BKA-Chef Münch "Labile Menschen sind für IS-Propaganda sehr empfänglich"

Würzburg zeigt: Deutschland ist vor Terror im Namen des "Islamischen Staats" nicht sicher. Bundeskriminalamt-Chef Münch will die Anziehungskraft des IS schwächen. Es sei wichtig, den "Mythos zu brechen", sagt er im Interview mit Jörg Diehl und Florian Harms.


Waren die Gewaltakte von Nizza und Würzburg terroristische Anschläge, oder handelte es sich eigentlich um Amokläufe geistig Verwirrter? Sowohl Mohamed Lahouaiej Bouhlel, 31, als auch Riaz A., 17, töteten und verletzten offenbar als islamistische Einzeltäter, infiziert von der Propaganda des "Islamischen Staats" (IS).

Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt der Chef des Bundeskriminalamts (BKA), Holger Münch, weshalb eine psychische Erkrankung und eine extremistische Gesinnung keine Gegensätze sein müssen und was sich gegen den IS tun lässt. Wichtig sei auch das Signal: "Wir lassen uns nicht einschüchtern", so Münch.

Holger Münch, 54, ist seit Ende 2014 Präsident des Bundeskriminalamts (BKA). Münch stammt aus Bremen und brachte es dort vom einfachen Polizisten bis zum Staatsrat des Innensenators. Er soll in den kommenden Jahren das BKA umbauen und modernisieren.

BKA-Chef Holger Münch: "Als Polizei stoßen wir in solchen Fällen an die Grenzen des Machbaren"
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BKA-Chef Holger Münch: "Als Polizei stoßen wir in solchen Fällen an die Grenzen des Machbaren"

SPIEGEL ONLINE: Ein Jugendlicher mit Sympathien für den "Islamischen Staat" (IS) hat in einer Regionalbahn in Bayern fünf Menschen verletzt. Handelt es sich um einen Terrorakt?

Münch: Die Ermittlungen laufen noch auf Hochtouren. Wir sollten die bayerische Polizei zunächst ihre Arbeit machen lassen, bei der wir mit unseren Spezialisten von der BKA-Spurensicherung vor Ort unterstützen. Momentan möchte ich noch keine Einschätzung abgeben.

SPIEGEL ONLINE: Es wird zunehmend schwierig, zwischen Amokläufen und Terroranschlägen zu unterscheiden. Wo ziehen Sie die Grenze?

Münch: Das ist tatsächlich so. Ich spreche dann von Terror, wenn ein klar erkennbares politisch-religiöses Motiv des Täters nachweisbar ist.

SPIEGEL ONLINE: War die Amokfahrt von Nizza ein Terroranschlag?

Münch: Nach allem, was wir derzeit wissen, nehmen wir an, dass es sich in Nizza um einen psychisch auffälligen Täter ohne ausgeprägten islamistischen Hintergrund handelte. Das Bekenntnis des sogenannten IS zu der Tat enthält nach unserer Einschätzung kein echtes Täterwissen. Insofern ist es ebenso wahrscheinlich, dass der IS die Tat im Nachgang für seine propagandistische Zwecke nutzen möchte.

SPIEGEL ONLINE: Vielfach wird diskutiert, ob diese allein zuschlagenden Attentäter psychisch krank oder ihre Taten doch extremistisch motiviert sind. Wie ist Ihre Einschätzung?

Münch: Die Motive der beiden genannten Fälle sind noch unklar. Grundsätzlich aber gilt, dass auch beides zutreffen könnte: Krankheit und Gesinnung. Das kennen wir von anderen Fällen. Eine Auswertung hat ergeben, dass vier von fünf islamistischen Einzeltätern - sogenannte einsame Wölfe - psychisch auffällig waren und schon vor ihren Taten innere Konflikte mit sich ausgetragen haben. Solche Menschen sind labil und für die Propaganda des sogenannten IS sehr empfänglich. Dieses Muster könnte auch auf den Täter von Nizza zutreffen und erklären, warum seine mutmaßliche Radikalisierung so schnell verlief. Einmal mehr hätte sich dann gezeigt, welche Anziehungskraft die IS-Propaganda auf solche Menschen ausüben kann.

SPIEGEL ONLINE: Erwächst daraus jetzt eine neue Gefahr, weil andere Islamisten sich diese Taten zum Vorbild nehmen könnten?

Münch: Nizza scheint ein extremer Fall zu sein. Es gab offenbar fast keinen Vorlauf, den man hätte registrieren und auf den man hätte reagieren können. Als Polizei stoßen wir in solchen Fällen an die Grenzen des Machbaren. Hinzu kommt: Dieses sehr brutale Vorgehen, Feiernde mit einem Laster zu überfahren, hat für mich eine besondere Qualität.

SPIEGEL ONLINE: Noch mal: Könnten diese Taten Nachahmer finden?

Münch: Wir sehen, dass in Nizza ein junger Mann genau das gemacht hat, wozu der sogenannte IS seit geraumer Zeit in seiner allgegenwärtigen Propaganda aufruft. Das Risiko ist, dass die islamistische Szene darin ein Vorbild sieht und dass sich ein solcher Vorsatz praktisch umsetzen lässt.

