Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 Der letzte der Verschwörer
Es ist der starre Blick, der einem zu schaffen macht. Philipp von Boeselanger fixiert einen imaginären Punkt an der gegenüberliegenden weißen Wand, wenn er redet. Aus der Gegenwart scheint er fast zu verschwinden, wenn der alte Mann von damals erzählt. Das Gesicht zeigt keine Mimik, die Hände liegen gefaltet im Schoß, nur manchmal reibt er mit den Fingern über den rechten Handrücken.
Lediglich dieser Blick lässt ahnen, wie tief und schmerzhaft die Ereignisse von damals für den Mann geblieben sind. Konzentriert und fast reglos sitzt der 86-Jährige da im Hochlehnstuhl in seinem Wohnzimmer im idyllischen Ahrtal und berichtet mit klaren, schnörkellosen Worten. In knappen Sätzen beschreibt er ein Land in den dreißiger und vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts, das Deutschland heißt - den meisten Deutschen heute aber fremder ist als die Antarktis oder der Mond.
Philipp von Boeselager war 25 Jahre alt, als er sich dem militärischen Widerstand gegen Hitler anschloss. Der junge Offizier aus rheinischem Adel wurde nach einem Bauchschuss an der Ostfront und sechs Monaten im Lazarett im Mai 1942 dem Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Mitte in Russland, Generalfeldmarschall Günther von Kluge, als Ordonanzoffizier zugeteilt - so eine Art "Mädchen für alles" auf höchstem Niveau. Zu seinen Aufgaben gehörte es, Kluge die eingehenden Meldungen vorzutragen. Hier bekam er zum ersten Mal mit, was hinter den Linien passierte.
Gleich in den ersten Tagen fiel ihm in einer solchen Meldung der Satz auf: Fünf Zigeuner sonderbehandelt. "Ich wusste gar nicht, was das ist, 'sonderbehandelt', und Kluge hatte das auch noch nie gehört." Der Absender der Meldung, ein SS-Obergruppenführer, erklärte es wenige Tage später beiden: ohne Gerichtsverfahren erschossen. "Da habe ich zum ersten Mal mitbekommen, dass von oben angeordnet worden war, alle Juden und Zigeuner, die man schnappen konnte, umzubringen." Er stieß immer wieder auf solche Informationen. Seine sowieso schon große Skepsis gegen die Nazis wandelte sich zu klarer Ablehnung.
Das schicksalhafte Telefonat mit Hitler
Entscheidend für Boeselagers weiteres Schicksal war ein Telefonat zwischen Adolf Hitler und Kluge zum 60. Geburtstag des Generalfeldmarschalls. Der junge Offizier sollte mithören - wie immer bei den Ferngesprächen Kluges. Hitler gratulierte und schenkte Kluge Bezugsscheine für Baumaterial und 250.000 Reichsmark (heute rund 500.000 Euro) für den Ausbau eines Kuhstalls auf dessen Gut. Kluge fragte seinen Untergebenen anschließend nach seiner Meinung dazu. Boeselager fand es ungewöhnlich, dass ein General im Krieg eine Dotation bekommen sollte. "Nach einem gewonnenen Krieg selbstverständlich, aber doch nicht im Krieg!" Er riet Kluge, das Geld dem Roten Kreuz zu spenden.
Anschließend war er völlig verunsichert darüber, ob seine spontane Antwort richtig war, und wollte sich Rat holen beim Ersten Generalstabsoffizier Henning von Tresckow. "Er war ein Mensch, zu dem man väterliches Vertrauen haben konnte." Doch aus dem Gespräch wurde nicht die erwartete Karriere-Beratung. Nach einem längeren Streit zwischen beiden, ob Tresckow selbst mit Kluge über das Hitler-Geschenk reden könne, offenbarte sich der väterliche Freund: "Der Feldmarschall darf sich nicht abhängig machen, wir brauchen ihn im Kampf gegen Hitler." Ein Satz wie ein Erdbeben. Ein Satz, der das Leben kosten konnte.
