Imageproblem der FDP Lindners ewiger Männerklub

In der FDP scheiden in nächster Zeit mit Linda Teuteberg und Katja Suding zwei Frauen aus der Führung aus. Zwar rücken andere nach - aber das Geschlechterproblem der Partei bleibt.
FDP-Chef Christian Lindner

FDP-Chef Christian Lindner

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Wolfgang Kubicki kann den Vorwurf nicht mehr hören. Die Einschätzung, seine Partei habe ein "Frauenproblem", sei schlichtweg falsch. Der Parteivize hat sich für solche Fälle eine Antwort zurechtgelegt, die beweisen soll, dass zumindest in seiner Heimat die Dinge nicht so schlecht stehen, wie sie Kritiker der FDP immer wieder vorhalten. Aus Schleswig-Holstein seien von drei FDP-Abgeordneten im Bundestag zwei weiblichen Geschlechts, sagte er kürzlich dem SPIEGEL.

Doch ein Blick in Kubikickis Landesverband, dem er lange Zeit vorstand, zeigt: Auch hier ist noch deutlich Luft nach oben. Rund 24 Prozent weibliche Mitglieder zählt der nördlichste FDP-Verband. Immerhin liegt er damit über den Frauenanteil in der FDP-Bundespartei: Hier werden nur 21,6 Prozent erreicht.

Das Image der Männerpartei wird die FDP so schnell nicht los. Die Botschaften, die jüngst ausgesendet wurden, tragen ihren Teil dazu bei - auch wenn es dafür vielfältige Gründe gibt. Auf dem Bundesparteitag am 19. September in Berlin muss FDP-Generalsekretärin Linda Teuteberg vorzeitig ihren Posten räumen, nachrücken soll der Rheinland-Pfälzer Vizeministerpräsident und Wirtschaftsminister Volker Wissing.

Dabei hatte Christian Lindner Teuteberg vor eineinhalb Jahren auch mit dem Blick auf den geringen Frauenanteil für das Amt auserkoren und sie seinem langjährigen Weggefährten Johannes Vogel aus NRW vorgezogen. Der FDP-Chef wollte ein Zeichen setzen - doch Teuteberg enttäuschte in ihrem Amt. Lindner baut nun die FDP-Spitze in Teilen um, er will den Fokus auf Wirtschaftsthemen setzen. Hier soll Wissing in Corona-Zeiten künftig für mehr Aufmerksamkeit sorgen als Teuteberg, die in den Medien mit ihren Wortmeldungen kaum durchdrang.

"Ich gehe davon aus, dass der Frauenanteil auf dem Parteitag im Mai nicht geringer sein wird als jetzt."

FDP-Chef Christian Lindner

Der Neuordnung an der Spitze wird auch auf dem Parteitag im Mai nächsten Jahres weitergehen, wo die Führungsgremien turnusgemäß neu gewählt werden. Kürzlich erklärte die Hamburger FDP-Chefin und Bundesvize Katja Suding ihren Rückzug: Sie wolle 2021 nicht noch einmal kandidieren, weder für den Bundestag noch für ihre Parteiämter. Unter Mitgliedern in Hamburg stand sie wegen der verlorenen Bürgerschaftswahl in diesem Jahr – die FDP scheiterte an der Fünf-Prozent-Hürde – in der Kritik. Ihr Entschluss, so sagte sie der "Bild"-Zeitung, sei aber schon vor Monaten gereift.

Die 44-Jährige, einst in der Ära von Guido Westerwelle in der Politik aktiv geworden, hatte die FDP 2011 aus der außerparlamentarischen Opposition in die Bürgerschaft zurückgeführt - mit einem ganz auf ihre Person zugeschnittenen Wahlkampf.

Nun beginnen die Überlegungen, wer Suding im Mai kommenden Jahres in der Parteispitze folgen könnte. Womöglich wieder eine Frau, heißt es intern. Suding ist bis dahin neben Nicola Beer und Kubicki Teil der Dreier-Vize-Riege hinter dem Vorsitzenden. 2021 dürfte sich mit Blick auf den Bundestagswahlkampf noch einiges im Personaltableau verschieben. FDP-Chef Lindner sieht das Problem der weiblichen Repräsentanz. "Ich gehe davon aus, dass der Frauenanteil auf dem Parteitag im Mai nicht geringer sein wird als jetzt", sagte er dem SPIEGEL.

