Horst Seehofer Der Scheinriese von München

Der Autoritätsverlust ist schleichend: Horst Seehofer kann seine CSU immer weniger kontrollieren. Die Jüngeren setzen sich von ihm ab, die Älteren hat er vergrätzt. Schon diskutieren die Christsozialen darüber, wer ihn als Parteichef und Ministerpräsident ersetzen könnte.

Ministerpräsident Seehofer allein auf der Regierungsbank: "Immer besser und besser"
dpa

Ministerpräsident Seehofer allein auf der Regierungsbank: "Immer besser und besser"

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Berlin - Es läuft prima für Horst Seehofer. Das findet jedenfalls Horst Seehofer. Gerade hat er einen Deutschland-Plan angekündigt, der alles auf einmal lösen wird: Steuersenkungen, Bildungsinvestitionen, Sparen. Er hat eine Koalition mit CDU und FDP ausgehandelt, in der alle CSU-Versprechen durchgesetzt sind. Wirtschaftlich liegt Bayern vorn, trotz Landesbankdesaster - und "trotz Seehofer", wie der CSU-Chef gern anmerkt. Auch in der Partei mögen sie ihn jetzt: "Das hat sich geändert, das mit dem Solospieler", verriet er dem "Stern".

So viel zur Selbstwahrnehmung des Parteivorsitzenden.

Doch die Wahrheit dahinter: Seehofers schöne neue Welt ist nur Schein. Es ist, als ob der CSU-Vorsitzende beim Meister der Autosuggestion gespickt hätte: "Es geht mir mit jedem Tag in jeder Hinsicht immer besser und besser" - diesen Satz, so empfahl es einst der französische Psychotherapeut Émile Coué, müsse man immer zu sich selbst sagen. Dann komme der Erfolg schon. Irgendwie.

Darauf wartet Horst Seehofer. Doch es wirkt einfach nicht. Den Retter in der Not sollte er geben. Damals nach dem Absturz bei der Landtagswahl, als die CSU ihren notorischen Außenseiter und Herz-Jesu-Sozialisten, den Liebling des Volkes rief. Durchlüften wollte er die Partei: Jüngere Leute, mehr Basisdemokratie.

Doch in nur eineinhalb Jahren hat sich Seehofer zum Scheinriesen von München entwickelt. Sein Autoritätsverfall ist mit Händen zu greifen.

Zum Beispiel neulich bei der CSU-Landesgruppe. Die christsozialen Bundestagsabgeordneten sind in ihrer Mehrheit zwar auch skeptisch gegenüber der von FDP-Gesundheitsminister Philipp Rösler gewünschten Kopfpauschale, doch gehen fast allen die steten Zwischenrufe aus München zu weit. Denn für Seehofer ist der Kampf gegen ein Prämiensystem im Gesundheitswesen eine prinzipielle Angelegenheit. Da duldet er keinen Widerspruch. Dabei unterstützen auch einige in seiner Partei Röslers weitgehende Pläne. Nur öffentlich sagen will das keiner. Seehofers bayerischer Gesundheitsminister Markus Söder dagegen äußert sich umso lauter.

Eine Menge Ärger also hatte sich aufgestaut. Dem verlieh Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich Ausdruck, als er sich dieses "Störfeuer" aus München verbat.

"Seit Monaten gut unterwegs"

Was macht Seehofer? Er greift nicht zum Telefonhörer und regelt die Sache intern. Nein, er knöpft sich Friedrich öffentlich vor: "Die CSU war seit Monaten gut unterwegs - und dann kam er mit bodenlosem Unsinn." Über Teil eins des Zitats haben die Berliner CSU-Leute die Köpfe geschüttelt: Gut unterwegs sei man mit Sicherheit nicht gewesen.

Es ist, als ob Seehofer das Gespür für die Lage verloren hätte. Gerade er, der doch immer sensible Antennen für Volkes Stimme besaß; der die Bezeichnung Populist nicht als Schimpfwort, sondern als Ehrung empfand. Die Folge ist ein schleichender Verlust von Glaubwürdigkeit des 60-Jährigen.