Für Boeselager war das die Eintrittskarte in den Kreis der Verschwörer. "Ab da war mir klar, dass irgendetwas gegen den Hitler unternommen wird, und das war mir auch Recht. Das Schmutzpotenzial Hitlers hatte sich langsam so angehäuft, dass ich nur noch schlecht schlafen und schlecht atmen konnte."
Auch militärische Erkenntnisse trugen zu dem Entschluss bei, mitzumachen. "Als Soldat sah ich, dass der Hitler militärisch verrückt war. Von November 1942 an war der Heeresgruppe Mitte klar, dass der Krieg verloren war", sagt er und verschweigt nicht, dass er, obwohl nie überzeugter Nazi, zu Anfang den Krieg für richtig gehalten hatte. "Wir wussten ja nicht, dass der polnische Angriff auf den Sender Gleiwitz inszeniert war, und dachten damals, das ist schon richtig so, dass wir zurückschlagen." Auch den Frankreichfeldzug 1940 hatte er noch für richtig gehalten.
"Wir waren im Krieg und rundrum wurde gestorben"
Abends traf er sich nun häufig mit Tresckow und dessen Ordonnanzoffizier Fabian von Schlabrendorff. Um die beiden hatte sich da bereits die stärkste Oppositionsgruppe in der Wehrmacht gebildet. "Da haben wir dann besprochen, wie wir das machen. Nicht ob - das war schon klar -, sondern nur noch wie man Hitler ausschalten könnte." Das Schwierigste in dieser Zeit sei für ihn die Einsamkeit gewesen. "Man konnte ja mit keinem darüber reden. Mit den Eltern nicht, mit niemandem. Das wäre viel zu gefährlich gewesen." Lange habe ihn die Frage gequält, ob er mit seiner Entscheidung für einen Putsch richtig liege. "Ich habe so eine richtige Kosten-Nutzen-Rechnung im Kopf gemacht. Die Vorstellung, den Menschen Hitler umzubringen, war nicht schlimm. Wir waren im Krieg und rundrum wurde gestorben."
Für sein eigenes Schicksal hatte er vorgesorgt: "Ich hatte immer mein Zyankali dabei", sagt Boeselager und macht eine seiner sparsamen Gesten, indem er mit der Hand auf die Brusttasche seines dunkelgrünen Sakkos klopft, als wäre die Kapsel noch heute dort. Das Gift hatte er sich bei einem befreundeten Arzt besorgt. "Man wusste ja von einigen, die geschnappt und gefoltert worden waren. Da habe ich gedacht, bevor du dich verplapperst ... Man fühlte sich dadurch auch frei."
Lesen Sie im zweiten Teil von einem gescheiterten Pistolenattentat, als Likörflaschen getarnten Bomben und der quälenden Vorbereitung auf den 20. Juli 1944
Gelegenheit für ein Attentat bot sich der Verschwörergruppe in der Heeresgruppe Mitte, als sich Hitler und SS-Führer Heinrich Himmler im März 1943 zu einem Besuch im Hauptquartier ankündigten. Sie plante ein Pistolenattentat. "Hitler wollte im großen Casino vor allen Offizieren eine Rede halten und da sollte das Attentat stattfinden." Mehrere Männer - unter ihnen Boeselager - sollten gleichzeitig auf Himmler und Hitler schießen. Doch Hitler kam allein, Himmler hatte den Besuch abgesagt.
Daraufhin verbot Kluge, der in die Pläne eingeweiht war, den Anschlag. "Er glaubte, dass es einen Bürgerkrieg zwischen der Wehrmacht und der SS geben würde, wenn Himmler am Leben bliebe." Kluge ging davon aus, dass es ihm bald gelingen würde, beide erneut an die Front zu locken.
