Seehofers Strategie Die graue Renitenz

"Ich bin Schachspieler, die anderen spielen alle nur Mühle": Horst Seehofer hat eine Regierungskrise ausgelöst, Angela Merkels Kanzlerschaft beschädigt und die CSU verunsichert. Warum macht er das?
CSU-Chef Horst Seehofer

CSU-Chef Horst Seehofer

Foto: Sven Hoppe/ dpa

Von einem schier unendlichen Freiheitsgefühl berichten Leute mit Nahtoderfahrung. Von ziemlich viel Licht, vom vorbeiziehenden Leben. Völlig losgelöst von der Erde. Wissenschaftlich gesehen handelt es sich dabei offenbar um Halluzinationen. Sollte dies auf die politische Sphäre übertragbar sein, dann ist der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer in den letzten Tagen vielleicht solchen Halluzinationen anheimgefallen.

Der angekündigte Rückzug, der Rücktritt vom Rücktritt, dieses Spiel um alles oder nichts: Seehofer applizierte sich selbst eine politische Nahtoderfahrung, zerstörte damit beinahe die Gemeinschaft der Unionsparteien und die Bundesregierung gleich mit. Das war gewissermaßen Lafontainismus für Fortgeschrittene: Nicht einfach ein Rückzug aus der Regierung samt Demontage der eigenen Partei, sondern ein politischer Bungee-Sprung. Springen, ohne aufzuschlagen. Wahnsinn.

Für Horst Seehofer allerdings war das nicht die erste Nahtoderfahrung.

"Sie haben mich schon für klinisch und politisch tot erklärt, aber jetzt bin ich wieder da", so ging sein Standardspruch nach einer der politischen Wiederbelebungen, im Jahr 2005, als ihn Angela Merkel zum Agrarminister machte. Drei Jahre zuvor wäre er beinahe an einer Herzmuskelentzündung gestorben; und nur ein Jahr zuvor war er im Streit um Merkels Gesundheitspolitik - Stichwort: Kopfpauschale - als Unionsfraktionsvize zurückgetreten.

Auch jener Rücktritt war ein doppelter: Seehofer wollte zurücktreten, doch der damalige CSU-Chef Edmund Stoiber hielt ihn vorerst ab. Ein paar Tage später, als Stoiber sich seines Kompromisses in der Gesundheitspolitik mit Merkel sicher war, ließ er Seehofer fallen. Und der trat zurück. Auch damals schon fragten die CSU-Leute ihren Seehofer, warum er sich denn bloß für diese Sache so verkämpfe, die Kopfpauschale komme doch eh nicht. Seehofer sagte nur: "Wenn ich da umfalle, bin ich politisch ein toter Mann."

Dass sich der Zocker Seehofer diesmal nicht selbst aus dem Spiel nahm, das liegt auch an CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt. Denn anders als Stoiber anno 2004 braucht Dobrindt Seehofer heute noch.

Es war vor allem Dobrindt, der in der Nacht auf Montag Seehofer am Rücktritt hinderte. Noch einmal nach Berlin fahren, noch einmal das Feuer auf die Kanzlerin konzentrieren, das war die Idee. Seehofer war ja politisch scheintot, bereits im Zwischenreich, vermutlich sah er schon sehr viel Licht und seine Karriere an sich vorbeirauschen. Einer also, der nichts mehr zu verlieren hatte.

Der Unionsstreit im Video:

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Warum Seehofer einfach so aus dem Spiel nehmen, wenn sein angekündigter politischer Selbstmord in Berlin noch viel wert sein könnte? Wenn man so will, war das eine Kamikaze-Strategie. Ergebnis: Die Kanzlerin hat nachgegeben, Seehofer bleibt.

Für Dobrindt ist Seehofers politisches Überleben so wichtig, weil es ihm die Chance erhält, ihn in nicht allzu ferner Zeit als CSU-Chef abzulösen. Wäre Seehofer jetzt schon zurückgetreten, dann hätte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder selbst nach der Macht in der Partei greifen können. Wer hätte ihm das verwehrt, mitten im Wahlkampf? Sollte aber die CSU bei der Wahl im Oktober ihre absolute Mehrheit verlieren, dann wäre der Weg für Dobrindt frei. Söder würde sich auf das MP-Amt fokussieren, Seehofer möglicherweise zurücktreten.

Hinter dem CSU-Plan der schrittweisen Eskalation steckte bei manchen auch die Hoffnung, in der CDU genügend Unterstützung zu generieren, um die Kanzlerin aus dem Amt zu drängen. Dobrindt, der kühle Stratege, hat Merkel die Daumenschrauben angelegt und täglich nachgeprüft, ob es auch schön weh tut. Doch tatsächlich hat er sich verzockt, weil er den Zocker in Seehofer unterschätzt hat. Denn der war kaum mehr zu kontrollieren, in der CSU-Führung brach Chaos aus, die CDU scharte sich um Merkel.

