Steinmeiers Rede in Yad Vashem Warnung an Deutschland

"Böse Geister in neuem Gewand": Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält zum Auschwitz-Gedenken eine bemerkenswerte Rede in Yad Vashem. Ein Besuch am Tag zuvor machte deutlich, was ihn antreibt.
Aus Jerusalem berichtet Veit Medick
Bundespräsident Steinmeier: "Ich wünschte, sagen zu können: Wir Deutsche haben für immer aus der Geschichte gelernt."

Bundespräsident Steinmeier: "Ich wünschte, sagen zu können: Wir Deutsche haben für immer aus der Geschichte gelernt."

Foto: POOL/ REUTERS

Was ist das schon in der heutigen Politik, ein "besonderer Besuch"? Diese Floskel hört man oft, wenn die Mächtigen in ferne Länder reisen.

Zu selten wird hinterfragt, ob sie auch stimmt. Oder ob diese Redewendung nur ein einfaches Mittel ist, um Standard-Visiten internationaler Diplomatie ein wenig glänzen zu lassen.

Auch der Bundespräsident spricht häufig von einem "besonderen Besuch", wenn er unterwegs ist. An diesem Donnerstag ist die Formulierung allerdings berechtigt, keine Frage.

Frank-Walter Steinmeier ist nach Israel gekommen, zum 22. oder 23. Mal, so genau weiß er das selbst nicht mehr. Aber diese Reise ist anders als sonst. Sie ist seine wichtigste.

Vor 75 Jahren wurde das Vernichtungslager Auschwitz befreit, die Welt erinnert sich an das schlimmste Kapitel der deutschen Geschichte, und Steinmeier darf in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem eine Rede halten. Kein Bundespräsident vor ihm hat das je gemacht.

Steinmeiers Auftritt kommt in einer Zeit, in der weltweit Grundsätze zu bröckeln drohen. Die Stabilität der Demokratie, die Entschlossenheit im Kampf gegen Nationalismus und völkisches Denken, und: die Front gegen den Antisemitismus. "Die bösen Geister zeigen sich heute in neuem Gewand", sagt Steinmeier.

DER SPIEGEL

Elf Minuten spricht der Bundespräsident, nicht sehr lange. Aber die Rede in Yad Vashem ist nur der Auftakt einer Gedenkwoche, die Steinmeier am kommenden Montag gemeinsam mit dem israelischen Staatspräsidenten Reuven Rivlin auch nach Auschwitz führen wird und am Mittwoch in den Bundestag. "Die Täter waren Menschen. Sie waren Deutsche", sagt Steinmeier in Yad Vashem. "Der grausame Krieg, der weit mehr als 50 Millionen Menschenleben kosten sollte, er ging von meinem Land aus." Er stehe in Yad Vashem "beladen mit großer historischer Schuld". Wir dürfen niemals einen Schlussstrich ziehen - das ist die unmissverständliche Botschaft des Bundespräsidenten.

Vor ihm sitzen Hunderte Gäste, darunter fast 50 Staats- und Regierungschefs. Die Präsidenten Russlands und Frankreichs sind da, Wladimir Putin und Emmanuel Macron. Auch US-Vizepräsident Mike Pence und der britische Thronfolger Prinz Charles sind gekommen. Man kann fragen, wie sinnvoll ein solches Mega-Memorial ist, wie würdevoll es ist, wenn ein paar Dutzend Staatsgäste kurz ein- und dann schnell wieder davonfliegen und die Hauptredner zwischen Musikeinlagen und Videoeinspielern reden müssen. Verkommt das Gedenken zum Event?

Jerusalem gleicht an diesem Donnerstag noch mehr einem Hochsicherheitstrakt als sonst. Es fehlt der übliche Trubel. Sicherheitskräfte und Barrikaden prägen das Straßenbild, 10.000 Polizisten sind im Einsatz, die Stadt kommt an ihre Grenzen. Und doch ist der Auflauf der Staats- und Regierungschefs mehr als nur schlichte Symbolik. Das Gedenken zwingt die Anwesenden zu einem Bekenntnis gegen Antisemitismus und Fanatismus, für Toleranz und Pluralismus. Sie werden sich an ihren Worten messen lassen müssen, auch jene, die bislang nicht für sehr menschliches Regieren bekannt sind.

Scham und Bitterkeit sprechen aus Steinmeiers Worten

Das Gedenken auch Jahrzehnte nach der Shoa aufrechtzuerhalten, gehört zu jeder deutschen Präsidentschaft, auch zu Steinmeiers. Aber bei ihm hat sie neue Relevanz. Das Wissen über den Holocaust nimmt ab, die NS-Zeit und das Wort "Vogelschiss" werden von einem Fraktionschef im Bundestag mittlerweile in einem Satz untergebracht. Steinmeier verschweigt in Yad Vashem nichts, er will nichts kleinreden, ganz im Gegenteil. Er hält Deutschland den Spiegel vor.

