Annett Meiritz

US-Präsidentschaftskandidatin Warum wir Hillary Clinton feiern sollten

Schon klar, Hillary Clinton wird niemals das Charisma eines Barack Obama verströmen. Dass sie in Deutschland kaum Begeisterung auslöst, ist trotzdem unverständlich.
Hillary Clinton

Hillary Clinton

Foto: ROBYN BECK/ AFP

Als Barack Obama im Juni 2008 zum Präsidentschaftskandidaten der US-Demokraten gekürt wurde, war seine Fangemeinde in Deutschland elektrisiert.

"Ankunft des Messias", "Warten auf den Heilsbringer, "Held der Welt", "Dalai Obama" - das sind nur einige der Schlagzeilen aus dieser Zeit. Er löste eine regelrechte "Obamania" aus. Dass die Kanzlerin den Kandidaten Obama nicht vorm Brandenburger Tor sprechen ließ, das war ein kleiner Skandal.

Die Euphorie von damals fehlt bei Hillary Clinton hierzulande völlig. Gerade wurde die Frau, die damals gegen Obama verlor, offiziell zur US-Präsidentschaftskandidatin gewählt. Die Konkurrenz von damals scheint vergessen, die Obama-Familie unterstützt Clinton leidenschaftlich.

In den vergangenen Tagen wurde in Deutschland überwiegend nüchtern über Clinton berichtet, dafür gab es reichlich Artikel über den scheidenden US-Präsidenten ("Clintons bester Cheerleader") und ihren Gatten Bill ("Ihr bester Mann"). Auch findet man kaum öffentliche Glückwünsche oder gar Jubel über die Entscheidung der US-Demokraten. "Danke, Bastian Schweinsteiger!", twitterte zum Beispiel die Bundes-SPD am Freitag. Einen eigenen Glückwunsch für Hillary Clinton gab es nicht.

Hillary Clinton ist keine Notlösung

Das ist seltsam und teilweise nicht nachvollziehbar. Denn es ist tatsächlich historisch, dass Hillary Clinton jetzt offiziell von den US-Demokraten ins Rennen geschickt und womöglich die nächste US-Präsidentin sein wird.

Clinton ist nicht nur das "kleinere Übel" zu Donald Trump. Sie ist eine kompetente, kluge, erfahrene Alternative zum Oberpopulisten der Republikaner. Eine, die hoffentlich möglichst viele US-Amerikaner wählen werden.

Und sie ist eine Frau. Das kann man nicht oft genug hervorheben - weil viele Menschen die Schuhe einer Politikerin noch immer interessanter finden als ihre Positionen.

Clinton hat sich von ihrer früheren Rolle der First Lady, die lächelnd im Garten des Weißen Hauses posiert und die Sexaffäre ihres Mannes aushält, längst emanzipiert.

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Philadelphia: Clintons Abschlussparty

Foto: NICHOLAS KAMM/ AFP

Sie war Rechtsanwältin, Senatorin und Außenministerin, ist Mutter und Großmutter. Für dieses Leben und diese Karriere verdient sie Respekt. Und mit Sicherheit auch etwas mehr Begeisterung.

Natürlich gibt es Gründe für die verhaltene Stimmung. Obama trat in einer völlig anderen Situation an: Nach zwei Amtszeiten George W. Bush brauchte das Land dringend "Change", Obama wurde der erste Afroamerikaner im Amt. Clinton fehlt das "Change"-Moment und Obamas Charisma.

Er galt als Mann des Aufbruchs, sie wird als Repräsentantin des Establishments gesehen, als Fortsetzung der Ära Bill Clinton. Teilweise ist ihr Imageproblem selbst verschuldet, etwa durch ihren unglaubwürdigen Umgang mit der E-Mail-Affäre.

Dennoch darf man nicht vergessen, dass ein Teil der Obama-Ekstase später nicht dem Realitätsscheck standhielt - einige seiner Ziele hat er nicht durchgesetzt. Auf Obama wurde im Vorfeld viel Hoffnung projiziert, ohne dass er sich konkret beweisen musste. Diesen Bonus bekommt Hillary nicht.

Clintons zuweilen hölzernes Auftreten sollten das Vertrauen in sie jedenfalls nicht schmälern. Wie oft wurde Angela Merkel vorgeworfen, sie könne Menschen nicht mitreißen? Jetzt ist sie eine der angesehensten Spitzenpolitikerinnen der Welt.

Hillary Clinton kann das auch werden. Sie könnte Trump verhindern und ihr Amt fähig gestalten. Über diese Perspektive darf man happy sein. Und es auch zeigen.

Im Video: Hillary Clintons Kandidatenrede

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