Inlandspresse "Warum handeln sie erst jetzt?"


Auch die deutschen Tageszeitungen befassen sich mit den politischen Entwicklungen zum Thema BSE. Nachfolgend Auszüge aus einigen Kommentaren.

"Hannoversche Allgemeine Zeitung":

"Bundeskanzler, Fraktionschefs, wissenschaftliche Beiräte, Umweltminister der Länder und die Gesundheitsministerin überbieten sich gegenwärtig in der Beschreibung von Bedrohungsszenarien durch die moderne Landwirtschaft. Sie laufen Gefahr, dass sie durch ihren plötzlichen Erkenntnisschub ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen. Warum handeln sie erst jetzt, wenn sie schon vorher so starke Zweifel hatten? Gefahrenabwehr heißt ihr Auftrag, nicht nachträgliche Besserwisserei! Die BSE- Krise wird nicht durch hektische Betriebsamkeit besiegt. Nach dem Verbot der Tiermehlverfütterung ist es an der Zeit, den Besonnenen zuzuhören."

"Bild"-Zeitung" (Hamburg):

"Wenn der öffentliche Druck nur groß genug ist, kommt die schwerfällige Gesetzesmaschinerie auf Touren. Plötzlich alles binnen einer Woche möglich: Schnelltests für Schlachtrinder, Verbot der Tiermehlfütterung. Leider die alte Regel: Erst muss etwas passieren, bis etwas passiert. Trotzdem beruhigend zu wissen, dass in Berlin ohne großen Parteienstreit schnell und konsequent gehandelt wurde. Entschärft ist die Zeitbombe BSE damit nicht! Politiker und Forscher stehen am Anfang eines Problems, dessen Dimensionen noch gar nicht abzuschätzen sind. Die Aufarbeitung muss konsequent weitergehen. Auch wenn das öffentliche Interesse am Rinderwahnsinn nachlässt."

"Der Tagesspiegel" (Berlin):

"Gibt es in diesem ganzen BSE-Schlamassel etwa doch einen Grund zur Freude? Weil das Umwelt-Thema wieder da ist? Sogar der Kanzler will wieder glückliche Kühe. Ist BSE ein zweites Tschernobyl? Damals im April 1986 hielt Deutschland schon mal den Atem an, um kurz darauf den erst en deutschen Umweltminister auszuspucken. Damit wollte man das kurzfristige Reagieren in ein langfristiges Dirigieren umwandeln. Auch in die Zeit zwischen den Katastrophen sollte für die Umwelt gesorgt sein. Dieses Projekt kann man leider nicht als besonders geglückt ansehen. Aber Gerhard Schröder hat es nun geschafft, aus diesem Übel einen Coup zu machen. Die Umweltpolitik steht derzeit ganz oben auf der Liste seiner "Verholzmannisierungen": Die mediale Größe der Krise entscheidet über Drastik der Maßnahmen. Sobald allerdings die Aufregung verfliegt, verschwindet auch das Thema. Und mit ihm irgendwann auch Holzmann, die Entfernungspauschale und BSE."

"Berliner Zeitung":

"Über 80 Milliarden Mark im Jahr - die Hälfte des gesamten EU-Haushalts - kostet Europas Bürger die Unterstützung der Agrarbranche. Vom durchschnittlichen Steueraufkommen einer dreiköpfigen Familie fließen in Deutschland durchschnittlich 1500 Mark im Jahr in die staatliche Stützung der Landwirtschaft. Bei so großzügig bemessenen Summen sollte der Verbraucherschutz im Preis inbegriffen sein. Leider zeigt aber die gegenwärtige Krise, dass die Agrarlobbyisten noch immer nicht bereit sind, umzudenken. Dabei wird es für die Landwirte immer enger. Es bleibt ihnen nur ein Ausweg: Sie müssen das Vertrauen der Konsumenten zurückgewinnen und den Verbraucherschutz endlich ernst nehmen. Solange der Bauernpräsident und seine Schutzbefohlenen das nicht begreifen, hilft vermutlich nur die Drohung, Subventionen zu streichen, statt neue an die alten Sünder auszuschütten."

"Leipziger Volkszeitung":

"Wer will es dem Bauer übel nehmen, dass er in dieser Situation Tiermehl einsetzt, weil es das billigste eiweißreiche Futter ist? Wer will es dem Handel verdenken, dass er besonders jenen Lieferanten listet, der in großen Mengen und zu jeder Zeit Verkaufbares liefert? Und letztlich: Für welchen Verbraucher ist die billigere Wurst nicht meist auch die bessere? Wenn mit dem Verbot des Tiermehls erreicht wird, dass auch darüber in der Gesellschaft nachgedacht wird, wären am Ende wahrscheinlich nicht nur die Kühe glücklicher."

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