Zum Beispiel in Sachen Steuersenkungen. Da hatte er sich noch im Wahlkampf weit vorgewagt: "Ich werde keine Koalitionsvereinbarung unterschreiben, die keine Steuersenkung beinhaltet - und im Koalitionsvertrag werden 2011 und 2012 als Termine drinstehen." Doch das Geld ist knapp und die Deutschen sind keine Anhänger großer Steuerreformen.

Seehofer ist auf einen Baum geklettert und sucht nun Wege, wieder herunterzukommen - ohne dass die Äste brechen. Genau dazu soll ihm der Deutschland-Plan dienen: Man müsse alle Herausforderungen nebeneinander legen "und dann politisch entscheiden, mit welcher Priorität und in welchem Umfang die jeweiligen Dinge in Angriff genommen werden". Seehofer setzt sich ab - und schiebt den schwarzen Peter der FDP zu: Mit "freudigen Gefühlen" habe er registriert, dass die Liberalen von ihren Forderungen nach schnellen Steuersenkungen abrücken.

Während Seehofer auf diese Weise eigene Anhängerschaft und Funktionäre verwirrt, emanzipieren sich nun jene Jüngeren von ihm, die er selbst in Spitzenämter gebracht hat.

Da ist, natürlich, Karl-Theodor zu Guttenberg. Der 38-Jährige ließ sich schon in seiner Zeit als Wirtschaftsminister nichts mehr von München sagen, als Seehofer den maroden Versandhändler Quelle mit Staatshilfen zu retten suchte, Guttenberg dies aber kritisch sah. Auch Agrarministerin Ilse Aigner, Seehofers direkte Nachfolgerin im Berliner Ressort, wird flügge. Als sie Anfang 2009 den Anbau der Genmais-Sorte MON 810 verbot, triumphierte noch Seehofer. Wollte er doch die CSU auf genkritischen Kurs bringen. Zwei Wochen später aber erlaubte Aigner einen Freilandversuch mit der Genkartoffel Amflora. Seehofer war enttäuscht.

Und nun entwickelt Landesgruppenchef Friedrich einen eigenen Kopf.

Auch auf die Älteren kann Seehofer nicht setzen, der von ihm hart durchgezogene Generationenwechsel hat sie vergrätzt. Ex-Wirtschaftsminister Michael Glos etwa nahm sich den Parteichef wegen seiner Haltung im Gesundheitsstreit vor: Mitglieder und Wähler fühlten sich "abgestoßen". Der Koalitionsvertrag trage Seehofers Unterschrift, so Glos zur "Bild"-Zeitung. "Franz-Josef Strauß - den sich Horst Seehofer normalerweise zum Vorbild nimmt - pflegte zu sagen: 'Pacta sunt servanda': Verträge sind einzuhalten."

Die Zeiten des Marionettenspielers Seehofer seien vorbei, heißt es in Berliner Regierungskreisen. Der Ministerpräsident habe nicht mehr alle Fäden in der Hand.

Schon wird bei den Christsozialen wieder einmal eifrig über die Nachfolge des Chefs diskutiert. Guttenberg gilt als der geborene Parteivorsitzende, Ambitionen aufs Amt des Ministerpräsidenten haben insbesondere Söder und die bayerische Sozialministerin Christine Haderthauer. Die beiden liefern sich schon jetzt einen Machtkampf. Den letzten Aufschlag in der Sache machte die 47-jährige Haderthauer: Ausgerechnet Söders Heimatzeitung "Nürnberger Nachrichten" erklärte sie, dass der "nicht Ministerpräsident wird".

Seehofer sagt nichts dazu. Nur, dass der Tag X irgendwann auch auf ihn zukommen werden, "ist doch klar".

