Holocaust-Gedenken Erinnerung ist Kampf um die Zukunft

Rechtspopulismus will die Verantwortung für die Vergangenheit und die Solidarität für heute Hilfsbedürftige abschaffen. Das kann er nur, wenn wir uns nicht mehr daran erinnern, welche Folgen das hat.

Mahnmal für ermordete jüdische Kinder in Cottbus
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Mahnmal für ermordete jüdische Kinder in Cottbus

Ein Gastkommentar von Mirjam Zadoff


Zur Person
  • Orla Connolly
    Prof. Dr. Mirjam Zadoff ist seit Mai 2018 Direktorin des NS-Dokumentationszentrums München. Zuvor hatte die gebürtige Innsbruckerin den Lehrstuhl für Jüdische Studien an der Indiana University in Bloomington (USA) inne. Für ihre Forschungsarbeiten erhielt die Historikerin und Judaistin zahlreiche Auszeichnungen und Preise. Ihre jüngste Buchveröffentlichung ist: "Der rote Hiob. Das Leben des Werner Scholem" (Hanser-Verlag).

Als Charlotte Knobloch letzte Woche anlässlich des Internationalen Holocaust-Gedenktags der AfD im Bayerischen Landtag vorwarf, mit ihrer Politik von "Hass und Ausgrenzung" den Boden der deutschen Demokratie zu verlassen, stand ein Teil der AfD-Fraktion auf und verließ das Plenum. Knobloch, die den Nationalsozialismus nur dank der Hilfe von Menschen überlebt hat, die ihr eigenes Leben aufs Spiel setzten, erhielt für ihre Rede im Landtag Standing Ovations - und im Netz Drohungen und Beschimpfungen. Erinnerung ist zum politischen Kampfplatz um die Zukunft Europas geworden.

Für historisch denkende Menschen ist das Vergessen keine Option. Historisch denkende Menschen haben meist - durchaus nicht immer - ein gutes Gedächtnis, aber vor allem ist Geschichte für sie nicht vergangen. Ähnlich einem Raum, dessen Wände mit Bildschirmen gepflastert sind, erfahren sie Momente der Geschichte und Gegenwart parallel. Gegenwart ist dann niemals nur Gegenwart, Gegenwart ist dann immer auch Vergangenheit. Denn Geschichte prägt uns, ist unser Referenzrahmen und verantwortlich für unsere Identität - auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind. "History is not the past, it is the present. We carry our history with us, we are our history", schrieb der afroamerikanische Literat und Vertreter der Bürgerrechtsbewegung James Baldwin: "Geschichte ist nicht Vergangenheit, Geschichte ist Gegenwart. Wir tragen unsere Geschichte in uns, wir sind unsere Geschichte."

Wenn wir heute mit jungen Menschen in diesem Land über den Nationalsozialismus sprechen, was tun wir da? Schrecken wir sie ab mit der Last der Erinnerung? Geben wir ihnen eine Chance, gestärkt aus ihrer Begegnung mit der Geschichte hervorzugehen? Vermitteln wir ihnen, welchen Wert die Freiheit der Demokratie hat, und dass es keine illiberale Form derselben geben kann? Dass Hass gegen andere kein Mut ist, und Ausgrenzung kein Widerstand, dass Empathie keine Schwäche ist, und Entsolidarisierung ein gefährliches Spiel.

Als "Gedächtnislose" beschreibt die deutsch-französische Journalistin Géraldine Schwarz all jene, die heute wieder das Vergessen fordern, die den Nationalsozialismus zum Vogelschiss und das Holocaustmahnmal zum "Denkmal der Schande" erklären. "Sie wollen das auslöschen", so schreibt Schwarz, "was die moralische Stärke Deutschlands ausmacht und was die ganze Welt diesem Land neidet: aus der Reflexion über die Vergangenheit dauerhafte Werte gezogen zu haben, die bei den Bürgern einen kritischen Geist und eine moralische Umsicht ausbildeten, die untrennbar mit der Kraft der deutschen Demokratie verbunden sind."

