährleisten, betonte eine andere Sprecherin der Buchhandlung gegenüber der Nachrichtenagentur ddp.

Eine Sprecherin der Deutschen Verlags-Anstalt machte am Dienstag klar, dass Hildesheim bislang die einzige Absage sei. Alle weiteren Stationen der Lesereise fänden wie geplant statt. Die erste Station der Lesereise ist somit Potsdam am 9. September. Anschließend folgen weitere Veranstaltungen unter anderem in Brüssel und München.

In Hildesheim war in den vergangenen Tagen scharfe Kritik an der geplanten Lesung laut geworden: Das Hildesheimer Bündnis gegen Rechts hatte erwogen, eine offizielle Protestkundgebung gegen die Veranstaltung anzumelden. Der Stadtverband der Jungsozialisten in Hildesheim wies in einer am Montag bekanntgemachten Erklärung Sarrazins Thesen über Minderheiten in der deutschen Bevölkerung als populistisch und ausländerfeindlich zurück. Der Dialogbeauftragte des türkisch-islamischen Kulturvereins Hildesheim, Emin Tuncay, kritisierte den geplanten Auftritt Sarrazins ebenfalls.

Sarrazin zu Gespräch bei Bundesbank in Frankfurt

Am Montag hatte Sarrazin das Buch "Deutschland schafft sich ab" erstmals in Berlin vorgestellt. In den vergangenen Tagen hatte der Bundesbank-Vorstand und frühere Berliner Finanzsenator mit Aussagen über die Integrationsfähigkeit von Muslimen und Gene von Juden Proteste auf sich gezogen. Der SPD-Vorstand beschloss am Montag, ein Parteiordnungsverfahren gegen Sarrazin einzuleiten.

Unterdessen hat die Bundesbank ihr Vorstandsmitglied am Dienstag zu einem Gespräch nach Frankfurt zitiert. Über das Ergebnis der Anhörung werde er anschließend mit dem Bundesbank-Vorstand beraten, sagte der Ethik-Beauftragte der Notenbank, der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler Uwe H. Schneider, der Nachrichtenagentur dpa in Frankfurt.

Der Beauftragte für Corporate Governance prüft, ob Vorstände gegen den Verhaltenskodex der Bundesbank verstoßen. Die Bundesbank hatte sich am Montag von Sarrazin distanziert und angekündigt, unverzüglich ein Gespräch mit dem früheren Berliner SPD-Finanzsenator zu führen. Anschließend solle zeitnah über weitere Schritte entschieden werden.

Zuletzt war von vielen Seiten Sarrazins Entlassung gefordert worden. So sagte die Integrationsbeauftragte Maria Böhmer (CDU) den "Ruhr Nachrichten", sie halte Sarrazin für "nicht mehr tragbar".

anr/ddp/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.