Friedrich Merz als neuer CDU-Chef Der Hilferuf

Knapp 95 Prozent: Vom überraschend großen Zuspruch der Delegierten beim CDU-Parteitag war Friedrich Merz selbst überwältigt. Als neuer Vorsitzender drängt er in die Mitte – kann das klappen?
Neuer CDU-Chef Merz: Gewaltiger Vertrauensvorschuss

Neuer CDU-Chef Merz: Gewaltiger Vertrauensvorschuss

Foto: HANNIBAL HANSCHKE / REUTERS

Um Viertel nach zwölf sitzt er dann plötzlich da: auf dem Platz des Parteichefs.

Friedrich Merz, 66, zweimal gescheitert als Kandidat für den CDU-Vorsitz, viele Jahre der Hoffnungsträger der Anti-Establishment-Bewegung in der Partei, noch viel länger Antipode von Angela Merkel, hat es jetzt wirklich geschafft: Er ist der zehnte Vorsitzende der CDU, steht in einer Reihe mit Konrad Adenauer und Helmut Kohl.

Nur wie er es geschafft hat, das kann Merz selbst nicht so recht glauben. Schon das deutliche Votum der Parteibasis, von der Ende vergangenen Jahres gut 62 Prozent für ihn stimmten, war eine Überraschung. Aber nun haben gerade 94,62 Prozent der Parteitagsdelegierten für ihn gestimmt. Selbst der mächtige CSU-Vorsitzende Markus Söder wird später neidvoll das Ergebnis seines neuen CDU-Kollegen kommentieren.

Und was macht Merz, als er am Rednerpult im Konrad-Adenauer-Haus steht, um die Wahl anzunehmen? Der neue Parteichef kämpft erst mal mit den Tränen. Ausgerechnet er, der Mann der starken, lauten Worte. Dann sagt Merz: »Ich bin tief bewegt.«

DER SPIEGEL

Auch wenn das Ergebnis der digitalen Abstimmung noch schriftlich bestätigt werden muss, wie alle Wahlen bei dem Onlineparteitag, und Merz bis dahin formal noch nicht im Amt ist: Die CDU hat sich ihrem neuen Vorsitzenden an diesem Tag ausgeliefert.

Fast 95 Prozent der Delegiertenstimmen bedeuten, dass die Partei – von einer sehr kleinen Minderheit abgesehen – jetzt auf diesen Mann setzt. Und das ist umso bemerkenswerter, weil es in der CDU auf allen Ebenen ja noch immer viele Fans von Ex-Kanzlerin Angela Merkel gibt.

Von einem »faszinierenden Ergebnis« spricht Julia Klöckner, die unter Merkel Bundesministerin war und unter Merz als Schatzmeisterin weiter zur engeren Parteiführung gehören wird. Merkel wiederum ist im Moment so weit weg von der CDU, dass sie nicht einmal Ehrenvorsitzende werden will, am Parteitag nimmt sie nicht teil, es ist auch kaum von ihr die Rede.

Stattdessen schallt nun eine Art kollektiver Hilferuf aus allen Ecken der Partei: Friedrich, rette uns!

Es lastet viel Druck auf Merz

Und möglicherweise geht das Merz in diesem Moment am Rednerpult durch den Kopf. Nicht nur seine schweren Niederlagen und Kämpfe. Sondern auch der Druck, der nun auf ihm lastet, die Erwartung seiner Partei an ihren neuen Vorsitzenden.

Armin Laschet, der eben in der CDU-Zentrale noch auf dem Vorsitzenden-Platz saß, hat man noch schnell ein iPad mit einem Fotorückblick und einigen für ihn persönlich ausgesuchten Apps auf den Weg gegeben, Merz selbst hat es überreicht und sehr nette Worte zum Abschied gefunden. Aber nun ist er dran. Und es gibt viel zu tun .

Die CDU hat nach 16 Regierungsjahren jegliches Profil verloren und dazu unter dem Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten Laschet das Kanzleramt. Merz selbst nannte den Zustand seiner Partei zuletzt »ernüchternd«.

Der Vorsitzende will jetzt nach vorne schauen

Aber nach hinten schauen will wenigstens an diesem Tag kaum noch einer – am wenigsten der neue Vorsitzende. Die Vergangenheit, so scheint es, geht mit Laschet und dem ebenfalls scheidenden Generalsekretär Paul Ziemiak. Zu seinem Nachfolger wurde auf Merz' Vorschlag der Berliner Bundestagsabgeordnete und ehemalige Gesundheitssenator Mario Czaja gewählt.

