Infusionsskandal Koalition prüft schärfere Infektionsschutzregeln

Der Tod von Babys nach dem Hygieneskandal schockiert auch die Politik. Gesundheitsminister Philipp Rösler will mit Länderkollegen über bessere gesetzliche Möglichkeiten sprechen. Auch die Isolierung angesteckter Patienten ist in der Debatte.

Kinderklinik in Mainz: Drei Todesfälle in wenigen Tagen
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Kinderklinik in Mainz: Drei Todesfälle in wenigen Tagen

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Berlin - Die Nachrichten über den Tod von drei Babys, die an verschmutzen Infusionen starben, haben auch die Politiker im Bund alarmiert. Nun wird deshalb über eine Ausweitung des Bundes-Infektionsschutzgesetzes nachgedacht.

Doch wie soll das geschehen? Auch wenn in erster Linie die Länder gefragt sind - sie sind für die Krankenhäuser und für Hygiene eigentlich zuständig -, so will Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler dennoch aktiv werden. "Das Bundesgesundheitsministerium möchte die Initiative ergreifen und bei der nächsten Gesundheitsministerkonferenz gemeinsam mit den Länderministerien zusätzliche Regelungen für eine bessere Hygiene erörtern", betont sein Sprecher. Wichtig sei dem Minister, dass im Vorfeld der Gesundheitsministerkonferenz Klarheit über die eigentlichen Ursachen der aktuellen Fälle gewonnen werde, streicht er heraus. Der 37-jährige Minister ist selbst Vater von zwei Zwillingstöchtern. "Als Familienvater gilt sein volles Mitgefühl den betroffenen Angehörigen", sagt dessen Sprecher.

Am weitesten wagte sich am Dienstag der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn vor. "Wir müssen prüfen, alle Patienten, die mit Infektionsverdacht ins Krankenhaus kommen, zu isolieren", sagte er SPIEGEL ONLINE. Der Bundestagsabgeordnete hat dabei ein europäisches Nachbarland als Vorbild im Auge - die Niederlande. Dort wird bereits derart verfahren. "Die Niederlande haben vorgemacht, dass das wirkt und die Zahlen der Infektionen senkt", sagt er.

Erst am Dienstag wurde von der Mainzer Universitätsklinik der Tod eines dritten Babys bekannt gegeben. Der Säugling war bereits am Montagabend gestorben. Am Wochenende schockierte bereits der Tod von zwei Säuglingen auf der Intensivstation die Öffentlichkeit. Ob die Bakterien die Ursache sind, ist noch nicht geklärt.

Wie immer in solchen Extremfällen wie der der drei toten Babys in einer Kinderklinik in Mainz gerät schnell die Politik ins Visier: Hat sie genug getan, um solche Missstände möglichst auszuschließen? Reichen die gesetzlichen Grundlagen aus? Es sind Fragen, die sich die Öffentlichkeit zu recht stellt. Der Blick richtet sich, wie so oft, auf die Bundesregierung. Doch der Bundespolitik kommt auch in diesem Falle der Föderalismus in die Quere. Bundesgesundheitsminister Rösler sind weitgehend die Hände gebunden - die Maßnahmen und Kontrollen der Krankenhaushygiene sind Sache der Bundesländer. Für Rösler ist angesichts der Länderkompetenz daher Fingerspitzengefühl angesagt, um Länderkollegen nicht durch vorschnelle Vorstöße zu vergrätzen.

FDP will Hygienebeauftragte an Krankenhäusern

Bis zu 600.000 Menschen infizieren sich in deutschen Kliniken jährlich mit Krankheitserregern, bis zu 40.000 Patienten jedes Jahr sterben an diesen Infektionen. Die FDP-Fraktion will daher im September die Initiative für eine bundesweite Regelung ergreifen. Die eigentlich für diesen Bereich zuständigen Länder hätten bislang bis auf wenige Ausnahmen keine Hygieneverordnungen für Krankenhäuser erlassen, bemängelt FDP-Fraktionsvize Ulrike Flach.

Konkret wird der FDP-Gesundheitsexperte Lars Lindemann - er will beim Robert-Koch-Institut eine zentrale Stelle zur Überwachung eines bundesweiten Meldesystems einrichten lassen. "Eine Melde- und Berichtspflicht für den Nachweis multiresistenter Erreger ist die Grundlage für eine erfolgreiche nationale Strategie der Prävention und Bekämpfung dieser gefährlichen Keime", sagt er.

Denn diese steigen seit Jahren kontinuierlich an. So sei etwa im Land Berlin im ambulanten Bereich eine Versechsfachung der multiresistenten MRSA-Stämme von unter 2,7 Prozent im Jahr 2000 auf 17 Prozent im Jahr 2006 festgestellt worden. Zwar müssten Krankenhäuser nach dem Infektionsschutzgesetz eine Dokumentation über solche Keime führen. "Pflegeheime, ähnliche Einrichtungen und der ambulante Sektor werden aber ausgespart", kritisiert Lindemann. Die FDP will, dass an jedem Krankenhaus Deutschlands Stellen für Hygienebeauftragte eingerichtet werden. Die Liberalen wollen darüber nun mit Experten beraten - und anschließend eine Initiative im Bundestag ergreifen.

