Ex-AfD-Mann Lührssen und die Bremen-Wahl Der brave Wutkandidat

Jahrzehnte arbeitete Hinrich Lührssen als "Stern TV"-Reporter, dann machte er ein paar Monate bei der AfD mit. Nun will er seiner Ex-Partei bei der Wahl in Bremen Stimmen abjagen - mit einem Bündnis wütender Bürger.

Hinrich Lührssen
Max Holscher/ SPIEGEL ONLINE

Hinrich Lührssen

Aus Bremen berichtet


Wahlkampf kann manchmal sehr trist sein. Hinrich Lührssen ist auf Werbetour in Bremen. Das Ziel des einst bekannten "Stern-TV"-Reporters an diesem Tag: ein Wochenmarkt in Bremen-Gröpelingen. Es ist keines der schicken Viertel der Hansestadt. Hier leben viele ältere Menschen, Personen mit wenig Geld, der Migrantenanteil ist hoch. Bei der Wahl 2015 gingen mehr als 50 Prozent gar nicht erst wählen. Das klingt nach AfD-Territorium.

Dass Lührssen gerade hier auftaucht, ist kein Zufall. Nichtwähler und Unzufriedene sollen dem Bremer Spitzenkandidaten der "Bürger in Wut" (BIW), einer Art Light-Version der AfD, zu einem Platz in der Bürgerschaft verhelfen. Die Zeit drängt. In einer Woche wird gewählt. Ein Wochenmarkt mit vielen Besuchern klingt eigentlich nach einer guten Wahl.

Um kurz nach 10 Uhr fährt Lührssen in einem weißen Kastenwagen am Wochenmarkt vor, parkt, steigt aus, schaut - und sieht einen einzigen Stand. Der Wochenmarkt besteht zu diesem Zeitpunkt aus exakt einem Fleischerwagen. Mehrere ältere Männer lehnen davor an einem Stehtisch und rauchen.

"Wenn das mal keine gute Location ist", sagt Lührssen. Er lacht aus Verlegenheit. "Ich kenne hier nicht alle Wochenmärkte", schiebt er entschuldigend hinterher.

Markttag in Bremen-Gröpelingen
Max Holscher/ SPIEGEL ONLINE

Markttag in Bremen-Gröpelingen

Lührssen öffnet die Klappe seines Transporters, steht auf einem Bein und hält sich an der Tür fest, um in die schickeren, schwarzen Lederschuhe zu schlüpfen. Der 60-Jährige zündet sich eine Zigarette an.

"Wollen wir mal rübergehen? Sonst sind die paar Leute da auch noch weg", sagt er und schließt seinen Wagen ab. Zurück bleibt sein kleiner Hund Lola auf dem Beifahrersitz.

In Bremen herrscht seit Wochen ein harter Konkurrenzkampf am rechten Rand: Die AfD hofft bei der Bürgerschaftswahl am 26. Mai auch im kleinsten Bundesland auf kräftigen Stimmenzuwachs. Doch in Bremen gibt es mit dem Wählerbündnis "Bürger in Wut" (BIW) einen direkten Mitbewerber, der ähnliche Positionen besetzt - und mit Hinrich Lührssen ein in Bremen durchaus prominentes Gesicht zu bieten hat.

In den Umfragen liegt die AfD derzeit bei etwa acht Prozent, knapp fünf Prozentpunkte unter dem Bundesdurchschnitt. Das dürfte teilweise auch an "Bürger in Wut" liegen. Die kommen im Schnitt auf drei Prozent. In Bremerhaven erhält das Bündnis aber meist mehr Stimmen - und das hat Auswirkungen.

Denn das Bremer Wahlrecht sieht zwei Wahlbereiche vor: Bremen und Bremerhaven. Wer in einem der Bezirke über fünf Prozent erzielt, zieht in den Landtag ein. In Bremerhaven ist das dem dortigen BIW-Spitzenkandidaten Jan Timke seit 2007 immer gelungen, in Bremen jedoch schaffte das Bündnis dies bislang nicht. Hinrich Lührssen glaubt dennoch an seine Chance - helfen soll neben seiner Prominenz auch die Wechselstimmung in der Hansestadt.

Seit mehr als 70 Jahren stellt die SPD den Regierungschef in Bremen. Doch die Umfragen für die Genossen um ihren Spitzenkandidaten und Ersten Bürgermeister Carsten Sieling sind im Keller. Rot-Grün hätte demnach keine Mehrheit mehr. Mehrere Koalitionsvarianten sind denkbar. Lührssen glaubt offenbar, Teil eines Bündnisses mit CDU und FDP zu werden. Quasi als Zünglein an der Waage, wenn es eng wird.

Doch dafür muss er erst einmal selbst in die Bürgerschaft einziehen. Das wird schwer genug.

Jan Timke
DPA

Jan Timke

Denn Lührssen war bisher kein Politiker - und das merkt man auch. "Hallo, ich habe hier was für Euch", sagt er, als er auf die drei Männer am Stehtisch zugeht. Bei der Begrüßung nennt er weder seinen Namen noch seine Position als Spitzenkandidat.

Der Rollentausch vom Reporter zum Politiker sei nicht so leicht gewesen, sagt er später. Als Journalist werde man meist freundlich empfangen. Aber als Politiker? Eher nicht.