Merz hat zwar druckfrische Analysen externer Experten sowie ein entsprechendes Papier von aktiven und ehemaligen CDU-Politikern zum Zustand und den Fehlern der Partei auf dem Schreibtisch, aber sein Blick geht jetzt nach vorne. Und er ist, anders als in seinen Interviews vor dem Parteitag, schon dabei, die Christdemokraten wieder starkzureden. »Diese Partei lebt. Sie ist aktiv. Und sie erwartet jetzt von uns Führung, starke Führung und klaren Kurs«, sagt Merz in seiner Bewerbungsrede.

Die Frage ist nur, wie er das genau hinbekommen will. Merz' Rede an diesem Tag ist jedenfalls sprunghaft und zugleich inhaltlich so beliebig, dass sie auch Vorgänger Laschet, dessen Vorgängerin Annegret Kramp-Karrenbauer und sogar Merkel hätten halten können: Merz spricht von Klimaschutz und Industriearbeitsplätzen, betont das Thema soziale Gerechtigkeit, warnt vor der Radikalisierung eines Teils der Gesellschaft und verspricht, sich um soziale Sicherungssysteme zu kümmern.

Eindeutig sind die Attacken gegen Kanzler Olaf Scholz und die Ampelkoalition. Ansonsten präsentiert sich der neue CDU-Chef genauso, wie er es als Kandidat für den Parteivorsitz getan hatte: als einer, der die Strömungen der Partei zusammenführen will. Genau mit dem Versprechen waren die CDU-Chefs sieben bis neun ebenfalls angetreten.

Kann dieser Kurs gelingen? Und wie ist es eigentlich mit dem alten Merz-Fanclub, der seinen Liebling im neuen Amt kaum wiedererkennen dürfte?

Zumal: Die Herausforderungen für ihn sind klar, und mitunter drängt die Zeit: Was ist mit dem Fraktionsvorsitzenden-Posten, den bislang sein Parteifreund Ralph Brinkhaus besetzt (und wohl auch weiter besetzen will)? In der Opposition sollten Parteivorsitz und Fraktionsvorsitz eigentlich in einer Hand liegen.

Und dann steht am 27. März im Saarland schon die erste Landtagswahl des Jahres an, bei der CDU-Ministerpräsident Tobias Hans antritt – und mit Rückenwind aus Berlin seinen Posten vielleicht auch verteidigen kann. Merz sollte seine Windmaschine schnellstens anwerfen.

Söder gibt sich friedlich

Immerhin droht fürs Erste kein Gegenwind aus Bayern: CSU-Chef Söder, der dazu beigetragen hat, dass die Union bei der Bundestagswahl so miserabel abschnitt und sich nun im Bund in der Opposition wiederfindet, verzichtet bei seinem Parteitagsgrußwort auf jegliche Sticheleichen und kündigt mit Blick auf das Verhältnis der Schwesterparteien an, »ein neues Kapitel aufzuschlagen und gut zusammenzuarbeiten«.

Allerdings gehört zur Wahrheit auch, dass Söder ähnlich euphorisch zunächst auch gegenüber Kramp-Karrenbauer und Laschet aufgetreten war. Merz weiß das, aber auch er gibt sich erst mal optimistisch und versöhnlich. »Lieber Markus, die Hand von Dir ist ausgestreckt, ich ergreife sie«, sagt Merz in einer kurzen Replik.

Und dann sind da natürlich all die Personalien, über die sich Merz am Ende des Parteitags freuen darf. Da ist der von ihm angekündigte Aufbruch wirklich sichtbar: Vier von fünf seiner Vizes wurden neu ins Amt gewählt, ins Präsidium schaffte es, wie von ihm gewünscht, mit der 32-jährigen Bundestagsabgeordneten Ronja Kemmer ein Neuling aus dem Kreis der Jungen Union. Auch alle weiteren Bewerbungen der JU für den Rest des Bundesvorstands waren erfolgreich. »Fünf Jahre jünger« sei man nun im Schnitt, sagt Merz – und das trotz seiner 66.

Alles Weitere soll dann der nächste Bundesparteitag klären, einer in Präsenz, wie Merz hofft, er könnte Ende September in Bremen stattfinden. Da sollen dann auch alle inhaltlichen Fragen geklärt werden, die digital dieses Mal aus Satzungsgründen nicht aufgerufen werden konnten. »Das ist unser fester Wille. Wir wollen wieder einen Präsenzparteitag machen«, sagt Merz zum Abschluss.

Es könnte dann allerdings auch schon ein erster Bilanzparteitag werden für den neuen Hoffnungsträger.