Holocaust-Gedenktag "Ich kann kein Abnehmen des Antisemitismus feststellen"

Vor 61 Jahren erreichten Soldaten der Roten Armee das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau und befreiten rund 5000 Häftlinge. Vor dem Holocaust-Gedenktag sprach SPIEGEL ONLINE mit dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Gideon Joffe über Antisemitismus und Gedenken in Deutschland.


SPIEGEL ONLINE:

Vor nunmehr zehn Jahren hat Bundespräsident Roman Herzog den 27. Januar als Holocaust-Gedenktag proklamiert. Was bedeutet dieser Tag für die Juden in Deutschland?

DDP
Joffe: Wir gedenken des Zivilisationsbruches, des Mordes an den europäischen Juden, dieses Tiefpunkts der Menschheitsgeschichte - aber auch der Durchschnittsdeutschen ohne Durchschnittsdenken, die etwa unter Einsatz ihres Lebens Juden im Untergrund gerettet haben. Wir gedenken auch dieser Helden.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie es positiv, dass es diesen Gedenktag gibt?

Joffe: Ja, durchaus, die Einmaligkeit des Verbrechens ist anerkannt worden.

SPIEGEL ONLINE: Die Idee eines Holocaust-Gedenktages stammt von einem Ihrer Vorgänger als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Heinz Galinski, der mittlerweile verstorben ist. Es hat lange gedauert, bis die Idee Wirklichkeit wurde.

Joffe: Man musste wohl erst mal abwarten, bis die Mehrheit der Nazi-Täter gestorben waren. Unmittelbar nach dem Krieg wäre ein solcher Gedenktag nicht möglich gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Ist er nicht für nichtjüdische Deutsche wichtiger als für jüdische?

Joffe: Ja. Das Judentum ist ohnehin eine Religion des Gedenkens. Wir gedenken der Zerstörung des Tempels, der Versklavung in und der Befreiung aus Ägypten, der verschiedenen Pogrome.

SPIEGEL ONLINE: Paul Spiegel, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, hat vor ein paar Tagen gesagt, dass am Holocaust-Gedenktag mehr passieren sollte als ein paar feierliche Veranstaltungen. Zum Beispiel, hat er angeregt, sollten an diesem Tag, wie es in Israel geschieht, alle Sirenen heulen.

Joffe: Landesweit zu hörende Sirenen würden, im Gegensatz zu den Veranstaltungen der Politiker, die Mehrheit der Menschen erreichen. Angesichts der aktuellen Ereignisse wäre es auch mal etwas anderes, wenn das Auswärtige Amt den iranischen Botschafter in Berlin und andere iranische Botschafter in Europa zu einem gemeinsamen Besuch eines Konzentrationslagers am 27. Januar eingeladen hätten. Schließlich hat die Bundesregierung im Koalitionsvertrag auch die Bekämpfung des Antisemitismus angekündigt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie den Eindruck, dass der Antisemitismus in Deutschland zunimmt?

Joffe: Wenn die Berliner Polizei Juden rät, die Kippa, den Davidstern oder andere Erkennungsmerkmale von Juden nicht in der Öffentlichkeit zu zeigen - dann kann ich kein Abnehmen des Antisemitismus feststellen.

SPIEGEL ONLINE: Sie und die allermeisten Berliner Gemeindemitglieder sind nicht als Juden zu erkennen. Sind sie dennoch mit Antisemitismus konfrontiert?

Joffe: Aber ja. Jedes Gemeindemitglied macht solche Erfahrungen - entweder persönlich oder im Freundeskreis. Ein jugendliches Berliner Gemeindemitglied musste die Schule wechseln, weil er als Jude beschimpft und körperlich angegriffen wurde. Aber gleichzeitig begegnen uns auch viele, die nicht jüdisch sind, vorurteilsfrei und begrüssen, dass es jüdisches Leben in Deutschland gibt.

SPIEGEL ONLINE: Seit vielen Jahren stellen Wissenschaftler immer wieder fest, dass rund 15 Prozent der Deutschen eine antisemitische Einstellung haben. Wird das ewig so bleiben?

Joffe: Der Antisemitismus ist das älteste Vorurteil der Welt. Es wird lange dauern, bis er überwunden ist.

SPIEGEL ONLINE: Was lässt sich Ihrer Meinung nach tun?

Joffe: Wichtig wäre es, wenn Lehrerinnen und Lehrer zum Thema Holocaust und Antisemitismus Fortbildungen besuchten. Sie brauchen moderne, pädagogische Konzepte, damit Schüler nicht mehr meinen, dass sie diese Themen satt hätten, gleichzeitig aber kaum etwas über sie wissen. Zum anderen müssen wir Jüdischen Gemeinden unsere Türen stärker öffnen, das Judentum transparenter darstellen und mehr über uns selbst berichten. Denn kaum ein Bundesbürger kennt einen Juden persönlich oder weiß Näheres über das Judentum. Weniger als 0,3 Prozent der Bevölkerung sind jüdisch - was Vorurteile fördert.

SPIEGEL ONLINE: Im vergangenen Jahr hat auch die Uno den 27. Januar zum Holocaust-Gedenktag erklärt. Wie sehen Sie den Antisemitismus weltweit?

Joffe: Der Antisemitismus ist ein derartig hartnäckiges Phänomen, dass er auch ohne Juden auskommt. Diese Erfahrung habe ich während meiner Jahre in China gemacht, wo sehr wenig Juden leben. Wirklich beunruhigende Tendenzen gibt es in Osteuropa und aktuell natürlich im Iran. Leider hat der iranische Präsident Ahmadinedschad nach seinen Holocaust-Leugnungen recht behalten, als er voraussagte, dass der Westen nur mit Geschrei reagieren werde.

SPIEGEL ONLINE: Führen die antisemitischen Tiraden von Ahmedinedschad. nicht dazu, dass sich weltweit mehr Menschen mit dem Staat Israel solidarisieren und Verständnis für einen Militärschlag gegen die iranischen Atomanlagen hätten.

Joffe: Das mag zutreffen. Andererseits hat die Uno damals Israel verurteilt, als israelische Kampfflieger 1981 Atomanlagen im Irak zerstörten, die übrigens die Franzosen mitgebaut haben. Damit hat Israel verhindert, dass Saddam Hussein in den Besitz von Nuklearwaffen kommt.

SPIEGEL ONLINE: Der deutsche Historiker und Holocaust-Experte Götz Aly hat den Vorschlag gemacht, angesichts der von den Iranern angekündigten Konferenz zum Holocaust eine internationale Gegenkonferenz zu organisieren. Was halten Sie davon?

Joffe: Das fände ich sehr gut, aber nur, wenn auch Regierungsvertreter muslimischer Länder und im Exil lebende muslimische Menschenrechtler daran teilnehmen. Vor allem dann hätte die Konferenz einen Mehrwert. Es geht darum, den Antisemiten, wann immer und wo immer sie ihre Stimme erheben, entschieden entgegenzutreten. Dies ist für mich auch eine entscheidende Botschaft des Holocaust-Gedenktages.

Interview: Michael Sontheimer



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