"Woher kommst du denn?", fragt der 75-jährige Hans-Jürgen am Tisch vor dem Fleischerwagen. "Bürger in Wut? Ja komm, lass so 'n Ding mal hier", sagt Hans-Jürgen mit Blick auf die Flyer, die Lührssen in der Hand hält.

Die beiden kommen ins Gespräch, Lührssen erklärt, worum es seiner Partei geht: mehr Innere Sicherheit, mehr Polizisten als alle anderen Parteien, Verkleinerung des Parlaments, zentrale Aufnahmestellen für Flüchtlinge. Es klingt nach AfD. Das kommt an.

Die Männer regen sich über ein "Kopftuchland" auf - und meinen einige Bezirke des Stadtteils. Rumänen und Bulgaren stören sie auch. Aber AfD wollen sie dann doch nicht wählen. "Nee", sagen sie. "Das wollen wir nicht noch einmal mitmachen", und verweisen auf die Zeit des Dritten Reiches.

Zielgruppe: Protestwähler

Die Männer sind exakt Lührssens Zielgruppe. Eher ältere Menschen, konservativ, mit Tendenz zum Rechtspopulismus, aber eben noch nicht AfD-Wähler. Es ist ein schmaler Grat.

Das zeigte sich im vergangenen August: Der BIW-Vorsitzende Jan Timke, einst bei der Schill-Partei, sorgte für Schlagzeilen, weil er nach den Ausschreitungen in Chemnitz den Haftbefehl gegen die Verdächtigen auf Facebook teilte. Das Dokument verbreitete sich rasend schnell in rechten und rechtsextremen Netzwerken.

Timke will nicht Rechtspopulist genannt werden. Doch der Bremer Politikwissenschaftler Andreas Klee sieht bei der BIW eine Tendenz in diese Richtung. Denn mit der AfD sei die Konkurrenz am rechten Rand gewachsen, beide kämpften um Protestwähler und setzten auf eine ähnliche Strategie: Reduktion komplexer Sachverhalte.

Lührssen im Wahlkampf
Max Holscher/ SPIEGEL ONLINE

Lührssen im Wahlkampf

Größter Unterschied für den Politikprofessor: Die BIW setze auf eine Law-and-Order-Politik in Tradition der Schill-Partei. Bei Flüchtlingen verfolge sie aber das Motto: Sie sind willkommen, wenn sie sich benehmen. "Die 'Bürger in Wut' sind keine Nazis", sagt Klee. Die AfD konzentriere sich hingegen auf Flüchtlinge und Zuwanderung und mache diese für viele Probleme verantwortlich. Der Weg zum Rechtsextremismus sei dadurch kürzer.

Lührssen selbst erklärt den Unterschied seiner Partei zur AfD so: "Die wollen ein anderes Land, ein anderes System und raus aus der EU. Das will ich nicht", sagt er. Lührssen kennt sich mit der AfD aus. Schließlich war er selbst einige Monate Mitglied.

Flüchtlingskrise, Silvesternacht in Köln, Ausschreitungen bei G20: All das habe ihn dazu bewogen, sich politisch zu engagieren. Statt satirischer Beiträge für "Stern TV" und Radio Bremen entschied er sich für die AfD: "Der Wunsch nach einer konservativen Politik hat mich angetrieben."

Freunde und Kollegen brachen daraufhin den Kontakt ab, seine Familie sei ebenfalls nicht erfreut gewesen. Die früheren Kollegen schüttelten den Kopf über den etwas schrulligen Reporter. Einige glauben bis heute, Lührssen könnte am Ende schlicht eine Undercover-Recherche im Wallraff-Stil verfolgen.

"Gut, dass ich da raus bin"

Anfang 2019 überwarf sich Lührssen mit der Bremer AfD und ihrem Vorsitzenden Frank Magnitz. Lührssen sagt, es habe an der starken Hierarchie und Hinterzimmerabsprachen gelegen. Er habe mehr Transparenz und Demokratie gewollt. Dann der Bruch: "Inzwischen würde ich vor dem Verein da warnen. Gut, dass ich da raus bin."

Derzeit besteht die Gruppe der BIW in der Bürgerschaft aus drei Abgeordneten. Zwei von ihnen wechselten von anderen Parteien zu der Wählergemeinschaft. 100 Mitglieder zählt sie in Bremen, bundesweit sollen es 400 sein.

Lührssen hat den einzigen Marktstand inzwischen verlassen und wirft die Flyer in Briefkästen der umliegenden Häuser ein. "Wäre ja schön, wenn es mit der Wahl klappt", sagt Lührssen. 2,7 Prozent erhielt die Wählervereinigung 2015 in Bremen. Eine Steigerung auf fünf Prozent wären für ihn ein großer Erfolg.

Die größten Erfolge als Journalist feierte Lührssen vor Jahren mit seiner Rubrik "Werbung beim Wort genommen": Er testete die Versprechen von Unternehmen und großen Märkten auf ihren Wahrheitsgehalt. Ist er also tatsächlich so wütend, wie es der Name und die Werbung seiner eigenen Partei aussagt? "Nee", sagt er lachend und steckt die nächste Zigarette an. Wut könne aber dazu führen, sich mit einem Thema zu beschäftigen. Und: "Finden Sie mal einen besseren Namen."

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