Das Ass im Ärmel
Die Verschwörer um Tresckow ließen von dem Erschießungsvorhaben ab und setzten auf ihr Ass im Ärmel: Vor dem Rückflug schmuggelten sie dem Diktator als Likörflaschen getarnte Bomben mit ins Flugzeug - doch die Zünder versagten. Als die Maschine landete, konnte ein Helfer die Flaschen grade noch rechtzeitig vor ihrer Entdeckung aus der Frachtluke holen. "So ging ein Anschlagsversuch nach dem anderen vorbei."
Bald darauf übernahm Boeselager eine Abteilung eines neu aufgestellten Reiterverbandes in Russland. "Tresckow sorgte dafür, dass wir zu Versuchstruppen ernannt wurden. Denn nach einem Attentat sollten wir die neue Regierung militärisch absichern, und dafür mussten wir möglichst schnell mit möglichst guten Waffen ausgerüstet werden." Diese speziellen Truppen bekamen oft bestes Material, konnten neue Waffen, neue Funkgeräte testen. Boeselager bekam zusätzlich die Aufgabe, Sprengstoffe zu testen. "So bekamen wir alle Sprengstoffe und alle Zünder, die es damals gab: Französischen, englischen, dänischen, russischen und so weiter."
Anders als andere Truppenteile, mussten die Versuchstruppen keine Rechenschaft über verbrauchten Sprengstoff ablegen. "Wir haben dann unsere Versuche gemacht, aber meistens haben wir Fische damit gefangen." Schließlich meldete Boeselager, dass der englische Sprengstoff der beste sei und die Zünder die leisesten.
Er bekam den Auftrag einem Freund Tresckows beim Oberkommando des Heeres Sprengstoff zu bringen. "Ich bin dann mit zehn Bömbchen in meinem Privatkoffer mit einer Kuriermaschine dorthin geflogen." Er übergab den Koffer, zeigte wie Sprengstoff und Zünder funktionieren und erklärte, dass man zwei Bomben und zwei Zünder für ein Attentat bräuchte.
Die Verzweiflung der letzten Chance
Im Juli 1944 erfuhr Boeselager, dass das Attentat auf Hitler im Führerhauptquartier Wolfschanze verübt werden sollte. Da waren die Alliierten in der Normandie längst gelandet und die Wehrmacht im Osten auf dem Rückzug. Es war Verzweiflung, die die Männer jetzt trieb. Tresckow hatte wenige Tage zuvor erklärt: "Es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, dass die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte unter Einsatz des Lebens den entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig."
Mit 1200 Mann sollte Boeselager sich von der russischen Front auf den Weg nach Berlin machen und schickte dafür sechs Schwadronen zunächst zu einem Sammelpunkt hinter der Front. Das fiel nicht weiter auf, weil diese Einheiten bei ihren Einsätzen sowieso ständig hin und her geschoben wurden und häufig große Strecken hinter der Front zurücklegen mussten. Am 18. Juli begannen sie einen Gewaltritt 200 Kilometer gen Westen, 36 Stunden ohne Pause. "Das war eine wahnsinnige Anstrengung, die Leute pennten im Sattel ein." Die Soldaten wussten nichts von Boeselagers Aufgabe, manch einer ahnte vielleicht etwas.
Am Morgen des 20. Juli trafen sie am nächsten Sammelpunkt ein, wo Lkw darauf warteten, mit den Männern zum nächsten Feldflugplatz zu fahren. Von da aus sollte es nach Berlin-Tempelhof gehen. "Wir sollten im Reichssicherheitshauptamt Himmler festnehmen und in der Wilhelmstraße Goebbels und seinen Pressechef. Das war unser Auftrag." Als sich Boeselagers Leute fertig machten für den Lastwagen-Transport, brachte ein Melder die erdrückende Code-Nachricht: "Alles in die alten Löcher." "Ich war ja unter enormer Hochspannung: Nach Berlin fliegen. Wie wird das da werden? Und dann wieder nix, der Hitler lebt. Ich war sehr enttäuscht." Er dirigierte alle Mann wieder auf die Pferde und zurück. "Nach dem gescheiterten Attentat war klar: Das war's jetzt. Jetzt wird Berlin bis zum letzten Stein verteidigt, jetzt werden wir schreckliche Verluste machen."
