Innere Sicherheit Champions League der Krawalleros

Die Bundesregierung hofft auf Wahlkampfhilfe durch die Fußball-WM 2006 - das Turnier soll das bestgeschützte Großereignis aller Zeiten werden. Tausende gewaltbereiter Hooligans aus ganz Europa könnten diesen Plan durchkreuzen.

Von Dominik Cziesche und Holger Stark


 Hooligan-Ausschreitungen ( bei einem Fussballspiel in Neapel): 10.000 Randalierer alleine in Deutschland.
AP

Hooligan-Ausschreitungen ( bei einem Fussballspiel in Neapel): 10.000 Randalierer alleine in Deutschland.

Hamburg - Anfangs schien ihre Aufgabe noch überschaubar. Als sich die Polizisten zum ersten Mal trafen, wollten sie ein Sicherheitskonzept für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland entwerfen. Sie sorgten sich um Hooligan-Randale, Verkehrschaos und Taschendiebstähle. Es waren die größten Gefahren, die sie sich bis dahin vorstellen konnten. Es war der Mittag des 11. September 2001.

Zwischen 15 und 16 Uhr mitteleuropäischer Zeit griffen islamistische Terroristen New York und Washington an. Die Polizisten im nordrhein-westfälischen Hilden unterbrachen ihre Sitzung und starrten, wie der Rest der Welt, auf die Fernsehbildschirme. In diesem Moment wurde so ziemlich alles hinfällig, was sie bis dahin besprochen hatten. Seitdem gilt die Vorbereitung der WM 2006 als das größte, wichtigste und ambitionierteste Vorhaben der deutschen Polizei.

Die Beamten rechnen mit dem Schlimmsten: einem Terroranschlag während des Turniers. Auf dem Spiel stehen Menschenleben, das Ansehen Deutschlands, aber womöglich auch die Zukunft der Regierung: Das Fußballspektakel fällt in die Schlussphase des Bundestagswahlkampfs und ist deshalb mehr als nur als ein Ereignis, von dem Deutschland wirtschaftlich "enorm" profitieren werde, wie es Innen- und Sportminister Otto Schily (SPD) vorhersagt.

Geht alles glatt, so hoffen die Strategen im Kanzleramt, profitiert Rot-Grün bei der Wahl von der Feststimmung im Land. Deshalb darf nichts dem Zufall überlassen bleiben. Bundeskanzler Gerhard Schröder lässt sich regelmäßig über die WM-Planungen informieren, und Otto Schily hat die Vorbereitung zur Chefsache gemacht.

Mehrfach ist der Fußballfan (Lieblingsverein: Spielvereinigung Unterhaching) zur Europameisterschaft nach Portugal gereist, um dort Schutzkonzepte zu erkunden. Bei den Olympischen Spielen von Athen besuchte er das Lagezentrum, in dem die Aufnahmen sämtlicher Überwachungskameras auf einer riesigen Leinwand zu sehen waren - am Vorgehen griechischen und portugiesischen Sicherheitskräfte ("bestimmt, aber freundlich und besonnen"), sagt Schily, "werden wir uns ein Beispiel nehmen".

Vergangene Woche haben Schily und seine Länderkollegen in Lübeck die Grundzüge des Sicherheitskonzepts besprochen, im kommenden Frühjahr soll es verabschiedet werden - der Weltfußballbund Fifa, so Schily, "vertraut darauf, dass wir die Sicherheit perfekt organisieren. Das war letztlich auch einer der Hauptgründe dafür, dass uns die WM 2006 zugesprochen wurde." Um die Erwartungen nicht zu enttäuschen, soll die WM das bestgeschützte Großereignis aller Zeiten werden und ein Weltmeister schon vorher feststehen: der deutsche Sicherheitsapparat.

Jedes Detail wird geregelt: vom Flugverbot über Stadien, getrennten Anfahrtswegen für verfeindete Fans bis zu der Frage, welche Spiele mit Sicherheitsschleusen wie am Flughafen geschützt werden - als riskant würden etwa Partien zwischen Griechenland und der Türkei oder Nord-Irland und England gelten.

