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Alexander Neubacher

Unterschätzte Geldentwertung Hilfe, Inflation

Alexander Neubacher
Eine Kolumne von Alexander Neubacher
Ihre Eltern konnten sich einen VW Golf leisten, bei Ihnen reicht es nur noch fürs Billigauto aus Rumänien? Hier finden Sie den Grund.
aus DER SPIEGEL 34/2021
Foto: Peter Steffen/ dpa

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Haben Sie das Gefühl, dass alles teurer wird? Sie irren sich nicht. Die Preise steigen. Obst, Gemüse, Benzin, Bekleidung, Mieten, Möbel, Reisen, Restaurantbesuche: Im Juli lag die Inflation bei 3,8 Prozent. Bundesbank-Chef Jens Weidmann rechnet bald sogar mit bis zu fünf Prozent. Vergleichbares gab es zuletzt vor 28 Jahren. Für Menschen mit einem geringen oder mittleren Einkommen wird es knapp. Wer 2020 noch gerade so mit seinem Geld auskam, ist statistisch jetzt immer schon einen Tag vor Monatsende pleite.

Ich wundere mich über die Wurstigkeit, mit der Verantwortliche das Thema abtun. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hält es für ein vorübergehendes Phänomen. Christine Lagarde, Chefin der Europäischen Zentralbank, kümmert sich mehr ums Weltklima als um stabile Preise in Deutschland. In Europa gelten wir sowieso als Neurotiker, die sich »endlich mal ein bisschen entspannen« sollten, wie der britische Historiker Frederick Taylor kürzlich im SPIEGEL erklärte.

Der Wirtschaftsminister redet das Inflationsthema klein, die EZB-Chefin kümmert sich lieber ums Weltklima

Es stimmt, ein Teil der Inflation geht auf Sondereffekte zurück, etwa auf die Mehrwertsteuer, die wegen Corona vorübergehend gesenkt worden war. Es stimmt aber auch, dass die echte Inflation längst höher ist als in der Statistik ausgewiesen. Selbst genutzte Häuser und Wohnungen etwa fallen bei der Teuerungsrate der EZB unter den Tisch. Dabei sind die Preise für Immobilien in den letzten Jahren teils dramatisch gestiegen.

Haben Sie sich auch schon mal gefragt, wie sich Ihre Eltern einen nagelneuen VW Golf leisten konnten, als sie in Ihrem Alter waren, während Sie nur einen Gebrauchten fahren? Die Antwort: 1974 kostete der erste VW Golf mit Basisausstattung umgerechnet etwa 4100 Euro. Laut offizieller Inflation, rund 200 Prozent seit 1974, wären das inzwischen gut 12.000 Euro. Für diesen Betrag bekommen Sie heutzutage aber keinen Golf mehr, sondern nur einen Dacia Duster aus Rumänien. Ein neuer Golf kostete Sie mindestens 20 000 Euro, fast 400 Prozent mehr als 1974.

Aus: DER SPIEGEL 34/2021

Die unheimliche Macht

Die letzten westlichen Soldaten hatten Afghanistan noch nicht verlassen, da überrollten die Taliban bereits das Land. Nun herrschen sie in Kabul, Tausende Menschen versuchen verzweifelt zu fliehen. In Berlin hat unterdessen die Suche nach Verantwortlichen für das Desaster begonnen: Warum warnten die Geheimdienste nicht?

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400 statt 200 Prozent – die Statistiker erklären diesen Unterschied zwischen echter Preissteigerung und offizieller Inflation damit, dass ein neuer VW Golf mit einem alten nicht so einfach zu vergleichen ist, er sei größer, schneller, moderner, neuerdings sogar mit Digitalanzeige. Deshalb rechnen sie die bessere Ausstattung aus der Inflation heraus. Man nennt diesen Trick »hedonische Methode«: Schon wird der Golf inflationsbereinigt zum Dacia. Womöglich reicht es bald nur noch zum Transportfahrrad mit Hilfsmotor.

Hohe Inflationsraten sind gefährlich. Sie fressen Kaufkraft und Ersparnisse auf, führen zu Altersarmut, vergiften die Wirtschaft. Man muss nicht in Panik verfallen, doch ich wünschte mir, das Thema würde in der Politik ernster genommen, als es derzeit der Fall ist.

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