Die Union will den Infektionsschutz des Bundes - ebenso wie die FDP - erweitern. Er sei zuversichtlich, dass sich dies trotz der Länderkompetenz für diesen Bereich verfassungskonform umsetzen lasse, sagt der CDU-Experte Spahn. "Über 600.000 Infektionen pro Jahr in Krankenhäusern sind ein Skandal", sagt er. Die Menschen dürften nicht kränker aus den Krankenhäusern kommen als sie reingingen.

Leichter gesagt, schwerer getan - das weiß auch Spahn.

insgesamt 8 Beiträge
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janne2109 24.08.2010
1. Infusionsskandal: Koalition prüft schärfere Infektionsschutzregeln
Mehr Geld für Krankenhäuser und damit mehr Geld für Personal würde schon reichen. Unsere Infektionsregeln sind sehr gut.Es dauert nicht mehr lange und auch bei uns müssen Angehörige helfen ihre Kranken zu hegen und pflegen.
Emil Peisker 24.08.2010
2. Hygienemängel - klassischer Kunstfehler
Zitat von sysopDer Tod von Babys nach dem Hygieneskandal schockiert auch die Politik. Gesundheitsminister Philipp Rösler will mit Länderkollegen über bessere gesetzliche Möglichkeiten sprechen. Auch die Isolierung angesteckter Patienten ist in der Debatte. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,713482,00.html
Wer lernen will, schaut über den Zaun nach Holland. Unsere Nachbarn haben keine so horrenden Opfer-Zahlen (D=40.000/Jahr) in ihrem Land. Dort wird Hygiene im Gesundheitsbereich so groß geschrieben, dass Patienten aus Deutschland grundsätzlich prophylaktisch bei einer Einlieferung quarantänisiert und auf solche keime untersucht und behandelt werden. Die Holländer haben nicht das geringste Verständnis dafür, dass hier in Deutschland das Thema Hygiene und Bekämpfung der laxen Haltung dazu so nebensächlich behandelt wird. Ich hatte in den letzten 5 Jahren 2 Fälle in der Familie, 65 und 43 Jahre alt, die an solchen Infektionen, nach Standardoperationen starben. Die Hygienemängel müssen als klassischer Kunstfehler gelten, denn sie sind bei einer konsequenten Haltung und Beachtung der Krankenhauseinrichtungen vermeidbar. Siehe Holland.
money_spy 25.08.2010
3. Infektionsschutzregeln
Meine Frau wurde vor einigen Jahren engagiert, um in Krankenhäuser und Tageskliniken anerkannte internationale Hygienestandards einzuführen. Das Projekt scheiterte kläglich am Widerstand der Ärzte und Eigentümer der Kliniken. Statt Standards wollten die Herrschaften die Belassung von "Best Practice", also weiterwursteln wie bisher, allerdings mit dem Etikett einer Zertifizierung. Meine Frau hat den Job hingeschmissen, da sie sich für sowas nicht hergeben wollte. Sie sagte mir wiederholt, dass Hygiene in D. haarsträubend sei.
tito, 25.08.2010
4. Oh, diese Schnellschüsse
vor dem Ergebnis der Analyse. Es gibt keine ofizielle Meldestele - aber man weiß ganz genau, dass 40.000 ..... Es gibt freiwillige Meldestellen für operative Fächer "Patienten, die mit Infektionsverdacht ins Krankenhaus kommen, zu isolieren". Das war bei den Babys sicher nicht der Fall. Außerdem war es ein wahrscheinlich multiresistenter Hospitalkeim, der nicht von Patienten mitgebracht wurde, sich aber in einer weitgehend sterilen Umgebung ohne jede Konkurrenz wunderbar vermehren kann. Die Verunreinigung fand im Reinraum der Apotheke und nicht in der Kinderklinik statt. Was hilft da die Patientenisolation? Es bedarf nicht einer massiven Verkeimung, sondern nur einiger weniger Keime, die genügen Zeit haben, sich zu vermehren ohne dass sie von konkurrierenden Keimen gestört werden. Isolationsstationen werden ein zu einem riesigen Reservoir verschiedenster Keime, die, wenn eingeschleppt sich wunderbar ausbreiten können. Isolationsstationen haben ihre eigenen Risiken. Als Patient würde ich Himmel und Hölle in bewegung setzen, um nicht dort zu landen. Darmchrurgie ist immer keimnah? Was tun? - Wird schon getan! Aber nun auf die Isolierstation? Wer das Buch "Der schwarze Schwan" gelesen hat, wird verstehen, dass dies kein Einzelfal bleiben wird.
money_spy 25.08.2010
5. nix mit Schnellschuss, alles noch viel schlimmer wegen der Arroganz der Weißkittel
Die Verunreinigung fand im Reinraum der Apotheke und nicht in der Kinderklinik statt. Was hilft da die Patientenisolation? 1. Gehört dieser nicht zum Krankenhaus? 2. Wer spricht gleich von Patientenisolation? Einfachste Maßnahmen, wie Händewaschen oder täglicher Kleidungswechsel wären schon hilfreich. Kleines Beispiel: Internationale Standards verlangen einheitliche Farbe der Arbeitskleidung. Warum wohl? Noch eins: Die Bestecke werden vor und nach der OP doppelgecheckt. Warum wohl? Nebenbei, zu Hygienestandards (oder besser fehlende Hygienestandards) könnte ich noch zig-Beispiele anführen.
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