Aktionsplan für extreme Temperaturen Grüne fordern Recht auf Hitzefrei bei Freiluftjobs

Homeoffice für alle, Hitzefrei für Bauarbeiter, Wasser an der Haltestelle - Deutschland muss sich besser gegen Hitzewellen wappnen, findet Grünen-Fraktionschef Hofreiter. Die Regierung lasse die Menschen allein.

Morgensonne hinter dem Berliner Fernsehturm: Grüne legen Hitzeaktionsplan vor.
Christoph Soeder / DPA

Morgensonne hinter dem Berliner Fernsehturm: Grüne legen Hitzeaktionsplan vor.

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Deutschland schwitzt, das Thermometer klettert zum Teil an die 40-Grad-Marke heran, der Deutsche Wetterdienst spricht Warnungen aus, der Flughafen Hannover kühlt die Landebahn mit Wasser. Und Klimaforscher sagen: Solche extremen Temperaturen könnten uns künftig häufiger heimsuchen.

Die Grünen im Bundestag haben darum nun einen "Hitzeaktionsplan" vorgelegt. Die Klimakrise sei eine Gefahr für die menschliche Gesundheit, heißt es darin. "Wir müssen uns darauf vorbereiten, dass mit der ungebremsten Klimakrise Hitzewellen weiterhin zunehmen werden."

Den Plan, der dem SPIEGEL vorliegt, haben Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter und Umweltexpertin Bettina Hoffmann verfasst. Hofreiter und Hoffmann fordern unter anderem ein "Recht auf Homeoffice für alle Beschäftigten, sofern dem keine betrieblichen Gründe entgegenstehen". Arbeitnehmer, die im Freien arbeiteten, beispielsweise auf der Baustelle, in der Landwirtschaft oder der Gebäudereinigung, müssten "bei gesundheitsgefährdender Hitze ein Recht auf Hitzefrei" erhalten.

Die Autoren monieren, dass die Große Koalition sich nicht ausreichend um den Hitzeschutz der Bevölkerung kümmere. Die Bundesregierung habe bisher lediglich unverbindliche Handlungsempfehlungen für die Erstellung von Hitzeaktionsplänen veröffentlicht, aber keinen gemeinsamen Aktionsplan von Bund und Ländern zum Umgang mit der Hitze angestoßen. "Hitzewellen sind für ältere und kranke Menschen ein ernsthaftes Problem" sagte Hofreiter dem SPIEGEL. "Die Merkel-Regierung lässt Menschen trotz der Gefahr allein."

Grüne fordern Monitoring zur hitzebedingten Sterblichkeit

Die Grünen nennen Frankreich als Vorbild. Dort setze die Regierung bereits einen mehrstufigen Hitzeaktionsplan durch. "Wir brauchen dringend einen koordinierten Hitzeaktionsplan, um unsere Gesellschaft auf die extreme Hitze vorzubereiten und unsere Gesundheit zu schützen", sagte Hofreiter. Allein in Berlin und Hessen starben laut Zahlen des Robert-Koch-Instituts während des Sommers 2018 mehr als tausend Menschen aufgrund der Hitzeeinwirkung.

Fraktionschef Hofreiter: "Die Merkel-Regierung lässt die Menschen mit der Hitzewelle allein"
Ralf Hirschberger/DPA

Fraktionschef Hofreiter: "Die Merkel-Regierung lässt die Menschen mit der Hitzewelle allein"

Die Grünen fordern "die Etablierung eines bundesweiten zeitnahen Monitorings zur hitzebedingten Sterblichkeit". So soll die Wirksamkeit von Akutmaßnahmen überprüft werden. "Das Thema Klimawandel und Gesundheit muss in Medizinstudiengängen viel stärker berücksichtigt werden", sagte Hoffmann dem SPIEGEL.

Besonders hitzeanfällige Menschen, etwa Ältere, sollen "durch eine bedürfnisorientierte Vernetzung von professionellen und nachbarschaftlichen Unterstützungsangeboten vor einer gesundheitsgefährdenden Hitzeexposition bewahrt werden". Die Grünen denken zum Beispiel an "Hitzepatenschaften", bei denen sich Freiwillige um gefährdete Menschen kümmern. In Gesundheitseinrichtungen könnten "kühle Räume" eingerichtet werden.

Im Rahmen ihres Planes fordern die Grünen mehr Grünflächen in den Städten: "Bäume, Parks, grüne Freiräume und Grünzüge, Gründächer- und -Fassaden wirken zusammen mit Wasserflächen und Frischluftschneisen wie große kühlende Klimaanlagen", schreiben Hofreiter und Hoffmann. Der Bund soll im Rahmen der Städtebauförderung die Einrichtung kostenfreier Trinkwasserbrunnen in den "Innenstädten, Hitze-Hotspots und an Haltestellen von Bus und Bahn" finanziell unterstützen.

Und auch wenn sich die Hitze mit einem kräftigen Gewitter wieder verabschiedet, kann das nach dem Willen der Grünen nützlich sein: Das Wasser von "Starkregenereignissen" wollen sie durch Grünanlagen und Rigolen (unterirdische Wasserspeicher, die Regenwasser versickern lassen) vermehrt zwischenspeichern. "So lässt es sich gleichzeitig dafür nutzen, unsere Städte zu kühlen, und die Kanalisation wird entlastet."