Neben dem Terror beunruhigt die Behörden vor allem die Hooligan-Szene. Anders als bei der letzten WM im fernen Asien droht diesmal die Anreise Tausender Randalierer. Allein in Deutschland leben rund 10.000 Hooligans, davon gelten 4500 als gefährlich. So genannte szenekundige Beamte sollen ihre Klientel schon vor der WM besuchen - um ihr zu signalisieren, dass man sie beobachtet.

Unübersichtlicher wird es bei den Hooligans aus Osteuropa. Weil dort Gewalttäter oft unzureichend erfasst werden, droht ihre ungehinderte Einreise. Deshalb verhandelt die Bundesregierung mit den Nachbarstaaten, die meisten Hooligans sollen erst gar nicht einreisen dürfen. Vermutlich wird sogar das Schengener Abkommen für die WM ausgesetzt, um Grenzkontrollen zu ermöglichen.

Die Behörden beunruhigt besonders der Nachholbedarf der Krawallbrüder. Die konnten seit der WM 1998 in Frankreich einem Lagebild der Polizei zufolge nicht "in größerem Umfang" mobilisieren. Eine Frage der Ehre: Nun sei der Druck groß, die Randale nachzuholen, um die Reputation nicht zu verlieren.

Vorsichtshalber sollen die Organisatoren das Umfeld der Arenen anmieten und "Sicherheitsringe" ziehen. Auf den Tickets werden die Daten der Käufer gespeichert, im Falle eines Diebstahls kann der Zugang zum Stadion elektronisch gesperrt werden.

64 Spiele in 28 Tagen, geschätzte drei Millionen Zuschauer - die Polizei rechnet mit einem beispiellosen Dauereinsatz. Allein die von der Fifa erwarteten 190 000 akkreditierten Journalisten, Helfer und Zulieferer sollen einzeln gecheckt werden - ein bislang einzigartiges Vorhaben, das der Durchleuchtung einer Stadt der Größe Erfurts entspricht. "Alles, was laufen kann, wird im Dienst sein", sagt Jürgen Schmitt, der Leiter der WM-Planungsgruppe der Kaiserslauterer Polizei.

Kein Szenario scheint mehr grausig genug, als dass es nicht gedanklich durchgespielt würde: Könnten Terroristen ein ferngesteuertes, sprengstoffbestücktes Modellflugzeug in ein Stadion lenken? Einen Platz, an dem vor einer Leinwand Tausende eine Partie sehen, angreifen? Oder eine Stinger-Rakete in eine Arena feuern?

Die Luftwaffe soll etwaige Angriffe durch entführte Flugzeuge abwehren; Fliegerstaffeln sind im Einsatz, um Sicherheitskräfte an Brennpunkte zu bringen; vor den Arenen fahnden Ordner nach "verdächtigen Gegenständen" und durchsuchen Fahrzeuge auf Sprengstoff, selbst Bombenentschärfer stehen bereit, und für den schlimmsten Fall werden mehrsprachige Durchsagen vorbereitet.

Man müsse, so ein internes Polizeipapier, damit rechnen, "dass einzelne ,Interessengruppen' die WM 2006 nutzen werden, um sich der Weltöffentlichkeit zu präsentieren und ihren Anliegen medienwirksam Nachdruck zu verleihen". Spiele der Russen etwa wären besonders zu schützen, weil sie ein Ziel für tschetschenische Terroristen darstellen könnten. Qualifizieren sich die USA für die WM, "dann haben wir einen echten Brandherd", fürchtet ein Ministerialer. "Das hätte einen anderen Stellenwert, als wenn Belgien spielt", sagt auch Helmut Spahn, Sicherheitschef des WM-Organisationskomitees.

In einem Punkt allerdings muss die Sicherheit zurückstehen: Während sich viele Polizisten ein Alkoholverbot für die Stadien gewünscht haben, soll das nur für gefährdete Spiele gelten. Schließlich können die WM-Ausrichter schlecht einen ihrer wichtigsten Sponsoren aussperren: die Brauerei Anheuser-Busch.



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