Debatte über Priorisierung »Wir bürokratisieren uns einen Impfstau herbei«

Ist sie weiter sinnvoll? Ist sie es nicht? Deutschland streitet über die Impfreihenfolge. Die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte haben eine klare Meinung – mancherorts wird die Priorisierung inoffiziell schon aufgeweicht.
Menschen warten vor einem Impfzentrum in Köln

Menschen warten vor einem Impfzentrum in Köln

Foto: Marius Becker / dpa

Seit knapp vier Monaten kann sich die deutsche Bevölkerung gegen das Coronavirus impfen lassen – viele Menschen können es kaum abwarten, bis sie dran sind. Denn es gilt eine bestimmte Reihenfolge, bei der das Alter sowie Vorerkrankungen eine Rolle spielen, bei der aber auch bestimmte Berufe Vorrang haben. Nur wer nach dieser festgelegten Priorisierung impfberechtigt ist, bekommt einen Termin im Impfzentrum oder bei der Hausärztin oder dem Hausarzt. Ob dieses Prinzip weiter sinnvoll ist, darüber scheiden sich die Geister.

Lesen Sie hier, wer die Impfreihenfolge in Deutschland schnell abschaffen – und wer sie noch bis in den Juni beibehalten möchte:

Der Verband der niedergelassenen Ärzte Deutschlands (Virchowbund) fordert eine schnellere Abkehr von der bisherigen Impfreihenfolge, als sie die Bundesregierung bislang plant. »Spätestens in zwei, drei Wochen sollte die Priorisierung aufgehoben werden«, sagte Verbandschef Dirk Heinrich der »Neuen Osnabrücker Zeitung« (NOZ). Er erwarte dafür »ein klares Signal« des Impfgipfels von Bund und Ländern am Montag. Die Ministerpräsidenten der Länder beraten dann mit Vertretern der Bundesregierung über die Coronaimpfung. Dabei wird es auch um die Frage gehen, welche Rechte Menschen mit vollem Impfschutz erhalten.

Spahns vorgeschlagene Freigabe im Juni? »Viel zu spät«

»Wenn die Gruppe zwei, also die 70- bis 80-Jährigen und schwer Vorerkrankten, weitgehend durchgeimpft ist, braucht es die Freigabe«, sagte Heinrich. »So weit sind wir Mitte Mai.« Die von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vorgeschlagene Freigabe im Laufe des Juni käme »viel zu spät.« Ab Mai gehe es um 1,5 Millionen Impfdosen pro Woche für die niedergelassenen Ärzte, ab Juni seien es bis zu 3,5 Millionen Dosen.

»Schon für das Impfen allein müssen die Praxen zusätzliche Sprechstunden anbieten. Kommt dann noch die Suche nach den Berechtigten hinzu, wäre das schlicht nicht mehr zu stemmen«, sagte er. »Fällt die Priorisierung nicht schnellstens weg, bürokratisieren wir uns einen Impfstau herbei.«

Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Kantar für die »Bild am Sonntag« ist eine deutliche Mehrheit von 75 Prozent der Menschen in Deutschland für eine sofortige Aufhebung der Impfreihenfolge. 22 Prozent der Befragten sprachen sind dagegen aus, die übrigen drei Prozent machten keine Angabe.

Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) plädiert dafür, die Impfreihenfolge zügig zu beenden. »Wir müssen die starre Priorisierung schneller auflösen«, sagte Söder der »Bild am Sonntag«. »Nach dem Abarbeiten von bereits vereinbarten Impfterminen sollten alle Impfstoffe für jeden komplett freigegeben werden.« Dies solle »am besten noch im Mai erfolgen«. Söder warnte: »Die Impfbürokratie verzögert den Impferfolg.«

Schüler und Lehrer noch ohne Impfschutz

Der bayerische Ministerpräsident sprach sich zudem dafür aus, auch Schülerinnen und Schüler ab 16 Jahren »bei ausreichendem Impfstoff« vermehrt zu impfen. »Gerade hier ist die Inzidenz am höchsten«, hob Söder hervor. Diese Altersgruppe sollte daher aus seiner Sicht »beim Impfen behandelt werden wie Erwachsene.«

Weil sich das Ansteckungsrisiko in jüngeren Altersgruppen inzwischen als sehr hoch erweist und damit auch vermehrt Schülerinnen und Schüler betroffen sind, hat sich die Bildungsgewerkschaft GEW für eine vorgezogene Impfung für sämtliche Lehrer starkgemacht. »Wer öffnet, muss impfen«, sagte die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Marlis Tepe, den Zeitungen der Funke Mediengruppe mit Blick auf den in der Bundesnotbremse festgelegten Inzidenzwert von 165. Wenn Schulen bis zu diesem Wert geöffnet bleiben müssten, sei es notwendig, alle Lehrkräfte in die Impfpriorisierungsgruppe zwei vorzuziehen, forderte Tepe. »Nur so kann der Gesundheitsschutz der Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern gesichert werden.«

Bisher seien nur Lehrkräfte an Grund- und Förder- beziehungsweise Sonderschulen in der Impfpriorisierungsgruppe 2 eingeordnet, sagte Tepe. Alle anderen Lehrkräfte an allgemein- und berufsbildenden Schulen seien in der Gruppe 3.

