Holocaust-Mahnmal Hüpfen von Stele zu Stele

Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas ist Besuchern jetzt frei zugänglich. Dutzende Schulklassen strömten in den ersten beiden Tagen durch das Stelenfeld des Mahnmals. Manche Jugendliche sprangen von Stele zu Stele. Sieht so Gedenken aus?

Berlin - "Schau mal, da ist 'ne Welle", rufen sich drei Schüler zu und rennen lachend los, über die welligen, nur 95 Zentimeter breiten Plastersteinwege hinein ins grau schimmernde Stelenfeld des Holocaust-Mahnmals. Währenddessen haben ihre Kumpel die niedrigeren Ausläufer des Mahnmals erklettert und springen von Stele zu Stele bis zur Mitte des Feldes. Der von der Mahnmal-Stiftung engagierte Sicherheitsdienst greift nicht ein - er ist schlichtweg nicht da. Die Polizisten in den umliegenden Straßen wundern sich: "Die klettern da auf den Stelen rum, rauchen auf dem Mahnmalgelände - und keinen stört es."

Am Rande des Feldes, an der Ebert-Straße, hocken Tim und Christian auf einer niedrigen Stele und kauen Käsebrötchen. Sie sind mit ihrer 10. Klasse aus Baden-Württemberg nach Berlin gekommen: "Ist schon ein bisschen blöd, dass die da drauf herumspringen." Unter den Stelenkletterern sind viele türkischstämmige Jugendliche, die deutsche Geschichte, an die hier erinnert werden soll, ist nicht ihre Geschichte.

"Die Jugendlichen hier sehen das als einen großen Spielplatz an", sagt Frank Lubina, 39. Er und sein Kollege Holger Musial, 41, kommen aus Münster und sind beruflich in Berlin: "Da wollten wir uns das Mahnmal einmal anschauen." Aber Lubina ist jetzt "enttäuscht, ich hätte gedacht, dass es mehr zum Nachdenken anregt", es fehle die Information.

Den Jugendlichen fehle offensichtlich der vorbereitende Unterricht in der Schule: "Die Kinder stören, dieses ganze hektische Treiben, da komme ich nicht zur Ruhe", sagt Musial.

"Das ist unser Revier, macht keine Faxen"

Im tiefen Inneren des Stelefeldes ist Vorsicht geboten: Kinder rennen durch die Gänge, erst im letzten Augenblick sind sie für den kreuzenden Fußgänger zwischen den Pfeilern zu bemerken. Jemand fragt, ob denn hier auch rechts vor links gelte. Von überall her hallt Lachen, Gebrüll und Geschrei. Eine Gang trottet rhythmisch durch das Feld: "Hier sind wir aufgewachsen, das ist unser Revier, macht keine Faxen", rappen sie vor sich hin. Wieder andere Jugendliche ärgert das: "Euch interessiert es ja nicht, aber den Freund meines Großonkels haben sie ins KZ geschmissen!"

Das Denkmal ist verletzbar, es bietet sich ohne Schutz und Trutz dar, es ist unbewaffnet. Einige sind deshalb verärgert, wollen schützend eingreifen: Zwei Männer streiten sich, ob man hier mit Handy telefonieren dürfe oder nicht. Direkt an die Jugendlichen wendet sich niemand. Christine Contzen, 42, aus Berlin meint, dass die Jugendlichen "erstmal ganz normal reagieren", das sei - im besten Sinne des Wortes - eine Übersprunghandlung: "Sie wollen sich nicht drauf einlassen."

Contzen ist eine jener Besucherinnen, die sich ganz auf das Denkmal einlassen, sich bewusst Zeit nehmen. Viele stehen mit nachdenklichen Blicken zwischen den Stelen. Contzen streift jetzt seit einer Stunde mit ihren Eltern durch das Stelenfeld: "Je tiefer man hinein geht, desto mehr schluckt es uns." Sie spüre geradezu "einen Druck auf den Ohren, und man kann selbst bestimmen, wie weit man sich vorwagt." Den Standort in Berlins Mitte findet sie "besonders gut", das Mahnmal hätte aber ruhig die Größe des ursprünglichen Eisenman-Entwurfes haben können, sagt Contzen.

"Das Denkmal erfahren und erfühlen"

Zwei 65-jährige Italienerinnen aus Mailand stehen verdutzt daneben: Sie können nicht fassen, warum die Deutschen ein Mahnmal für die ermordeten Juden Europas in die Mitte ihrer Hauptstadt errichteten: "Hätte man nicht etwas Schöneres ins Zentrum der Stadt bauen können?" In Rom oder Mailand sei so etwas undenkbar. "Wir wissen doch alles über Hitler und die Juden, wir erinnern uns doch, da braucht man doch nicht ein solch tristes Feld", sagen sie. Hineingehen wollen sie auf keinen Fall: "Wir wissen alles, wir brauchen das nicht."

Roman Sutter ist beeindruckt von der Größe - "und irgendwie betroffen". Der 57-jährige Schweizer aus Zürich ist mit Frau und kleinem Kind nach Berlin gekommen. Auch sie nehmen sich ausgiebig Zeit für das Holocaust-Mahnmal: "Es fasziniert mich sehr", sagt Sutter, "allerdings bin ich als Schweizer nicht von der deutschen Geschichte betroffen." Deshalb beeindrucke in das Mahnmal "in erster Linie als Kunstwerk, für die Deutschen ist es eben mehr Denkmal".

Als solches fasst es der 65-jährige Berliner Jürgen Becker auf: "Ich finde Eisenmans Idee großartig. Es ist so erdrückend, in der Mitte fühlt man sich total einsam - eben so, wie sich die europäischen Juden damals wohl gefühlt haben." Die Angst, die die Berliner gehabt hätten, das Mahnmal könne "zu bombastisch" wirken, "diese Angst ist völlig unbegründet". Man müsse das Denkmal "erfahren und erfühlen". Eine Frau hat jetzt zwei Rosen auf den Rand einer Pfeilers gelegt. Diese Stele lassen die Jugendlichen links liegen.

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