Seine innere Anspannung hielt noch monatelang an. Er rechnete damit, entdeckt zu werden, dass vielleicht doch einer der Mitwisser unter Folter reden würde. Doch er absolvierte seinen Dienst an der Front weiter, bis er versetzt wurde: als höherer Kavallerie-Offizier zum Oberkommando des Heeres. "Ich habe wahnsinniges Glück gehabt."
Zurück zur Burg
Endlich lösen sich die Augen von der weißen Wand gegenüber. Angestrengt wirkt er jetzt, müde nach der langen Erzählung. Boeselagers Blick wandert aus dem Fenster hinüber zu der Burg, die er geerbt und nach dem Krieg zum Familiensitz aufgebaut hat und in der jetzt sein Sohn wohnt. Er selbst lebt heute mit seiner Frau in einem Fachwerkhaus vor den Toren des Gemäuers. Auf den Berg über dem Ahrtal südlich von Bonn hat es ihn nach dem Krieg gezogen, dort hat er Abstand gefunden, eine Familie gegründet, sein Leben gelebt.
Nach einem Volkswirtschaftsstudium engagierte er sich für die Belange der Waldbesitzer in der Region, später auch auf Bundes- und Europa-Ebene. Bei der Gründung der Bundeswehr gehörte er jahrelang dem Ausschuss an, der frühere Offiziere der Wehrmacht auf ihre Eignung prüfte. In die aktive Politik hat es den Mann aus dem rheinischen Adel nie gezogen, lieber blieb er skeptischer Beobachter. "Die CDU hier wollte mich sofort einbeziehen. Aber denen habe ich gesagt, dass ich wegen meiner Kriegsverletzung unzuverlässig bin." Er hat bis heute häufig starke Schmerzen, der Ischias-Nerv. Boeselager war Mitglied der CDU, aber das Parteibuch hat er später aus Enttäuschung wieder zurückgegeben. Ihn verbitterte nach der Wiedervereinigung die Entscheidung der damaligen Bundesregierung unter Helmut Kohl, die Enteignungen in der früheren sowjetischen Besatzungszone auch von Beteiligten des 20. Juli 1944 nicht wieder rückgängig zu machen.
Begriffe wie Mut oder Stolz lehnt er für sein Mitwirken im Widerstand ab. "Genauso gut könnte ich stolz darauf sein, dass ich noch lebe. Dafür kann ich nichts." Er nennt es Zufall oder Fügung, dass er dabei war. "Wäre ich nicht verwundet worden, dann wäre ich nicht zu Kluge gekommen und hätte Tresckow nicht kennen gelernt." Und dann sagt er mit bescheidenen Worten das, was ihn von so vielen seiner Zeitgenossen unterscheidet: "Dass man damit nicht einverstanden sein konnte, was man dann dort hörte, das ist auch klar." Er verstand den Widerstand als patriotische Pflicht.
Zum 20. Juli wird er dieses Jahr wohl nach Berlin fahren - seinen Enkeln zuliebe. "Die haben gesagt: 'Kannst du uns mal zeigen, wo das war?'" Häufig hat er die Einladungen zu den Feiern dort schon ausgeschlagen. "Da wird so viel getönt, das ist ja furchtbar." Er will einfach nicht im Mittelpunkt stehen, mag kein Aufsehen um sich und seine Vergangenheit. "So vorgezeigt zu werden, das habe ich nicht gern." Selbst seiner Frau, sagt er, hat er nach dem Krieg lange nichts von seiner Rolle im Widerstand erzählt.
Es gibt noch einen Grund, warum er nicht immer wieder damit konfrontiert werden will, einen ganz einfachen, menschlichen: Er schläft danach schlecht. "Nach solchen Veranstaltungen kommen nachts all die alten Bilder wieder hoch."