Hitler und Heiligendamm Ende eines Ehrenbürgers

Bad Doberan kämpft mit seiner Stadtgeschichte: Adolf Hitler ist noch heute Ehrenbürger - peinlich, wenige Monate vor dem G8-Gipfel im Ortsteil Heiligendamm. Jetzt soll ihm die Ehre schnell noch aberkannt werden.

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Hamburg - Die Kisten sind seine Hoffnung. Etliche Aktenordner lagern in Bad Doberans Stadtarchiv, lange Zeit waren die Unterlagen zur Stadtgeschichte verstreut an verschiedenen Orten, manche Dokumente waren nicht zugänglich, aber inzwischen sind sie gebündelt in der Bibliothek - und vielleicht, meint Hartmut Polzin, findet man ja doch eines Tages ein eindeutiges Dokument aus DDR-Zeiten. "Adolf Hitler wird hiermit die Ehrenbürgerschaft Bad Doberans entzogen", irgendetwas in dieser Art müsste darauf stehen. "Aberkannt ist aberkannt", sagt der Bürgermeister.

Adolf Hitler: Bad Doberan debattiert über die Ehrenbürgerschaft des Despoten
DPA

Adolf Hitler: Bad Doberan debattiert über die Ehrenbürgerschaft des Despoten

Aber auch SPD-Mann Polzin weiß nicht, ob man so etwas finden wird. Für aufwändige Archivarbeit hatte man in der Stadt in Mecklenburg-Vorpommern in den vergangenen Jahren nicht unbedingt viel Geld, es muss gespart werden. Und jetzt fehlt die Zeit, weil die unangenehme Geschichte in der Welt ist: Ausgerechnet in dem Ort, in dessen Stadtteil Heiligendamm Anfang Juni die Staats- und Regierungschefs der acht größten Industrienationen zum G-8-Gipfel zusammenkommen, wird Adolf Hitler offenbar noch immer als Ehrenbürger geführt.

Bislang hat man in Bad Doberan von offizieller Seite die Auffassung vertreten, dass die Ehrenbürgerschaft mit dem Tod einer Person endet. Damit wäre die Angelegenheit Bad Doberan/Hitler eigentlich erledigt gewesen. "Aber darüber streiten die Rechtsgelehrten", sagt Polzin. Es gehe jetzt darum, "die Angelegenheit zu beenden", sagt Polzin.

Am 2. April kommt deshalb das Stadtparlament zusammen, um über einen überfraktionellen Antrag zu entscheiden, der die Ehrenbürgerschaft erlöschen lässt. Er erhoffe sich von der Sitzung "ein klares Signal", sagte der Bad Doberaner CDU-Landtagsabgeordnete Henning von Storch im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Unabhängig von der Frage, ob ein solcher Antrag "rechtlich geboten" sei, müsse man ein deutliches Signal senden - besonders auch für das Ausland, betonte von Storch.

Aber gerade im Ausland hat sich die Nachricht von der Bad Doberaner Ehrenbürgerschaft Hitlers rasch verbreitet. Im Internet berichteten unter anderem bereits der britische "Guardian" und die "International Herald Tribune" von dem Fall: "Hitler's honour lives on in G8 summit town", hieß es im "Guardian", die Ehre Hitlers lebt in der Stadt des G-8-Gipfels weiter.

Es sind peinliche Berichte für eine Stadt, die im Juni zum G-8-Gipfel Staatsgäste wie US-Präsident George W. Bush und Großbritanniens Premier Tony Blair begrüßen wird. Ausgelöst hatte die Debatte eine Pressemitteilung der "Gipfelsoli Infogruppe" vom vergangenen Freitag, in der die Globalisierungskritiker von der Ehrenbürgerschaft Hitlers berichten.

Die Globalisierungskritiker stützen sich vor allem auf ein Buch des Bad Doberaner Historikers Hermann Langer. In "Leben unterm Hakenkreuz. Alltag in Mecklenburg-Vorpommern 1933-1945", hat Langer 1996 zahlreiche Indizien zusammengetragen, die für eine frühe Ehrung Hitlers in Bad Doberan sprechen - und damit die Einwände mancher Kritiker geschwächt, die eine Hitler-Ehrenbürgerschaft in Bad Doberan grundsätzlich in Zweifel ziehen. Es gebe keine Belege, sagen die Kritiker, schließlich sei das goldene Buch aus dieser Zeit verschwunden.

Langer führt etwa einen Artikel aus dem "Ostsee-Boten" vom 17. August 1932 auf, in dem über einen Dringlichkeitsantrag der NSDAP-Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung berichtet wird, Hitler die Ehrenbürgerwürde der Stadt Doberan zu verleihen. Zudem habe die Stadt nach der Machtübernahme Hitlers ein Glückwunschtelegramm an den Reichskanzler und Ehrenbürger geschickt. "Die Faktenlage ist eindeutig", sagte Hermann im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Den Quellen zufolge hat Hitler bereits im August 1932 die Auszeichnung erhalten - also lange Zeit vor seiner Machtübernahme im Januar des Folgejahres. Bad Doberan wäre damit die erste Stadt, die Hitler zum Ehrenbürger machte. Dass die Auszeichnung nach dem Zusammenbruch der Nazi-Diktatur nicht rückgängig gemacht wurde, überrascht Langer nicht: "Das Dritte Reich war in der DDR mit dem Jahr 1945 zu Ende", sagte Hermann.

Der Historiker ist froh, wenn unter die Angelegenheit "endlich ein Schlussstrich gezogen wird", befürchtet allerdings, dass die Hitler-Ehrenbürgerschaft von Rechtsextremisten künftig für neonazistische Folklore genutzt werden könnte. Die Rechtsextremisten sind gerade in Mecklenburg-Vorpommern gut organisiert und stellen mit der NPD eine Fraktion im Landtag. "Neonazis greifen solche Traditionen auf", sagte Langer.



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