Schoa-Erinnerung im Bundestag Knobloch warnt am Holocaust-Gedenktag vor wiederkehrendem Antisemitismus

Der Bundestag gedenkt der Opfer des Nationalsozialismus – und die Rednerinnen und Redner mahnen, dass der Schrecken wiederkehren kann. Die Gastrednerin Charlotte Knobloch richtet sich dabei auch direkt an die AfD.
Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, bei ihrer Gedenkrede im Bundestag

Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, bei ihrer Gedenkrede im Bundestag

Foto: Michael Kappeler / dpa

Zum Holocaust-Gedenktag hat Charlotte Knobloch vor wiederkehrendem Antisemitismus in Deutschland gewarnt. »Wer Corona-Maßnahmen mit der nationalsozialistischen Judenpolitik vergleicht, verharmlost den antisemitischen Staatsterror und die Schoa«, sagte die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern im Bundestag. Gezielt an die AfD-Fraktion gerichtet, sagte Knobloch: »Sie werden für Ihr Deutschland kämpfen, und wir werden weiter für unser Deutschland kämpfen. Ich sage Ihnen: Sie haben Ihren Kampf vor 76 Jahren verloren!«

Knobloch sprach im Rahmen der Gedenkstunde des Deutschen Bundestages für die Opfer des Nationalsozialismus. Vor 76 Jahren wurde das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz von sowjetischen Truppen befreit. Dort waren etwa 1,1 Millionen Menschen von den Nationalsozialisten ermordet worden. Der 1996 vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog eingeführte Holocaust-Gedenktag erinnert an die Befreiung von Auschwitz. Im Hebräischen wird auch das Wort Schoa verwendet, es bedeutet »Katastrophe«.

Antisemitismus wieder salonfähig

Deutschland sei heute wieder »eine gute, mit Hoffnung verbundene Heimat«, sagte Knobloch, doch diese Heimat müsse verteidigt werden. »Antisemitische Vorfälle erfolgen wieder offen und ungeniert, beinahe täglich.« Judenfeindliches Denken sei wieder salonfähig und bringe auch in der Politik Stimmen, warnte die 88-Jährige.

Knobloch wurde 1932 kurz vor der Machtergreifung Hitlers in München geboren. In ihrer Rede vor dem Bundestag berichtete sie über ihre Kindheit im Deutschland des Nationalsozialismus und das Erfahren des »Andersseins«. Die Verfolgung der Juden in Europa nannte sie ein Menschheitsverbrechen, besiegelt von »Nationalsozialisten, Hass und Gleichgültigkeit«. Dennoch stehe sie heute wieder als »stolze Deutsche« vor dem Bundestag, den Patriotismus und die Heimat hätten die Nazis vielen Jüdinnen und Juden nicht nehmen können.

Neben Knobloch sprachen auch Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble und die Publizistin Marina Weisband im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Schäuble forderte, die Erinnerungskultur an die Schoa zu erneuern. »Unsere kollektive Verantwortung bleibt«, warnte er. Antisemitismus würde sich wieder offen und hemmungslos zeigen, auf Schulhöfen, in Internetforen und bei Verschwörungsmystikern. »Die Geschichte ist gegenwärtig, für die Nachfahren der Überlebenden und für alle anderen Deutschen«, sagte Schäuble, »sie geht uns alle an.«

Die Publizistin Marina Weisband warnte vor jenen rechten Kräften, die die Erinnerung an die Schoa beenden wollen. Es gebe so lange keinen »vermeintlichen Schlussstrich, solange wir keinen ziehen können.« Als junge Jüdin in Deutschland müsse man verstehen, dass das, was passiert ist, wieder passieren kann. »Die Schoa begann nicht mit Gaskammern – sondern mit Verschwörungsmythen«, sagte die 33-Jährige. »Wir können den Anfängen nicht wehren, weil es ein steter Prozess ist.«

Im Vorfeld der Gedenkveranstaltung hatte bereits der Zentralrat der Juden in Deutschland die Gesellschaft zum stärkeren Eintreten für die Demokratie und ihre Institutionen aufgefordert. Insbesondere der Verunglimpfung und Instrumentalisierung der Opfer der Schoa in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie müsse Einhalt geboten werden, erklärte Zentralratspräsident Josef Schuster.

»Anmaßung und Respektlosigkeit« von Corona-Leugnern

»Die jüdische Gemeinschaft ist entsetzt und fassungslos über das Verhalten vieler Bürger seit Beginn der Corona-Pandemie, die sich mit Opfern der Schoa gleichsetzen«, erklärte Schuster. »Diese Anmaßung und Respektlosigkeit ist für uns unerträglich.«

Der Zentralratsvorsitzende erinnerte in diesem Zusammenhang an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz vor 76 Jahren. Die sowjetischen Soldaten hätten dort »Berge von Leichen und deren Überreste« vorgefunden »sowie wenige noch lebende Menschen, die bereits vom Tod gezeichnet waren«. Was die Menschen in der Schoa erlitten hätten, »ist mit nichts zu vergleichen«.

Wenn auf Corona-Demonstrationen die gelben sogenannten Judensterne getragen würden, komme dies einer Relativierung des Holocaust gleich und sei damit volksverhetzend und strafbar. »Polizei und Justiz sollten solche Vorfälle konsequenter ahnden«, forderte Schuster. »Wir brauchen diese Signale des Staates auch, um die demokratische Zivilgesellschaft zu stärken.«

mrc/dpa