Florian Gathmann

Horst Seehofer Ein tragischer Fall

Horst Seehofer ist dabei, seinen Ruf zu ruinieren. Politischer Anstand, Empathie, Ausgleich - nichts scheint mehr übrig zu bleiben von dem, wofür der CSU-Chef einmal stand. Eine Tragödie.
Seehofer

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Foto: Michele Tantussi/ Getty Images

Jetzt auch noch die Sache mit den abgeschobenen Afghanen an seinem Geburtstag. Und wieder hat es sich Horst Seehofer selbst eingebrockt: Bei der Vorstellung seines sogenannten Masterplans Migration am Dienstag erwähnte der Innenminister und CSU-Chef voller Stolz, dass es just an seinem 69. Geburtstag gelungen sei, 69 Menschen aus Afghanistan in ihre Heimat abzuschieben. Der Einschub: "Das war von mir nicht so bestellt", half dann auch nichts mehr.

Zumal inzwischen bekannt wurde, dass sich einer der am vergangenen Mittwoch abgeschobenen Afghanen in Kabul erhängt hat. Zynismus-Vorwürfe waren gestern, nun muss sich Seehofer selbst aus der Partei des Koalitionspartners SPD Rücktrittsforderungen anhören.

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Horst Seehofer reklamiert für sich gerne ein Alleinstellungsmerkmal in der deutschen Politik. In den vergangenen Wochen ist ihm tatsächlich Einmaliges gelungen: Seinen politischen Ruf innerhalb kurzer Zeit so zu ruinieren wie er, das hat in der Geschichte dieser Republik wohl noch keiner geschafft.

Nein, Seehofer ist kein Mann ohne Anstand. Kein Mensch ohne Empathie. Kein Extremist. Im Gegenteil.

Aber in kürzester Zeit hat es der CSU-Politiker vermocht, in Teilen der Öffentlichkeit genau dieses Bild von sich zu erzeugen.

Video: Juso-Chef Kühnert - Seehofer ist "dem Amt charatkterlich nicht gewachsen"

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Der Herzchirurg Umeswaran Arunagirinathan, der einst als unbegleiteter Flüchtling aus Sri Lanka nach Deutschland gekommen war, hat gerade der "Zeit" voller Erstaunen von einer Begegnung mit Seehofer berichtet: Wie ihm der Innenminister vor einem Auftritt die Hand reichte und die Nervosität mit dem Satz "Sie schaffen das" zu nehmen versuchte. So eine Geste hatte Arunagirinathan, sagt er, von Seehofer gegenüber ihm, einem dunkelhäutigen ehemaligen Flüchtling, nicht erwartet.

Es ist nicht zu fassen.

Derselbe Seehofer ist das, den sie in der Union lange Jahre als "Herz-Jesu-Sozialisten" verspottet haben, weil er stets ein Herz für die Schwachen in der Gesellschaft hatte. Der als Vizechef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion 2004 zurücktrat, weil er die von den Arbeitgebern geforderte Kopfpauschale in der Gesundheitspolitik nicht mittragen wollte. Der seinen Freistaat als bayerischer Ministerpräsident zu einem Vorzeigebundesland in Sachen Integration gemacht und sich seinen Worten zufolge stets gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit eingesetzt hat.

Früher hatte alles Grenzen bei Seehofer

Seine Späßchen, auch auf Kosten anderer, hat Seehofer immer schon getrieben. Aber alles hatte Grenzen. Seehofer machte Politik, wie er es einst in der Bonner Republik gelernt hatte.

Nun scheint es diese Grenzen nicht mehr zu geben.

Aus dem Maß-und-Mitte-Christsozialen wird plötzlich eine Art CSU-Trump. Um maximale Härte vor der bayerischen Landtagswahl im Herbst zu zeigen, ist Seehofer neben entsprechender Rhetorik offenbar fast jedes Mittel recht: der angekündigte doppelte Rücktritt, um maximalen Druck aufzubauen, der dann wieder kassiert wird. Persönliche Attacken auf die Kanzlerin im Asylstreit, die jede und jeder andere als Angela Merkel wohl mit der unmittelbaren Entlassung des Innenministers beantwortet hätte.

Und dann kam der Satz mit den 69 nach Afghanistan abgeschobenen Flüchtlingen an seinem 69. Geburtstag.

Im Video: Seehofer und sein sogenannter Masterplan

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"Es ist für eine christliche Partei eine Schande, so über Menschen zu reden - als handele es sich bei Flüchtlingen um Kartoffelsäcke. Das sind aber keine Kartoffelsäcke, sondern Menschen mit Schicksalen." Das hat Norbert Blüm mit Blick auf den CSU-Politiker und manche seiner Parteifreunde kürzlich der "Berliner Zeitung"  gesagt. Seehofer war unter dem CDU-Mann Blüm, Arbeitsminister im Kabinett Kohl, drei Jahre lang Staatssekretär in Bonn. Blüm macht in dem Interview den Eindruck, als verstehe er seinen einstigen Schützling auch nicht mehr.

"Mit Sicherheit nicht". Das antwortete Seehofer am Dienstag auf die Frage, ob er im Rückblick auf die vergangenen Wochen irgendetwas anders machen würde. Falls das die ehrliche Antwort ist, wäre dem CSU-Chef nicht einmal bewusst, auf welchen Kurs er eingeschwenkt ist. Es scheint Seehofer nicht klar zu sein, dass er alles zerstören könnte, was er sich in vier Jahrzehnten einer beeindruckenden politischen Karriere an Reputation aufgebaut hat.

Das ist tragisch.

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