Das Problem der Männerdominanz begleitet die FDP und Lindner schon lange, er selbst brachte vor zwei Jahren eine interne Analyse auf den Weg. Die Partei ließ sich ihr Defizit sogar schwarz auf weiß attestieren, durch eine von ihr in Auftrag gegebene Studie. Zwar erschien sie bereits 2018, sie ist aber noch heute weitgehend gültig. "Im Gegensatz zu den anderen Parteien hat sich der Frauenanteil unter den Parteimitgliedern in der FDP in den letzten Jahren verschlechtert", schrieb darin die Politikwissenschaftlerin Ina E. Bieber. Die FDP habe – nach AfD und CSU – den drittniedrigsten Frauenanteil in der Mitgliedschaft, so die Autorin.

An dem Befund hat sich wenig geändert. Im Gegenteil: Die neuesten Daten aus der FDP-Bundeszentrale sind sogar noch schlechter. Demnach lag der Frauenanteil Ende Dezember 2019 bei 21,6 Prozent. Vor zwei Jahren waren es noch 22,6 Prozent. Es ist ein schleichender Niedergang - zum Vergleich: 1987 gab es noch 25 Prozent Frauen bei den Liberalen.

FDP-Parteitag im April 2019 mit Michael Theurer, Volker Wissing, Nicola Beer, Linda Teuteberg, Katja Suding und Christian Lindner

FDP-Parteitag im April 2019 mit Michael Theurer, Volker Wissing, Nicola Beer, Linda Teuteberg, Katja Suding und Christian Lindner

Foto: HAYOUNG JEON/EPA-EFE/REX

Die FDP hat sich - anders als etwa die Grünen - bis heute nicht zu einer Quote bei der Besetzung von Listen und Führungsgremien durchringen können. Das ist nicht allein die Schuld der Männer.

Lindner hatte sich einer Quote gegenüber sogar offen gezeigt. Doch viele Frauen bei den Liberalen wollen keine "Quotenfrauen" sein. In einer Arbeitsgruppe vor dem Parteitag 2019 war über ein Jahr lang über mögliche Auswege aus der Misere beraten worden, auch über eine Quote. Sie wurde dann doch verworfen, intern wurde für den Fall ihrer Einführung sogar eine "Austrittswelle" weiblicher Mitglieder befürchtet.

Auch der ansonsten oft rebellische Nachwuchs lehnt bislang eine Quote strikt ab. Quoten würden den weiblichen Mitgliedern nicht gerecht, "reduzieren sie auf ihr Geschlecht", sagte jüngst Ria Schröder, bis vor kurzem noch Vorsitzende der Jungen Liberalen.

Stattdessen beschloss der Bundesparteitag im April 2019 "Zielvereinbarungen" für eine stärkere Repräsentanz, um die sich zuletzt auch die scheidende Generalsekretärin Teuteberg im Gespräch mit den Landesverbänden gekümmert hatte. Eine Aufgabe, die nun auch auf Wissing wartet.

Immerhin: Es gibt neue weibliche Gesichter, die auf Landes- und auf Bundesebene künftig verstärkt eine Rolle spielen sollen. In Rheinland-Pfalz, wo die FDP mit Wissing seit 2016 in einer Ampel mit SPD und Grünen regiert, wird im kommenden Jahr seine Staatssekretärin Daniela Schmitt als Spitzenkandidatin für die Liberalen in den Landtagswahlkampf ziehen.

Auch sonst gibt es Bewegung. Auf dem kommenden FDP-Bundesparteitag Mitte September kandidiert die designierte hessische FDP-Landesvorsitzende Bettina Stark-Watzinger für einen Beisitzerposten im Präsidium, für den anderen soll die sachsen-anhaltische FDP-Spitzenkandidatin Lydia Hüsken antreten.

Würden beide gewählt, so hat Wolfgang Kubicki schon mal ausgerechnet, gebe es künftig eine "44-Prozent-Frauenquote" im FDP-Präsidium.     

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