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Wortgestoeber 25.07.2019
1. Regulierungswut
Dies ist genau der Grund, dass die Grünen besser in der Opposition aufgehoben sind als in der Regierung. Man muss den Menschen nicht immer ans Händchen nehmen. In Altenheimen in NRW wurden bei Neubauten und Umbauten unter Rot-Grün übrigens auch keine Klimaanlagen genehmigt. Ich wohne auf dem Land, da sind gestern Gegen Mittag die Erntetätigkeiten eingestellt worden, dafür wurden die Bewässerungen bedient. Das geht nun einmal nicht vom Home Office. Die Feuerwehr hat trotz Hitze arbeiten müssen und die bestehenden Gesetze zum Arbeitnehmerschutz müssen einfach angewandt werden. Der Biobauer wird weiter sein Vieh versorgen müssen und das derzeitige Wahlvolk der Grünen, wurde Hitzefrei vermutlich statt im klimatisierten Büro im Freibad oder beim Jogging verbringen. Wesentlich scheint zu sein die Grünen zu wählen, statt Umweltschutz zu betreiben. Dies entnehme ich zumindest den mal wieder gestiegenen Fluggastzahlen.
snoook 25.07.2019
2. Oh, ja, die Grünen!
Die Grünen wissen, wie man sich beim Wähler beliebt macht. Zynische Gemüter könnten sowas auch Populismus nennen... Ich plädiere ja eher dafür, dass wir uns der Mentalität der Menschen annähern, die in Ländern mit solch hohen Temperaturen leben: Weniger arbeiten, mehr Spaß am Leben und weniger Stress. Dann gibt es eben weniger Überstunden. Wenn der Klimawandel mit diesem Produktivitätsverlust einher geht, dann ist das eben so! Müsst Ihr aber noch in die Klimafolgen-Studien mit einbeziehen ;-)
thenovice 25.07.2019
3.
wieder einmal geben die Grünen eine Lehrstunde in Populismus... Weil völlig offen bleibt, wer den Produktionsausfall zahlen soll, bzw wo diese Flächen sind, welche da zusätzlich begrünt werden sollen? Ich wusste gar nicht, dass in den Städten so viele ungenutzte Brachen vorhanden wären.. und wer trägt eigentlich die Kosten für den Betrieb/Wartung der Rigolen? Typisch für die Grünen... Wählergeschenke ankündigen um dann hart in der Realität aufzuwachen... aber wen interessieren schon Fakten... Das Versagen ist in BaWü gerade live zu erleben... wo ist es dort denn Grüner geworden.... Richtig : different name, same shit...
laermgegner 25.07.2019
4. Gutgemeinter Ratschlag ?
Die Ernte - , die Baustellen Leute, Straßenreiniger - und die Ordnungshüter warten regelrecht auf derartige Hilfe der Grünen, auch die Feuerwehrleute. Welche Idee gibt es den dann noch für Radfahrer ? und Händler u.a von BIO Auch wenn man die Sauerkeit der Stadt und der öffentlichen WC denkt, ist doch so ein öffentlicher Trinkbrunnen an jeder Haltestelle appetietlich. Kann ja keiner sauber machen, gibt ja Hitzefrei. Vom Acker gibts auch nichts, kann ja keiner die Feldfrüchte ernten- also Laden lehr. Schon heute jammert die mitregierenden Grünen, dass Baustellen nicht fertig werden. Dabei müssen sich die Baubetriebe an die Vorgaben der Politik halten - Mindesurlaub und Mindestlohn ( Und das ich auch richtig so ) . Aber auf der Baustelle sind dann diese Politiker wieder ganz anderer Meinung und wollen mit der Maßnahme schnell fertig werden, damit sie mit Bildchen in der Zeitung sind ! Ausreden wie schlechtes Wetter ( dazu gehört auch Hitze ) , oh- da sollte man diese Ideengeber mal erleben !
Feuerpferd 25.07.2019
5. Millionen Bäume...
wollte doch vor kurzem auch Frau Klöckner pflanzen lassen? Ich finde die Vorschläge der Grünen prima.... Landwirte jedoch mussten "schon immer" häufig bei Hitze auf den Acker, beispielsweise Heu muss nun einmal gerade dann gemacht werden, morgens früh und spät abends wäre es meist zu feucht, um Spitzen-qualität einzufahren. Der Landwirt wird sich somit kaum selbst frei geben; auch die Tiere müssen gerade bei Hitze bestversorgt sein. Was das Grün betrifft : m.E. mehr davon. Baumfällverbote, Öffnen der Versiegelungen überall, wo es möglich ist, und Pflanzungen der schattenspendenden grünen Lungen flächendeckend. Alleen an jede Straße, naturgerechte Wegrandpflege (seit langen Jahren wird viel zu viel "gepflegt", sprich Bäume gefällt und mit falschem Gerät gemäht), Hecken- Pflicht um jeden Acker, große Waldteile ver- urwalden lassen, die "Wirtschafts"wälder ohne schweres Gerät , sondern wieder mit Rückepferden bewirtschaften (ja, das müsste vom Staat gut bezahlt werden, ist jedoch in all unser Interesse, denn unsere Böden werden sich nicht vermehren und müssen pfleglich behandelt werden, wenn wir nicht in einer Wüste leben wollen) und mit standortgerechten Bäumen bepflanzen, wenn die Naturverjüngung nicht ausreicht. Ich hoffe sehr, dass die Zeichen der Zeit erkannt werden und umgehend gehandelt wird- bei Bund, Ländern, Kommunen und jedem einzelnen Mitbürger !
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