Dass junge Menschen in der dritten Coronawelle besonders gefährdet sind, bekräftigte auch Gesundheitsexperte und SPD-Politiker Karl Lauterbach – und das hat auch etwas damit zu tun, dass sie in der Impfreihenfolge ganz weit unten stehen. »Wenn mehr Ältere geimpft sind, steigt die Inzidenz bei Eltern und Kindern stetig an. Sie tragen höchstes Risiko«, schrieb er vor einigen Tagen auf Twitter.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Aktuell gibt es allerdings ein Problem: Der Impfstoff ist noch nicht in ausreichender Menge vorhanden, um allen Bürgerinnen und Bürgern sofort ein Angebot zu machen. Solange der Impfstoff ein knappes Gut sei, müsse an der Priorisierung festgehalten werden, um die Schwächsten zu schützen, sagte im Deutschlandfunk  Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission. Erst Anfang Juni werde vermutlich genug Impfstoff vorhanden sein, um die Priorisierung aufheben zu können.

Ungeachtet dessen fordert die Medizinethikerin Christiane Woopen, sozial benachteiligte Menschen schneller als geplant zu impfen. Sie warnt vor wachsender sozialer Ungleichheit als Folge der Coronapandemie. »Ich würde Impfmobile in sozial schwierige Viertel schicken«, sagte die Vorsitzende des Europäischen Ethikrats der »Rheinischen Post« am Freitag. Die Impfungen müssten Familien und Arbeitsorte erreichen, wo es Probleme mit dem Abstandhalten gebe und »Menschen mit schlechtem Zugang zum Gesundheitssystem«.

Woopen sprach sich daher für eine Änderung der Impfreihenfolge aus. »Es gibt die sozialen Brennpunkte, wo Menschen beengt leben«, sagte sie. Es gebe aber auch die Lehrkräfte und Personen mit schweren Vorerkrankungen, die sehnsüchtig auf eine Impfung warteten. »Deshalb müssen wir Priorisierung mit Pragmatismus verbinden«, betonte die Wissenschaftlerin, die bis 2016 Vorsitzende des Deutschen Ethikrats war.

Alena Buyx, die aktuell diese Position innehat, zeigte sich vor wenigen Tagen ebenfalls offen dafür, die Priorisierung auslaufen zu lassen und den Zugang zur Impfung zu erweitern. Wenn Menschen in den priorisierten Gruppen bereits ein Impfangebot erhalten hätten, sei die Freigabe »aus ethischer Perspektive sogar geboten«. Es müsse vermieden werden, Impfstoff zu entsorgen, weil er nicht genügend Abnehmer gefunden habe.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Wo Impfstoff schon für alle Altersgruppen freigegeben ist

In Sachsen, Bayern, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin ist seit dieser Woche immerhin der Impfstoff AstraZeneca auch außerhalb der priorisierten Gruppe freigegeben. Diesen dürfen sich in den genannten Bundesländern nun auch Menschen unter 60 Jahren in Fach- oder Hausarztpraxen verabreichen lassen.

Kanzleramtsminister Helge Braun begrüßt diesen Schritt. »Wenn dadurch, dass man die Priorisierung fallen lässt, jetzt in den Hausarztpraxen AstraZeneca schneller verimpft wird, dann ist das sehr, sehr gut«, sagte der CDU-Politiker der »Augsburger Allgemeinen«. Es handele sich um einen »guten und sicheren Impfstoff.« Man müsse einmal mit demjenigen, der sich impfen lassen wolle, darüber reden, ob er eine besondere Thromboseneigung habe, sagte Braun. »In so einem Fall würde man das nicht empfehlen, aber ansonsten kann der Arzt entscheiden. Das begrüße ich.«

Es scheint so, als würde die Impfpriorisierung inzwischen ohnehin an der ein oder anderen Stelle aufgeweicht, ganz ohne offizielle Abkehr davon. In Nordrhein-Westfalen etwa hält man derzeit an der Priorisierung fest, und es gilt auch keine AstraZeneca-Freigabe für alle Altersgruppen. Es wird Menschen unter 60 Jahren dort nicht empfohlen, sich mit dieser Vakzine immunisieren zu lassen. Doch auf Twitter zitiert »WDR aktuell« Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann mit den Worten: »Wenn ein Patient sagt, ich mache das, und der Arzt sagt, es ist vertretbar, dann ist es auch nicht verboten.«

Zudem gibt es offenbar inzwischen auch viele Leute, die sich nicht ganz so strikt an die geltende Impfreihenfolge halten. Sie lassen sich beispielsweise bei ihren Hausärztinnen und Hausärzten auf Wartelisten setzen und hoffen, angerufen zu werden, wenn abends mal eine Dosis Impfstoff nicht verbraucht ist.

Mit Stand Samstagvormittag sind rund sieben Prozent der Einwohner in Deutschland vollständig geimpft. Das sind rund 5,86 Millionen Menschen. Fast 19 Millionen Menschen oder 22,8 Prozent der Bevölkerung haben eine erste Impfung erhalten, teilte das Robert Koch-Institut (RKI) mit. Fast 2,9 Millionen Menschen sind laut RKI von einer Covid-19-Erkrankung genesen.

Für Geimpfte und Genesene stehen die Chancen nicht schlecht, dass bald für sie gelockerte Coronamaßnahmen gelten. Auf dem Impfgipfel am Montag will die Bundesregierung auch über Ausnahmen bei Schutzmaßnahmen diskutieren. Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) sagte dem »Handelsblatt«, wenn feststehe, dass eine Impfung nicht nur vor einer Erkrankung schütze, sondern auch die weitere Übertragung verhindern könne, müsse dies bei den Maßnahmen berücksichtigt werden – das sei »kein Privileg für Geimpfte, sondern ein Gebot der Verfassung«.

Der Run auf Impftermine könnte dann umso größer werden.

Mit Material von AFP und dpa

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.