In letzter Minute Bahnstreik abgewendet

Bahnkunden konnten aufatmen: Die für Samstag angedrohten massiven Warnstreiks fanden nicht statt. Bahnvorstand und Gewerkschaft hatten sich nach zehnstündigen Verhandlungen darauf geeinigt, auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten. Der nötige Personalabbau soll sozialverträglich vorgenommen werden.


Die Züge der Bahn rollen weiter
DPA

Die Züge der Bahn rollen weiter

Köln - Beide Seiten wollen die Details in den kommenden zwei Monaten aushandeln. Die Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands (GdED) sprach von einem vollen Erfolg für die Eisenbahner, Bahnchef Mehdorn von einem "ersten großen Schritt" zur Konsolidierung der Bahn.

GdED-Chef Norbert Hansen sagte nach den Verhandlungen mit der Bahnspitze: "Die massive Protestkampagne führte zu einem Durchbruch und vollen Erfolg für die Eisenbahner und ihre Gewerkschaft." Die Warnstreiks seien ausgesetzt worden. Nach Angaben der Gewerkschaft soll das Beschäftigungsbündnis Bahn bis Ende 2004 verlängert werden. Bei der Bahn war 1998 vereinbart worden, bis Ende 2002 auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten.

Mehdorn sagte, die Gewerkschaften und der Konzernbetriebsrat hätten akzeptiert, dass die Ergebnisse der Bahn bis zum Jahr 2004 um rund 8,4 Milliarden Mark verbessert werden müssten. "Dieses Ziel, bei dem es auch um Senkungen der Personalkosten geht, soll gemeinsam auch mit unkonventionellen Maßnahmen erreicht werden", hieß es in einer Erklärung der Bahn. "Wir müssen fit werden bis 2004 und die Wirtschaftlichkeit der Bahn erreichen", sagte Mehdorn. Konkrete Zahlen über den geplanten sozialverträglichen Personalabbau wollte er nicht nennen.

Hansen, Mehdorn
AP

Hansen, Mehdorn

Hansen betonte, die Forderungen von Mehdorn nach Nullrunden für die Beschäftigten seien zurückgenommen worden. Vielmehr habe man sich auf moderate Tariferhöhungen geeinigt. Auch eine pauschale Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich werde es nicht geben. Der Bahnvorstand habe zudem zugesagt, Gespräche über Verbesserungen zu den Vorruhestandsregelungen - auch für Beamte - aufzunehmen. Beide Verhandlungsdelegationen hätten an die Politik die Forderung erneuert, die Wettbewerbsbedingungen für die Bahn zu verbessern.

Am Abend hatten sich die Verhandlungen zwischen Bahn-Führung und den Gewerkschaften zugespitzt. Nachdem eine Einigung unmittelbar bevorgestanden hatte, drohte das Spitzengespräch gegen 20.00 Uhr zu platzen. Mehdorn habe in letzter Minute Forderungen nachgeschoben, hieß es aus Gewerkschaftskreisen. Erst nach erneuten Verhandlungen hinter verschlossenen Türen wurde gegen 23 Uhr eine vorläufige Lösung gefunden.

Bei den Verhandlungen war es um das von Mehdorn vorgelegte Konzept gegangen, die Bahn bis 2004 durch Lohnkürzungen oder einen Abbau von bis zu 70.000 der 240.000 Stellen profitabler zu machen. Das Unternehmen, dessen einziger Aktionär der Bund ist, will in den nächsten vier Jahren rund 3,6 Milliarden Mark an Personalkosten sparen und 2004 an die Börse gehen.



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