SPIEGEL ONLINE: Und wie groß ist die Gefahr, dass sich das Szenario von Nizza auch in Deutschland wiederholt?

Münch: Wir werden das tun, was wir nach derartigen Anschlägen immer tun: Unsere Konzepte und Maßnahmen überprüfen und - wo erforderlich - anpassen. Jetzt müssen wir noch einmal sehr genau die Sicherheitsvorkehrungen für Großveranstaltungen betrachten und die Frage beantworten, wie wir solche Durchbrüche mit Autos verhindern.

SPIEGEL ONLINE: Dann wählen Terroristen einen anderen Weg, eine neue Waffe? Wie vielleicht schon in Würzburg geschehen.

Münch: Natürlich, das ist nicht auszuschließen. Genauso wichtig ist es daher, die Anziehungskraft des sogenannten IS nachhaltig zu schwächen, seinen Mythos zu brechen und die Wirksamkeit seiner Propaganda zu reduzieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie das machen?

Münch: Das ist ein schwieriges Unterfangen und wird nur mittelfristig gelingen. Es geht um eine Vielzahl von Maßnahmen: um Aufklärung, Präventions- und Deradikalisierungsarbeit, natürlich um Strafverfolgung und auch um den militärischen Kampf gegen den sogenannten IS in Syrien und dem Irak. Zudem müssen wir unsere Zusammenarbeit mit den Providern verstärken, damit es schwieriger wird, Propaganda im Internet zu verbreiten.

SPIEGEL ONLINE: Was können die Bürger tun?

Münch: Wir sollten als Gesellschaft realisieren, dass solche Anschläge bei allen Anstrengungen der Sicherheitsbehörden nicht vollständig zu verhindern sind. Und trotzdem darf diese Erkenntnis nicht dazu führen, dass wir unsere Lebensweise verändern.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das konkret?

Münch: Wir müssen eine offene, freie Gesellschaft bleiben, weiterhin auf die Straße gehen und auch miteinander feiern. Es geht darum, unseren Lebensstil zu verteidigen und den Terroristen das Signal zu senden: Wir lassen uns nicht einschüchtern.

SPIEGEL ONLINE: Deutschland hat noch keinen großen islamistischen Anschlag erleben müssen. Warum wurden wir bisher verschont?

Münch: Wir haben seit 2001 viel in die Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern, von Nachrichtendiensten und Polizeibehörden investiert. Daraus ist ein sehr guter Blick auf die islamistische Szene und vor allem auf die etwa 500 Gefährder erwachsen. Wir wissen ziemlich genau, mit wem wir es zu tun haben. Das können wir unter anderem daran ablesen, dass wir die Dschihadisten auf den sogenannten IS-Einreisebögen fast alle schon kannten. Wir haben in den vergangenen Jahren aber auch Glück gehabt, als zwei Anschläge fehlschlugen.

SPIEGEL ONLINE: Darauf sollte man nicht vertrauen.

Münch: Deshalb arbeiten wir sehr hart daran, die Szene unter Kontrolle zu halten. Und wir erkennen durchaus Entwicklungen, die uns Sorge bereiten.

SPIEGEL ONLINE: Welche?

Münch: Eine Herausforderung ist, dass sich europäische Dschihadisten während ihrer Zeit beim IS zunehmend vernetzt haben. Das gilt insbesondere für diejenigen, die lange in Syrien oder dem Irak gewesen sind. Zudem sehen wir eine zunehmende Professionalisierung der Islamisten.

SPIEGEL ONLINE: Woran machen Sie das fest?

Münch: Sie kommunizieren immer häufiger verschlüsselt, nutzen Anonymisierungssoftware, um sich im Internet zu bewegen. Zudem haben die Anschläge von Paris und Brüssel gezeigt, dass sie komplexe Anschlagsoperationen vorbereiten und umsetzen können.

SPIEGEL ONLINE: Wenn die Dschihadisten inzwischen so professionell agieren, wie lange wird uns der islamistische Terrorismus in Europa noch beschäftigen?

Münch: Noch lange. Wir haben ja nicht nur den sogenannten IS in Syrien und dem Irak, sondern insgesamt eine hohe Instabilität im Nahen Osten. Und selbst wenn es gelingt, die Struktur des IS zu zerschlagen, werden seine Anhänger weiterhin in andere Länder ausweichen. Die große Herausforderung besteht darin, in der arabischen Welt für Stabilität zu sorgen. Das BKA leistet hier seinen Beitrag durch gezielte Unterstützungsmaßnahmen der Polizei - etwa in Tunesien, Algerien und Marokko.