Seehofers Erklärung im Video:

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Und so ist Horst Seehofer am Ende dieser zwei Wochen Regierungskrise alles andere als der Sieger (Lesen Sie hier einen Kommentar). Erst zurücktreten wollen, dann doch nicht zurücktreten, um noch ein bisschen mit dem Rücktritt zu drohen - wer so weit gehen muss, dessen politische Karriere hat mehr als Haarrisse. In den letzten Nächten in der Münchner Parteizentrale und im Berliner Adenauer-Haus ist etwas zerbrochen. Ist das noch zu kitten?

Es gab in der CSU schon immer viele Leute, die mit Horst Seehofer noch Rechnungen offen haben. In den vergangenen zwei Tagen sind einige hinzugekommen. Wenn einer Hü-hott-Politik macht, dann kennt die CSU keine Gnade. Als sich Edmund Stoiber nicht entscheiden konnte, ob er nach Berlin gehen oder in München bleiben wolle, hat ihm die Partei das nie verziehen. Zwei Jahre schleppte sich Stoiber noch durch, dann war Ende in einer Kreuther Winternacht.

Trotz aller Rücktrittsdrohungen muss man sich Horst Seehofer als einen ins Amt vernarrten Mann vorstellen. Als einen Politsüchtigen. In Wahrheit fürchtet er nichts so sehr wie den politischen Tod. Politik ist sein Habitat. Ohne Politik ist Seehofer wenig.

Das mag seine zunehmende Verbalradikalität in den vergangenen Wochen erklären. Wo Seehofer sonst mit der Wucht der Ironie sprach, lästerte, herrschte, spaltete, da war plötzlich immer mehr Zorn. Seehofer wandelte sich vom charmanten Quälgeist zum Wüterich, zur grauen Renitenz der Union. Als zunehmend dünnhäutig beschreiben ihn Parteifreunde.

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Das Zitat, das ausgerechnet am Montag kurz vor dem Waffenstillstandsgespräch mit Merkel die Runde machte, klang wie durchgestochen aus einem vertraulichen Hintergrundgespräch: "Ich lasse mich nicht von einer Kanzlerin entlassen, die nur wegen mir Kanzlerin ist." Dabei hat Seehofer das öffentlich gesagt, in einem Zeitungsinterview.

Der Schaden, den Seehofer mit solch demütigenden Sprüchen am Amt der Kanzlerin angerichtet hat, der ist beträchtlich.

Seehofer muss sich zuletzt umstellt gefühlt haben: Die Kanzlerin, die ihm nicht entgegenkommen wollte, wo es sich bei den Zurückweisungen an der Grenze doch - O-Ton Seehofer - um eine "Micky Maus" statt um ein "Monster" handelte. Die Journalisten, die ihn kritisierten. Und die eigene Partei, die ihm nach Merkels EU-Gipfel nicht mehr so recht auf dem Eskalationskurs folgen wollte. Am Sonntag im Parteivorstand bekamen sie Seehofers Zorn zu spüren: "Dumm" nannte er die Äußerungen jener, die deeskalieren wollten. Die CSU müsse als Einheit auftreten, nur so werde Merkel reagieren.

Merkels Erklärung im Video:

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Plötzlich war Horst Seehofer wieder das, was er die meiste Zeit seiner politischen Karriere war: Solo-Spieler, Einzelgänger. Seehofer schwamm nie mit im Strom, seine Karriere erkämpfte er sich. Er, der Sohn eines Bauarbeiters, kein Abitur, aber clever wie wenige. Den studierten Besserwissern, den Neunmalklugen und Supergescheiten mit ihrem vornehmen Jura-Gequatsche fühlte er sich stets überlegen. Oftmals zu Recht.

Er hat eigentlich immer eine Strategie. Und wenn er keine hat, dann sagt er, dass er eine hat. "Ich bin ein Schachspieler", meint er dann, "die anderen spielen ja alle nur Mühle."

Stets war er an der Basis beliebter als bei den Funktionären. Er kokettiert noch immer mit dieser vermeintlichen Außenseiterposition, obwohl er mittendrin ist. Auffällig, wie oft er im Konflikt mit Merkel von der Bevölkerung spricht, als sei sie eine Person, ein guter Bekannter. Die Bevölkerung sagt mir, die Bevölkerung will, die Bevölkerung macht - so redet Seehofer. Die Bevölkerung und ich gegen den Rest. Gegen die Kanzlerin und gegen die eigene Partei, wenn es sein muss.

Zum 60. Geburtstag vor knapp zehn Jahren hielt ihm die Landtagspräsidentin Barbara Stamm, eine alte CSU-Verbündete, eine kleine Rede. Sie habe ja gewusst, sagte Stamm damals, dass der liebe Horst gerne schafkopfe: "Neu war mir allerdings, dass du die 'Teufelsrunde' eingeführt hast."

Und weiter: "Jeder spielt ein Solo, wenn er an der Reihe ist - auch wenn er nichts in der Hand hat."