Stefan Kuzmany

Hohenzollern-Entschädigung Seine Königliche Hoheit hat noch nicht genug

Georg Friedrich Prinz von Preußen hätte gern Kunstschätze vom deutschen Staat und ein Wohnrecht für seine Sippe im Schloss Cecilienhof. Schon das Ansinnen ist eine Beleidigung der Republik.
Georg Friedrich Prinz von Preußen: Was für ein "Schmarrn"

Georg Friedrich Prinz von Preußen: Was für ein "Schmarrn"

Foto: Ralf Hirschberger/ DPA

Als Kind war ich Experte für alle Vorgänge im europäischen Hochadel. Hatte Stéphanie, die rebellische Tochter des monegassischen Fürsten Rainier, schon wieder einen neuen Liebhaber? Wie schlimm stand es wirklich um Claus, den depressiven Prinzgemahl der niederländischen Königin Beatrix? Und war die Ehe des spanischen Regenten Juan Carlos mit seiner Sofia wirklich glücklich?

Ich wusste bestens Bescheid, informiert durch ausführliche und regelmäßige Lektüre der "Aktuellen", der "Neuen Post" und der "Frau im Spiegel", oder kurz, wie sie bei uns daheim abschätzig genannt wurden, der "Heftl".

Diese sogenannten Heftl gelangten mit einem mir nie vollständig durchschaubaren verwandtschaftlichen Lesezirkelsystem in unseren Haushalt. Bei jedem Besuch wurden ganze Stapel dieser Druckerzeugnisse mit Tanten, Großtanten und Omas ausgetauscht, freilich nie ohne den obligatorischen Verweis darauf, was für ein "Schmarrn" da wieder drinstehe - der aber seltsamerweise niemanden vom schwunghaften Austausch abbrachte.

Rätselhaft blieb auch die Ökonomie des Heftl-Handels: Keines war aktuell, alle mindestens einige Wochen alt, und niemand hat jemals zugegeben, selbst eines davon käuflich erworben zu haben. Die Heftl existierten und zirkulierten vollkommen eigenständigen, der normalen Welt entrückten Gesetzmäßigkeiten folgend, bis sie irgendwann verdient im Altpapier landeten.

Über die Jahre ist mein Interesse am europäischen Adel dann deutlich abgeflaut. Spätestens als Teenager hatte ich der Aristokratie in jeder Form abgeschworen. Das Thema war in meinen Augen nur noch eines für ältere Damen beim Friseur, trivial und harmlos.

Nazi-Modenschau auf dem Schloss

Vor Kurzem habe ich aber doch einmal wieder so ein Heftl gesehen, das aus dem Leben der Erlauchten berichtet. Es war abgebildet in einem "taz"-Artikel und noch etwas älter als die Yellowpress-Produkte meiner Kindheit: Die dänische Illustrierte "Berlingske illustreret Tidende" vom 22. April 1934 zeigt den damaligen deutschen Kronprinzen Wilhelm von Preußen vor einem Spiegel posierend, so die "taz". Er trägt eine Nazi-Uniform. Aufgenommen wurde die Nazi-Modenschau auf Schloss Cecilienhof in Potsdam, seinem damaligen Wohnsitz.

Im Sommer 1945 fand hier die Potsdamer Konferenz statt, auf der die siegreichen Alliierten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges die künftige Weltordnung aushandelten. Heute benutzt die Landesregierung Brandenburg das Schloss gelegentlich für Empfänge. Nun würde der traditionsbewusste Urenkel des Nazi-Prinzen dort gerne einziehen.

Die Hohenzollern waren von der sowjetischen Besatzungsmacht enteignet worden, dafür will der 1976 geborene Georg Friedrich Prinz von Preußen eine Entschädigung. Er führt Verhandlungen mit dem Bund und den Ländern Berlin und Brandenburg über die Rückgabe von zahlreichen Kunstgegenständen. Zudem will er ein Wohnrecht für sich und seine Sippe auf Schloss Cecilienhof erhalten.

Entschädigungen für damals Enteignete sind heute rechtens und üblich, allerdings mit einer wichtigen Einschränkung: Familien, die Unrechtssystemen wie dem Naziregime allzu nahe standen, haben keine Ansprüche zu melden. Georg Friedrich bemüht sich heute, die "Führer"-Treue und den Antisemitismus seiner Vorfahren kleinzureden. Der Urgroßvater habe sich lediglich am konservativen, rechten Rand bewegt, sagte er der "Zeit". Die Bilder aus der dänischen Illustrierten allerdings zeigen einen uniformierten Anhänger des Nationalsozialismus.

Sprachrohr der NS-Propaganda

Dem SPIEGEL vorliegende Historiker-Gutachten  bescheinigen dem Kronprinzen eine "pro-nationalsozialistische Grundhaltung". Er sei ein "Sprachrohr" der NS-Propaganda gewesen und ein "nützlicher Idiot" Hitlers. Familienintern habe es bei den Hohenzollern einen regelrechten Wettbewerb um die Gunst des sogenannten Führers gegeben.

Die "taz" referiert weitere Belege für die ideologische Ausrichtung des geschassten Kaisergeschlechts, hier sollen exemplarisch zwei entlarvende Zitate des kaiserlichen Familienoberhaupts ausreichen:

"Die tiefste und gemeinste Schande, die je ein Volk in der Geschichte fertiggebracht, die Deutschen haben sie verübt an sich selbst. Angehetzt und verführt durch den ihnen verhaßten Stamm Juda, der Gastrecht bei ihnen genoß. Das war sein Dank! Kein Deutscher vergesse das je, und ruhe nicht bis diese Schmarotzer vom Deutschen Boden vertilgt und ausgerottet sind! Dieser Giftpilz am Deutschen Eichbaum!", schrieb der ehemalige Kaiser Wilhelm II. höchstpersönlich 1919 in einem Brief an einen seiner letzten Getreuen.

In einem späteren Dokument wird er konkreter:

"Ich glaube, das Beste wäre Gas."

Es ist eine dreiste Unverschämtheit, mit der sich der heutige Hohenzollern-Wortführer Georg Friedrich nun am Staat schadlos halten möchte. Angeblich lässt er sich von Angestellten daheim als "Königliche Hoheit" ansprechen. Falls das stimmt, wäre es nur ein weiteres Indiz für eine ungute Entfernung von der Realität.

Adel? Eine Plage für Land und Leute

Tatsächlich ist es aber so: Der Adel ist im Allgemeinen, die Hohenzollern ganz speziell sind seit jeher eine Plage für Land und Leute. Ihren Reichtum haben sie wie alle sogenannten Edelleute durch Unterdrückung der Bevölkerung zusammengerafft. In der sowjetischen Besatzungszone ist Unrecht geschehen, die Enteignung der Nachfahren dieser ausbeuterischen Warlords zählt jedoch gewiss nicht dazu.

Dieses Land schuldet Nachgeborenen eines glücklicherweise längst überwundenen undemokratischen Regimes keine einzige Kaffeetasse, von Kunstschätzen oder Immobilien ganz zu schweigen. Schon das Ansinnen ist eine Beleidigung der Republik.

Es verhält sich mit dem Adel in Wirklichkeit wie damals mit den bunten Zeitschriften von der Oma: Niemand weiß, warum er da ist. Niemand braucht ihn. Längst gehört er in den Altpapiercontainer der Geschichte. Wobei ich eines schon gerne noch mal lesen würde, ein Heftl nämlich mit einer saftigen Geschichte über den Chef des Hauses Hohenzollern: "Schlimme Sorge um Georg Friedrich: Kann sich der Preußen-Prinz keine Mietwohnung leisten?"