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Seite 1
andneu 19.07.2016
1. Mir scheint der IS mehr eine Sekte, ....
... Religion ist da nur der Aufhänger. Mißbrauchen könnte man da auch jeden anderen "Glauben" - egal ob Religion, Nation, Gesellschaftsmodell, etc. .....
prologo 19.07.2016
2. Die Folgen einer verfehlten Politik
Wer ist den empfänglich für IS-Propaganda? Nicht die Labilen sondern die Gescheiterten, diejenigen , die an den Rand der Existenz gedrückt werden und wurden. Vor allem die vielen jugendlichen Arbeitslosen. Und mit Hilfe des IS können sie sich rächen, an der Elite, an denen, die sie allein gelassen haben, an denen, denen es besser geht. Der brutale Islam Glaube befreit dann ihr Gewissen, und macht sie zu Helden, zu Kämpfern gegen die Ungläubigen. So einfach ist die Erklärung dafür. Daran hat diese Politik die Hauptschuld. Das sieht man besonders in Frankreich, wo das hin führt. bis 50 % arbeitslose Jugendliche!! Dort sind die anfälligen für IS. Und auch die Labilen, das stimmt auch. Die finden beim IS einen Halt, und Hilfe. Wie auch die Einzelgänger, die sind dann in Gesellschaft, aber des IS. Der 17 jährige Würzburger Attentäter des IS wartet seit 2 Jahren auf Besserung seiner Lage. Und davon haben wir jetzt geschätzt 700.000 jugendliche Flüchtlinge im Land. wovon die Hälfte noch gar nicht amtlich registriert sind.
pauschaltourist 19.07.2016
3.
1. Woher wissen Sie, dass für den Tod des Freundes "der Westen" (und welcher Westen?) verantwortlich ist? 2. Sie vollziehen ernsthaft versuchten Mord aufgrund der Nachricht des Todes eines Freundes nach? Ihr Umfeld sollte auf der Hut sein...
pauschaltourist 19.07.2016
4.
Zitat von prologoWer ist den empfänglich für IS-Propaganda? Nicht die Labilen sondern die Gescheiterten, diejenigen , die an den Rand der Existenz gedrückt werden und wurden. Vor allem die vielen jugendlichen Arbeitslosen. Und mit Hilfe des IS können sie sich rächen, an der Elite, an denen, die sie allein gelassen haben, an denen, denen es besser geht. Der brutale Islam Glaube befreit dann ihr Gewissen, und macht sie zu Helden, zu Kämpfern gegen die Ungläubigen. So einfach ist die Erklärung dafür. Daran hat diese Politik die Hauptschuld. Das sieht man besonders in Frankreich, wo das hin führt. bis 50 % arbeitslose Jugendliche!! Dort sind die anfälligen für IS. Und auch die Labilen, das stimmt auch. Die finden beim IS einen Halt, und Hilfe. Wie auch die Einzelgänger, die sind dann in Gesellschaft, aber des IS. Der 17 jährige Würzburger Attentäter des IS wartet seit 2 Jahren auf Besserung seiner Lage. Und davon haben wir jetzt geschätzt 700.000 jugendliche Flüchtlinge im Land. wovon die Hälfte noch gar nicht amtlich registriert sind.
Seit dem Tage des Grenzübertritts, also seit zwei Jahren, besserte sich seine Lage elementar. Nur biss er heute in die Hand, die ihn seit zwei Jahren fütterte und die Sicherheit seiner Existenz vor dem Krieg in seinem Heimatland (das wird wohl sein vorgebrachter Asylgrund gewesen sein) gewährte. Sie erkennen die Schizophrenie?
Gaztelupe 19.07.2016
5. Nicht Mythos: Motivation
Spätestens seit den Artikulationen von Al-Kaida ist klar, dass Islamismus und Nekrophilie untrennbare Teile eines Ganzen sind. Letzteres hat sich freilich auch in den Wütereien beispielsweise eines Francisco Franco, eines Katholiken also, gefunden, das ändert aber nichts an der unseligen Allianz von rustikalem Islamverständnis und Menschenverachtung. Das Totalitäre lässt scheuklappenbewehrten Glauben und zivilisationsfeindliche Handlungen auf ewig verschmelzen. Das ist nicht neu. Und es ist auch nicht erträglicher geworden. Dabei ist es - um die politisch korrekte, alles unter pädagogischen Gesichtspunkte sperrende Diktion zu verwenden - nicht hilfreich, den Täter zu psychiatrisieren und so als Opfer mangelnder Zuwendung zu entschuldigen; was gleichsam wieder dazu führt, die Schuld den Verhältnissen, dem Miteinander und damit »uns allen«, also sich selbst zuzuweisen. Es mag sein, dass labile Menschen für allerlei Propaganda empfänglich, also beeinflussbar, sind. Das zwingt sie jedoch nicht, mit dem LKW oder Äxten und Messern unter Berufung auf einen Gott Tod, Angst und Schrecken zu verbreiten. Nichts zwingt sie dazu. Die Bedeutung von Motivation ist entscheidend, und die hat ihr Zentrum in einem religiös-politischen Welt- und Menschenbild. Nur zum Spaß jedenfalls wird nicht »Gott ist groß!« gerufen, bevor es an das Schlachten geht. Davon steht wahrscheinlich nichts im Koran. Aber mit dem Islam als weltliches Phänomen im Gegensatz zur reinen Lehre hat es etwas zu tun, denn jede Religion ist das, was ihre Anhänger, auch einzelne, daraus machen.
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