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derweise 01.04.2010
1. Seehofers Irrtum mit den EE
Seehofer unterlag bei den erneuerbaren Energien einem gewaltigen Irrtum: bauernschlau wollte er Subventionen für seine Bauern unter dem Vorwand von EE herausholen. Doch eine solch rückständige Haltung nicht dem Modernisierungsimage der CSU. FJS wäre hier viel scharfsinniger gewesen. Seehofer paßt besser in die Bayernpartei.
IGIT 01.04.2010
2. Unschärferelation
Das Problem bei Horst Seehofer ist, dass er für alles und nichts steht. Man weiß im Grunde genommen nicht, welche Politik er vertritt. Erschwerend aus Sicht der selbstbewussten Bayern kommt hinzu, dass er in München gern den Franz Josef Strauß gibt und gegen die Kanzlerin in Berlin opporniert, aber wenn er in Berlin der Kanzlerin gegenübersteht, nur noch herumschleimt und herumgrinst wie einst der berüchtigte McFly aus dem Film "Zurück in die Zukunft". Nee, die Bayern mögen den Seehofer nicht.
genugistgenug 01.04.2010
3. Seehofer ist KEIN Scheinriese
Seehofer ist KEIN Scheinriese - die Worte Riese und Seehofer in einem Satz widersprechen sich. Mich erinnert er eher an eine alte Luftmatratze aus der die Luft draußen ist. Wir sind schon gespannt auf die üblichen Sätze : Wir stehen hinter Seehofer (und schubsen ihn dann vom Sockel). Auf die neue Troika bin ich gespannt, denn es kann nur weiter runter gehen und wir warten auf den Aufschlag. Peter Prinzip: Stufe 1. In einer Hierarchie neigt jeder Beschäftigte dazu, bis zu seiner Stufe der Unfähigkeit aufzusteigen. Stufe 2. Nach einer gewissen Zeit wird jede Position von einem Mitarbeiter besetzt, der unfähig ist, seine Aufgaben zu erfüllen. Stufe 3. Die Arbeit wird von den Mitarbeitern erledigt, die ihre Stufe der Inkompetenz noch nicht erreicht haben. Zum Glück muss in der CSU niemand eine Arbeit erledigen und damit fällt wenigstens diese Stufe weg :-)))))
Transmitter, 01.04.2010
4. Weg mit Seehofer!
Zitat von sysopDer Autoritätsverlust ist schleichend: Horst Seehofer kann seine CSU immer weniger kontrollieren. Die Jüngeren setzen sich von ihm ab, die Älteren hat er vergrätzt. Schon diskutieren die Christsozialen darüber, wer ihn als Parteichef und Ministerpräsident ersetzen könnte. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,686756,00.html
Die CSU war Bayern und Bayern war die CSU. Auch unter Strauß-Ziehsohn Stäuber noch. Seit ausgerechnet die CSU-Mehrheit im Maximilianeum - gegen die urbayerische Lebensart - "das härteste Anti-Rauchergesetz Europas" einführte, war den meisten bayerischen Wählern wohl klar, was aus ihrer CSU geworden ist. Und prompt haben sie sie bestraft. Auch Seehofer ist so ein beliebiger, Berlin infizierter Gefälligkeitspolitiker. Heute so, morgen so. Ganz, wie es gefällt. Der wehrt sich nicht gegen die abscheulichen EU-Diktate, die gerade das urtypische Bayern erschüttern. Das spüren die Bayern. Und wählen eben nicht mehr die CSU. Seehofer muss schnellstens weg. Die CSU braucht einen neuen FJS, der wieder für Bayern und seine bierseligen Eigenarten inklusive der Rauchgewohnheiten kämpft. Oder die CSU verkommt zur Minderheitspartei und das Merkel verliert einen Haufen MdBs.
AKI CHIBA 01.04.2010
5. Ja, wer denn?
Wer gestern ein wenig Plasberg geguckt hat, der hat einen Vorläufer des Scheinriesen erlebt: Den unerbittlichen Scientologenfresser Beckstein. Es war ein Trauerspiel! Immerhin aber hat der erfolgreich den Stoiberkiller gegeben. Er seinerseits war auch nach dem Ableben des großen Jägers und Maßkrugvernichters FJS weiterhin und nichts anderes als der Diener seines Herrn. Aber als Kabarettstichwortgeber war er Extraklasse. Das Bürscherl der Söder gart seit kurzem im Sod und hat sodbrennen. In der CSU gibts kein St. Pauli, deswegen ist sie nach getaner Arbeit entmaterialisiert. Ja und? Ja wer sägt an Seehofers Stuhl. Sitzt da einer drauf?
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