Manchmal scheine es ihm, "als verstünden wir die Vergangenheit besser als die Gegenwart", sagt er. "Ich wünschte, sagen zu können: Wir Deutsche haben für immer aus der Geschichte gelernt." Aber er könne das nicht sagen, "wenn jüdische Kinder auf dem Schulhof bespuckt werden", wenn Hass und Hetze sich ausbreiteten und "nur eine schwere Holztür verhindert, dass ein Rechtsterrorist an Jom Kippur in einer Synagoge in Halle ein Blutbad" anrichte: "Es sind nicht dieselben Täter. Aber es ist dasselbe Böse. Und es bleibt nur eine Antwort: nie wieder."

Bitterkeit spricht aus Steinmeiers Worten, eine Scham, in Yad Vashem zu stehen und vor den Augen der Welt eingestehen zu müssen, dass da noch immer etwas keimt. Es ist eine Art Aufschrei des Bundespräsidenten, eine Mahnung, endlich aufzuwachen. Schaut hin, so Steinmeiers Botschaft: Es gerät bei uns wieder etwas ins Rutschen.

Gesprächsrunde mit Holocaustüberlebenden

Die Klarheit des Auftritts überdeckt, wie die Erinnerung noch immer zu Verwerfungen führt. In Yad Vashem zeigt sich das im Hintergrund. Seit Jahren werfen sich Polen und Russland gegenseitig falsche Erzählungen über Anfang und Ende des Zweiten Weltkriegs vor. Und so meiden die beiden Präsidenten in Jerusalem ein Aufeinandertreffen. Polens Präsident Andrzej Duda sagte ab, weil er – anders als Putin – nicht in Yad Vashem reden durfte.

Steinmeier erlebt in Israel zwei Welten. Vor seinem Auftritt in Yad Vashem besucht er am Mittwoch mit seiner Frau Elke Büdenbender eine Gesprächsrunde im AMCHA-Zentrum in Jerusalem, einer Hilfsorganisation für traumatisierte Holocaustüberlebende.

25 Überlebende haben sich im achten Stock des Hochhauses versammelt, sie sitzen in einem kleinen Raum im Stuhlkreis um den Bundespräsidenten herum, erzählen von ihren Biografien, vom Leben nach dem Lager und der Schwierigkeit, mit Angehörigen über das Erlebte überhaupt zu sprechen. Es sei "unsere Rache an den Nazis", dass sie heute hier säßen, sagt der 102 Jahre alte Elias Feinzilberg, der zehn Lager überlebte.

Es sind berührende Berichte. Sie zeigen, welch ein Wunder es ist, dass Deutsche und Israelis gemeinsam des Holocaust gedenken können. Giselle Cycowicz sitzt neben dem Bundespräsidenten. Sie überlebte Auschwitz und die Zwangsarbeit in einer Fabrik in Niederschlesien, emigrierte in die USA, kam erst mit 65 Jahren nach Israel. Heute ist sie 92, hat 21 Enkel und 24 Urenkel, zwei weitere sind unterwegs. "In der Nacht vor Ihrem Besuch habe ich noch einmal die gesamte Shoa vor Augen gehabt", sagt sie, zu Steinmeier gebeugt.

Gespräch in Jerusalem: Steinmeier mit Holocaustüberlebenden

Gespräch in Jerusalem: Steinmeier mit Holocaustüberlebenden

Foto: AMMAR AWAD/ REUTERS

Cycowicz hat gelernt, mit ihrer Geschichte umzugehen, vergessen kann sie nichts. Sie berichtet, wie ihr Vater 1944 von ihr in Auschwitz getrennt wurde und durch den Stacheldraht zu ihr sagte: "Morgen gehe ich ins Gas." Sie schildert den Weg vom Lager in die Fabrik, eine Stunde durch Schnee und Eis, ohne Schuhe und Socken: "Ich kann bis heute nicht warm werden. Nie ist mir warm." Auch an ihre Befreiung erinnert sie sich, sie erlebte sie im Außenlager Weißwasser. "Ihr könnt jetzt gehen, wohin ihr wollt", sagte ein Mann den inhaftierten Mädchen. Sie sahen sich an, hilflos, kraftlos, orientierungslos.

Niemand jubelte. "Keine von uns rief Halleluja", erzählt Cycowicz: "Denn wir wussten nicht, wohin wir gehen sollten."