"Das Volk ist jeder, der in diesem Land lebt"

Die viel beschworene deutsche Erinnerungskultur ist keine Errungenschaft, auf der wir uns ausruhen können, kein Vermächtnis, das wir unseren Kindern weitergeben können. Erinnerung ist Arbeit, ist Diskurs, ist Politik und ist heute in vielen Teilen Europas - wieder - Auflehnung und Widerstand gegen die Agenda der Gedächtnislosen in Parlamenten, Gedenkstätten, Theatern, Museen und Schulen. Diese träumen noch immer - oder wieder - von der Vormacht des Deutschen Volkes: eines Volkes, dessen Söhne im Namen der "arischen Rasse" angehalten wurden, zu rauben und zu morden. Söhne, die bald selbst nichts anderes sein würden als Kanonenfutter in einem sinnlosen Krieg, der ganz Europa verwüsten sollte. Ihre Zukunft im Heldentod fürs Vaterland hatten die Ideologen der Partei seit 1933 für sie bestimmt. Diejenigen, die heute Postings unter dem Titel "Schütze deine Rasse, es ist das Blut deiner Ahnen" im Netz teilen, wie die oberösterreichische FPÖ, treten das ideologische Erbe derer an, die in einem vermeintlich genialen und in Wirklichkeit menschenverachtenden Schachzug ihre rosige, aschfahle oder beige Hautfarbe zu ihrem größten Kapital machten, indem sie sie "weiß" und sich selbst "arisch" nannten.

Rechtspopulisten machen ein perfides Angebot: Sie befreien kollektiv und pauschal von jedweder Verantwortung, von der Last der Vergangenheit ebenso wie von der Solidarität für Hilfsbedürftige im eigenen Land oder an den Grenzen Europas. In Österreich verlangt der Kanzler für Sozialleistungen fortgeschrittene Deutschkenntnisse und der Innenminister stellt öffentlich die Europäische Menschenrechtskonvention in Frage. Im Gegenzug für diese "Entlastung" geben immer mehr Menschen in autoritären Staaten Europas ihr demokratisches Mitspracherecht auf und lassen sich von den von ihnen selbst gewählten Vertretern in eine voraufklärerische Unmündigkeit zurückversetzen.

Vor dem Hintergrund des nationalsozialistischen Massenmordes forderte der französische Philosoph Albert Camus eine solidarische Revolte, einen gewaltfreien, zivilgesellschaftlichen Widerstand, dessen Akteure sich nicht als Richter und Henker aufspielen. In Abwandlung des berühmtes Descartes-Satzes "Ich denke, also bin ich" schrieb Camus "Ich revoltiere, also sind WIR" - ein "Wir", das niemanden ausschließt.

Sich zu wehren, muss nicht heroisch sein. Es reicht zu sagen: Ich lasse mich nicht unzufrieden machen, ich brauche keinen Neid zu meinem Glück, keine imaginäre Bedrohung, keine abgeriegelten Grenzen. Wie viel Mündigkeit liegt heute in den Worten Solidarität, Gemeinsamkeit - und sogar in dem Wort Volk in der Definition Angela Merkels: "Das Volk ist jeder, der in diesem Land lebt."



insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
bigroyaleddi 27.01.2019
1. Vergessen darf man niemals!
Was soll die ganze verlogene Vergessensheitskultur überhaupt, das erschliesst sich mir nicht. Wie kann man einfach mal vergessen oder beiseiteschieben, was an Grauseligkeiten in deutschem Namen passiert ist. Selbstverständlich habe ich persönlich - und wie ich hoffe meine direkten Vorfahren - keinen Anteil daran. Obwohl, ein mal - ein einziges mal - wurde vor einem halben Jahrhundert mal (versehentlich?) von meiner Tante geäußert, dass der Großvater als Lokomotivführer Züge nach Auschwitz gefahren hat. Danach wurde das Thema niemals mehr angesprochen. Ich nehme an, dass das in vielen Familien so der Fall ist. Man kann die Vergangenheit annehmen, um solche furchtbaren Dinge für die Zukunft auszuschliessen.
mima84_84 27.01.2019
2.
Was man aus meiner Sicht an dieser Stelle unbedingt den jüngeren Generationnen von heute mitgeben sollte: Niemand will hier Deutschland unterdrücken. Und nein, niemand macht Euch für den Holocaust verantwortlich. Es geht darum, sich einmal zu vergegenwärtigen, was aus ganz normalen Menschen werden kann, wenn sie einer menschenverachtenden Ideologie hinterherlaufen. Die Leute, die diese Ideologie verbreiten wollen, wissen genau, dass die Erinnerung Ihrer erneuten Machtergreifung und der Umsetzung ihrer menschenverachtenden, mörderischen Ideologie im Wege steht, deswegen haben diese Kreise Argumentationen entworfen um dieses Gedenken zu erodieren. Und sind wir alle bitte nicht naiv, diese Menschen sind bestens organisiert, international vernetzt und bestens rhetorisch geschult. Eine Argumentationsstrategie ist, dass man jungen Menschen ertählt, irgendjemand wolle ihnen mit dem Holocaust ein schlechtes Gewissen machen. Oft kommen dann auch Andeutungen, irgendjemand würde den Holocaust instrumentalisieren. Dann folgt die Forderung, dass man am Gedenken etwas ändern soll, es ist ja schon so lang her, die heutige Generation hätte damit sowieso nichts zu tun. Das Ziel ist ganz klar: Der Holocaust soll aus den Köpfen der Menschen, damit man die Nazi Ideologie wieder durchziehen kann. Darauf sind z.B. auch die Chinesen gekommen. Die Regierung hat konsequent das Massaker vom Platz des himmlischen Friedens aus dem Bewusstsein der Bevölkerung getilgt, damit niemand mehr weiß, zu welchen Konsequenzen die kommunistische Politik geführt hat. Da nun langsam die letzten Zeitzeugen sterben werden, wittern die Neonazis morgenluft und arbeiten konzertiert an obiger Strategie. Man kann nur dazu aufrufen, wachsam zu sein, wenn diese Argumente kommen. Es ist immer dasselbe Muster. Man sieht obige Strategien natürlich extrem bei offenen Neonazis. Aber viel perfider ist, wie die AfD eher unterschwellig diese Botschaft transportiert. Da wird der Holocaust als "Vogelschiss" tituliert (Abwertung, Relativierung) man fordert eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad (also eine vollständige Umkehr! Das sollte sich jeder mal auf der Zunge zergehen lassen!). Garniert wird das dann noch damit, dass AfD Mitglieder in Auschwitz offen die Existenz der Gaskammern anzweifeln - den Holocaust selbst also leugnen. Macht Euch nichts vor, diese Partei hat ein Fernziel und das heißt Deutschland 1933-41. Und das Ziel wird konsequent, in kleinen Schritten aber konsequent verfolgt. Wir befinden uns gerade in Phase 1: unliebsame Presse diskreditieren, weil man sie noch nicht verbieten kann, politische Gegner terrorisieren, das Gedenken an den Holocaust unterminieren. Und man sucht relativ offen den Kontakt zu militanten Trupps, die den Straßenkampf durchführen können. Man siehe sich nur die Nähe zu den rechtsradikalen Fussballhools im Osten an, die sich ebenfalls eng an PEGIDA andocken. Man kann den Jugendlichen nur versuchen mitzugeben: Niemand von Euch ist am Holocaust Schuld, nur Ihr tragt die Verantwortung, dass das nie wieder passiert. Wehret den Anfängen!
Mara Cash 27.01.2019
3. Weit her geholt
Der Holocaust war ein schreckliches Verbrechen und die Nachwelt muss daraus lernen, das ist mit Sicherheit richtig. Die Schlussfolgerungen der Autorin sind jedoch sehr streitbar. Solidarität ist keine Einbahnstraße und Integration funktioniert nicht ohne wirklichen Integrationswillen. Die antisemitischen Übergriffe in Europa in den vergangenen Jahren richtig differenziert zu verorten, ist der Autorin leider komplett misslungen - es gibt rechts-/linksextremen sowie radikalmuslimischen Antisemitismus und diesem ist entschlossen entgegen zu treten.
do_jo 27.01.2019
4. Sehr guter Beitrag zum Thema systematischer Judenvernichtung!
Den Begiff "Holocaust" gab es übrigens erst seit dem gleichnamigen Film aus den USA. Doch auch mehrere meiner Vorfahren wollen das damals gar nicht so richtig mitbekommen haben, wunderten sich allerdings, dass so viele Juden irgendwann verschwunden waren... Und heute? In Dortmund, NRW, nicht irgendwo in den neuen Bundesländern, wird von den Rechten regelmäßig skandiert: "Wer Deutschland liebt, ist Antisemit", u.a. rechter Müll, wobei schwarz-weiß-rote Fahnen geschwenkt werden! Sehr schlimm und sehr traurig...
tropfstein 27.01.2019
5. Die Pauschalattacke war daneben
Egal ob man die AfD mag oder nicht, sie hat wie jede Partei das Recht auf fairen Umgang. Selbstverständlich darf man sie - und jede andere Partei auch - vom Rednerpult aus attackieren, aber nur in einer Debatte, nicht aber in solch einer Situation. Als Rednerin in einer Gedenkveranstaltung, Holocaustopfer obendrein, war Frau Knobloch unantastbar. Es gab also keine, wirklich keine möglichkeit, sich gegen eine Pauschalattacke zu verteidigen. Das bei solch einer Veranstaltung auszunutzen, war nicht angebracht. Was hätten die AfD-Abgeordneten anders machen sollen, als den Saal zu verlassen? Das Mikrofon entern?
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