Holocaust-Gedenktag Wiesenthal-Zentrum lobt Deutschlands Einsatz gegen NS-Verbrecher

Deutschland hat erhebliche Fortschritte bei der Verfolgung von NS-Verbrechern gemacht, lobt das Simon-Wiesenthal-Zentrum am Holocaust-Gedenktag. Außenminister Maas warnt vor neuen Gefahren.

KZ-Gedenkstätte Auschwitz
REUTERS

KZ-Gedenkstätte Auschwitz


An diesem Sonntag blickt die Welt zurück auf einen Tag vor 74 Jahren. Am 27. Januar 1945 befreite die sowjetische Rote Armee das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. Dieser Tag ist seit mehr als 20 Jahren offizieller Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.

Das Wiesenthal-Zentrum, eine jüdische Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Los Angeles, hat nun den Einsatz der deutschen Justiz gegen NS-Verbrecher gelobt. In einem Jahresbericht, der zum Internationalen Holocaust-Gedenktag veröffentlicht wurde, ist die Rede von "erheblichen Fortschritten vor allem in Deutschland".

In Deutschland gebe es seit knapp einem Jahrzehnt eine "dramatische Veränderung" in der Strafverfolgung von NS-Verbrechern, heißt es in dem Bericht. Seit dem Urteil gegen den KZ-Aufseher John Demjanjuk im Jahr 2011 besteht die Justiz nicht mehr auf dem oft unmöglichen Nachweis individueller Schuld. Es reicht der Beweis, dass eine Person in einem Nazi-Todeslager oder in den Einsatzgruppen gedient hat.

Das 1977 gegründete Wiesenthal-Zentrum ist mit der weltweiten Suche nach untergetauchten Nazi-Verbrechern und Kollaborateuren bekannt geworden. Schlechte Noten bekamen dagegen Länder wie Norwegen, Schweden, Österreich, Litauen und die Ukraine.

Heiko Maas: "Unsere Erinnerungskultur bröckelt"

Außenminister Heiko Maas warb für eine neue Gedenkkultur: Erinnerungsorte müssten auch Lernorte sein, schrieb der SPD-Politiker in einem Gastbeitrag für die "Welt am Sonntag".

Der Zeitpunkt rücke näher, an dem Zeitzeugen nicht mehr vom NS-Unrecht berichten könnten. "Unsere Gedenkkultur muss sich daran anpassen. (...) Was wir jetzt brauchen, sind neue Ansätze, um historische Erfahrungen für die Gegenwart zu nutzen. Unsere Geschichte muss von einem Erinnerungs- noch stärker zu einem Erkenntnisprojekt werden."

"Wer heute geboren ist, für den ist etwa die Pogromnacht zeitlich genauso weit entfernt wie bei meiner Geburt ein Reichskanzler Bismarck. Das verändert das Gedenken, schafft mehr Distanz."

Maas warnte in dem Beitrag mit Blick auf die Digitalisierung: "Was einst am Stammtisch geraunt wurde, wird nun mit einem Klick für alle Welt öffentlich." Hass könne sich schneller verbreiten und in Hetze und schlimmstenfalls Gewalt münden. "Wir sehen, wie in ganz Europa Nationalismus propagiert wird und Feindbilder genutzt werden, um die eigene dumpfe Ideologie zu rechtfertigen. Rechtspopulistische Provokateure relativieren den Holocaust - im Wissen, dass ein solcher Tabubruch maximale Aufmerksamkeit beschert."

Der Minister warnt: "Unsere Erinnerungskultur bröckelt, sie steht unter Druck von extremen Rechten." Umso gefährlicher sei das Unwissen gerade der jungen Deutschen, das eine CNN-Erhebung offenbart habe. "40 Prozent wissen nach eigener Einschätzung kaum etwas über den Holocaust. Das sind schockierende Zahlen, die wir nicht tatenlos hinnehmen dürfen. Wir müssen die Geschichten der Menschen bewahren, die aus eigenem Erleben von dem Unfassbaren berichten können."

kha/dpa

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