Erzkonservative in der AfD Auf Stimmenfang bei Homophoben

Parolen und subtile Schmähungen: Führende Mitglieder der Alternative für Deutschland machen aus ihrer Abneigung gegen Schwule keinen Hehl. Sie zielen auf eine erzkonservative Klientel, denen die alte Heimat CDU/CSU nun zu tolerant erscheint.
AfD-Chef Lucke (in Berlin): "Verfallserscheinungen" von Ehe und Familie

AfD-Chef Lucke (in Berlin): "Verfallserscheinungen" von Ehe und Familie

Foto: Markus Schreiber/ AP

Berlin - Diskriminierung muss nicht als grobe Beschimpfung daherkommen. Oft verbirgt sie sich in subtilen Sticheleien, oder im überschwänglichen Lob einer Lebensform, wenn in Wahrheit die andere herabgewürdigt werden soll. Ein anschauliches Beispiel bot der Parteitag der Alternative für Deutschland im hessischen Gießen. Parteichef Bernd Lucke sprach vor dem zerstrittenen Landesverband über Ex-Fußballer Thomas Hitzlsperger, der sich kurz zuvor zu seiner Homosexualität bekannt hatte.

Solche Beichten erforderten heutzutage doch keinen großen Mut mehr, dozierte VWL-Professor Lucke. Mutig wäre es gewesen, wenn der Sportler die "Verfallserscheinungen" von Ehe und Familie gegeißelt hätte, wenn er sich dazu bekannt hätte, dass diese Lebensformen "für unsere Gesellschaft konstitutiv sind".

Luckes Botschaft war klar: Unter Ausgrenzung leiden in Deutschland nicht etwa homosexuelle Paare, bedroht sind klassische Beziehungen - Vater, Mutter, Kind. Das Statement des AfD-Vorsitzenden hat Kalkül: Seit ihrer Gründung sendet die AfD mehr oder weniger subtile Lockrufe an erzkonservative, bibeltreue und homophobe Wähler aus. Zwar agitiert die Parteiführung nicht offen gegen Schwule und Lesben. Auch Lucke schickte einen Tag nach seiner Hitzlsperger-Rede eine Klarstellung an alle Mitglieder: "Selbstverständlich habe ich mich in keiner Form homophob geäußert."

Doch die Partei nutzt einen Code, den die gewünschten Adressaten leicht entschlüsseln können. Der lautet sinngemäß: Wir sind nicht gegen Schwule, wir sind für Familien. Die AfD grenze niemanden aus, man kämpfe gegen eine schrille Minderheit. "AfD-Funktionäre suggerieren, dass gleiche Rechte für Homosexuelle ein Angriff auf Ehe und Familie sind", sagt Renate Rampf, Sprecherin des Lesben- und Schwulenverbands in Deutschland. "Bei dieser Partei kommt die Homophobie im Gestus der Verteidigung einher. Das ist das eigentlich Gefährliche."

Als "Pädophile" und "Perverse" beschimpft

Gelegentlich schalten AfD-Politiker aber auch auf Angriff. So wettert Beatrix von Storch, designierte Europawahl-Kandidatin des Berliner Landesverbands, offen gegen die Macht der "Schwulen-Lobby". Die AfD Bayern klagt auf Facebook, dass im Fernsehen Homosexualität "beworben" werde. Und die AfD Baden-Württemberg hat sich der Petition angeschlossen gegen den Plan der grün-roten Landesregierung, das Thema Homosexualität im Unterricht zu besprechen: Die Regierung plane eine "pädagogische, moralische und ideologische Umerziehungskampagne" schimpft Landessprecher Bernd Kölmel. Die Wortwahl ist noch gemessen, verglichen mit den Schmähungen, die sich AfD-Aktivisten auf lokaler Ebene und im Internet leisten. Dort werden Schwule von AfDlern auch mal als "Pädophile" und "Perverse" geschmäht.

Bundesvorstand Konrad Adam lehnt einen Kurswechsel seiner Partei dennoch ab. "Wir sind die Einzigen, die offen aussprechen, dass man Ungleiches nicht gleich behandeln sollte", sagt er. "Ohne Kinder geht der Staat unter. Deshalb ist es grotesk, dass das Bundesverfassungsgericht die existentielle Funktion der Ehe für die Gesellschaft nicht mehr würdigt."

Offiziell hat sich der Bundesvorstand aber nur einmal deutlich positioniert, als die Berliner AfD im Juni vor der Wahl das schwul-lesbische Motzstraßenfest in Berlin besuchte. Der Landesverband positionierte sich damals "ohne Vorbehalte" für die steuerliche Gleichstellung hetero- und homosexueller Paare. Sofort meldete die Bundesspitze Vorbehalte an. Schwulenrechte seien ein "politischer Nebenkriegsschauplatz" und für die AfD nicht "identitätsstiftend", belehrte der Vorstand die Basis. Die Hetero-Ehe sei dagegen "eine Marke unseres Wertekanons, den wir schützen müssen".

Mit ihrer Strategie lockt die AfD nicht nur enttäuschte Wähler von CDU und CSU an, denen ihre alte politische Heimat allzu tolerant erscheint. Es kommen auch Sympathisanten aus erzkonservativen Vereinen wie der Anti-Abtreibungsorganisation Pro Leben, oder aus Splitterparteien wie Arbeit Umwelt Familie - Christen für Deutschland (AUF).

Parteiinterner Widerstand

Die Überläufer versuchen zunehmend, programmatisch Einfluss auf die AfD zu nehmen. So hat die frühere AUF-Politikerin Martina Kempf in Baden-Württemberg einen Arbeitskreis "Christen in der Alternative für Deutschland" gegründet. Mit Duldung von Lucke sollen die Arbeitskreise bundesweit ausgebaut und vernetzt werden. "Die AfD bietet als einzige relevante Partei Menschen eine Zuflucht, die an einer Berechtigung der Homo-Ehe und einem schrankenlosen Abtreibungsrecht zweifeln", sagt Kempf. Ein Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare lehnen sie und ihre Mitstreiter auch ab. Sie bemühen sich auch um Plätze in Programmkommissionen der Partei.

Doch langsam stößt die konservative Fraktion parteiintern auf Widerstand. Das Thema Homosexualität droht, einen neuen Grabenkrieg in der AfD zu entfachen. Denn mit etwas Verspätung konstituiert sich auch der liberale Flügel der Partei, bestehend vor allem aus früheren FDP-Mitgliedern. Die Gruppe - Codename "Kolibri" - will sich ebenfalls bundesweit vernetzen und bibeltreuen Freunden die Stirn bieten. In Diskussionsforen und Programmkommissionen zoffen sich beide Lager schon munter über die Frage, was die AfD unter "Familie" versteht. "Moderner Liberalismus bedeutet für uns, dass man dem Individuum so viel Freiheit wie möglich lässt", schreiben die Kolibris in ihrem Internetauftritt. Die Antwort der Konservativen wird nicht auf sich warten lassen.

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