Holocaust-Gedenken Erinnerung ist Kampf um die Zukunft

Von Mirjam Zadoff
Rechtspopulismus will die Verantwortung für die Vergangenheit und die Solidarität für heute Hilfsbedürftige abschaffen. Das kann er nur, wenn wir uns nicht mehr daran erinnern, welche Folgen das hat.
Mahnmal für ermordete jüdische Kinder in Cottbus

Mahnmal für ermordete jüdische Kinder in Cottbus

Foto: Michele Tantussi/ Getty Images
Zur Person
Foto: Orla Connolly

Prof. Dr. Mirjam Zadoff ist seit Mai 2018 Direktorin des NS-Dokumentationszentrums München. Zuvor hatte die gebürtige Innsbruckerin den Lehrstuhl für Jüdische Studien an der Indiana University in Bloomington (USA) inne. Für ihre Forschungsarbeiten erhielt die Historikerin und Judaistin zahlreiche Auszeichnungen und Preise. Ihre jüngste Buchveröffentlichung ist: "Der rote Hiob. Das Leben des Werner Scholem" (Hanser-Verlag).

Als Charlotte Knobloch letzte Woche anlässlich des Internationalen Holocaust-Gedenktags der AfD im Bayerischen Landtag vorwarf, mit ihrer Politik von "Hass und Ausgrenzung" den Boden der deutschen Demokratie zu verlassen, stand ein Teil der AfD-Fraktion auf und verließ das Plenum. Knobloch, die den Nationalsozialismus nur dank der Hilfe von Menschen überlebt hat, die ihr eigenes Leben aufs Spiel setzten, erhielt für ihre Rede im Landtag Standing Ovations - und im Netz Drohungen und Beschimpfungen. Erinnerung ist zum politischen Kampfplatz um die Zukunft Europas geworden.

Für historisch denkende Menschen ist das Vergessen keine Option. Historisch denkende Menschen haben meist - durchaus nicht immer - ein gutes Gedächtnis, aber vor allem ist Geschichte für sie nicht vergangen. Ähnlich einem Raum, dessen Wände mit Bildschirmen gepflastert sind, erfahren sie Momente der Geschichte und Gegenwart parallel. Gegenwart ist dann niemals nur Gegenwart, Gegenwart ist dann immer auch Vergangenheit. Denn Geschichte prägt uns, ist unser Referenzrahmen und verantwortlich für unsere Identität - auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind. "History is not the past, it is the present. We carry our history with us, we are our history", schrieb der afroamerikanische Literat und Vertreter der Bürgerrechtsbewegung James Baldwin: "Geschichte ist nicht Vergangenheit, Geschichte ist Gegenwart. Wir tragen unsere Geschichte in uns, wir sind unsere Geschichte."

Wenn wir heute mit jungen Menschen in diesem Land über den Nationalsozialismus sprechen, was tun wir da? Schrecken wir sie ab mit der Last der Erinnerung? Geben wir ihnen eine Chance, gestärkt aus ihrer Begegnung mit der Geschichte hervorzugehen? Vermitteln wir ihnen, welchen Wert die Freiheit der Demokratie hat, und dass es keine illiberale Form derselben geben kann? Dass Hass gegen andere kein Mut ist, und Ausgrenzung kein Widerstand, dass Empathie keine Schwäche ist, und Entsolidarisierung ein gefährliches Spiel.

Als "Gedächtnislose" beschreibt die deutsch-französische Journalistin Géraldine Schwarz all jene, die heute wieder das Vergessen fordern, die den Nationalsozialismus zum Vogelschiss und das Holocaustmahnmal zum "Denkmal der Schande" erklären. "Sie wollen das auslöschen", so schreibt Schwarz, "was die moralische Stärke Deutschlands ausmacht und was die ganze Welt diesem Land neidet: aus der Reflexion über die Vergangenheit dauerhafte Werte gezogen zu haben, die bei den Bürgern einen kritischen Geist und eine moralische Umsicht ausbildeten, die untrennbar mit der Kraft der deutschen Demokratie verbunden sind."

"Das Volk ist jeder, der in diesem Land lebt"

Die viel beschworene deutsche Erinnerungskultur ist keine Errungenschaft, auf der wir uns ausruhen können, kein Vermächtnis, das wir unseren Kindern weitergeben können. Erinnerung ist Arbeit, ist Diskurs, ist Politik und ist heute in vielen Teilen Europas - wieder - Auflehnung und Widerstand gegen die Agenda der Gedächtnislosen in Parlamenten, Gedenkstätten, Theatern, Museen und Schulen. Diese träumen noch immer - oder wieder - von der Vormacht des Deutschen Volkes: eines Volkes, dessen Söhne im Namen der "arischen Rasse" angehalten wurden, zu rauben und zu morden. Söhne, die bald selbst nichts anderes sein würden als Kanonenfutter in einem sinnlosen Krieg, der ganz Europa verwüsten sollte. Ihre Zukunft im Heldentod fürs Vaterland hatten die Ideologen der Partei seit 1933 für sie bestimmt. Diejenigen, die heute Postings unter dem Titel "Schütze deine Rasse, es ist das Blut deiner Ahnen" im Netz teilen, wie die oberösterreichische FPÖ, treten das ideologische Erbe derer an, die in einem vermeintlich genialen und in Wirklichkeit menschenverachtenden Schachzug ihre rosige, aschfahle oder beige Hautfarbe zu ihrem größten Kapital machten, indem sie sie "weiß" und sich selbst "arisch" nannten.

Rechtspopulisten machen ein perfides Angebot: Sie befreien kollektiv und pauschal von jedweder Verantwortung, von der Last der Vergangenheit ebenso wie von der Solidarität für Hilfsbedürftige im eigenen Land oder an den Grenzen Europas. In Österreich verlangt der Kanzler für Sozialleistungen fortgeschrittene Deutschkenntnisse und der Innenminister stellt öffentlich die Europäische Menschenrechtskonvention in Frage. Im Gegenzug für diese "Entlastung" geben immer mehr Menschen in autoritären Staaten Europas ihr demokratisches Mitspracherecht auf und lassen sich von den von ihnen selbst gewählten Vertretern in eine voraufklärerische Unmündigkeit zurückversetzen.

Vor dem Hintergrund des nationalsozialistischen Massenmordes forderte der französische Philosoph Albert Camus eine solidarische Revolte, einen gewaltfreien, zivilgesellschaftlichen Widerstand, dessen Akteure sich nicht als Richter und Henker aufspielen. In Abwandlung des berühmtes Descartes-Satzes "Ich denke, also bin ich" schrieb Camus "Ich revoltiere, also sind WIR" - ein "Wir", das niemanden ausschließt.

Sich zu wehren, muss nicht heroisch sein. Es reicht zu sagen: Ich lasse mich nicht unzufrieden machen, ich brauche keinen Neid zu meinem Glück, keine imaginäre Bedrohung, keine abgeriegelten Grenzen. Wie viel Mündigkeit liegt heute in den Worten Solidarität, Gemeinsamkeit - und sogar in dem Wort Volk in der Definition Angela Merkels: "Das Volk ist jeder, der in diesem Land lebt."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.