Kanzlergehalts-Patzer SPD-Politiker sind befremdet über Steinbrück

Peer Steinbrück findet das Kanzlergehalt zu niedrig, löst eine Kontroverse aus - und macht sich in seiner Partei keine Freunde: In der SPD wächst der Unmut über den Kanzlerkandidaten. Im SPIEGEL fordert Parteichef Gabriel, Gehaltsdebatten lieber im Sinne normaler Arbeitnehmer zu führen.

Peer Steinbrück: Kritisiert von Parteifreunden
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Peer Steinbrück: Kritisiert von Parteifreunden


Hamburg - Er fremdelt mit dem Parteivolk, beharrt beinahe schon bockig auf seinen Ansichten, zettelt Diskussionen an, die die wahlkämpfende SPD nicht gebrauchen kann: Peer Steinbrück hat sich durch Interview-Äußerungen über die Höhe des Kanzlergehalts in seiner Partei nicht beliebter gemacht. Bei den Sozialdemokraten mehrt sich die Kritik am Kanzlerkandidaten. "Die bewusst gesetzten Fallstricke dieses Interviews hätte man erkennen können", sagt der außenpolitische Sprecher der Bundestagsfraktion, Rolf Mützenich. "Wir alle müssen jetzt darauf achten, Inhalte zu benennen und die Partei mitzunehmen."

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Heft 2/2013
Warum macht Peer Steinbrück so viel falsch?

Der ehemalige Bundesminister Erhard Eppler ergänzt: "Für manche Politiker gilt: Kanzler werden ist nicht schwer, Kanzler sein dagegen sehr. Bei Peer Steinbrück scheint es umgekehrt zu sein." Auch die Spitzen mehrerer Landesverbände zeigten sich unzufrieden. "Wenn wir uns um Gehälter kümmern sollten, dann um die der Krankenschwestern", sagt der schleswig-holsteinische SPD-Vorsitzende Ralf Stegner. Alles andere lenke von der inhaltlichen Attacke auf Kanzlerin Merkel ab. Niemand in der SPD habe die Gehaltsdebatte gut gefunden.

Auch Parteichef Sigmar Gabriel rückt von Steinbrücks Ansicht zum Kanzlergehalt ab. Zwar seien Steinbrücks Aussagen "nichts Skandalöses", sagt Gabriel in einem SPIEGEL-Gespräch: "Allerdings sollte sich die Diskussion eher um die Löhne und Renten der ganz normalen Arbeitnehmer in Deutschland drehen und nicht um die Spitzengehälter in Politik und Wirtschaft."

"Diese Wahrheit werde ich nicht verschweigen"

Kritik am Kandidaten kam auch von der SPD-Linken. "Ich hätte mir gewünscht, dass Steinbrück sich auf die inhaltlichen Botschaften konzentriert, die er auf dem letzten Parteitag in seiner Rede sehr gut dargelegt hat", sagte die Bundestagsabgeordnete Hilde Mattheis. Die SPD habe unter Gabriel "viele Fehler korrigiert, die mit unserer Gerechtigkeitsidee nicht vereinbar waren". Dazu müsse der Kanzlerkandidat stehen.

Statt mit Angriffen gegen die Bundesregierung ist die SPD derzeit vorwiegend damit beschäftigt, den politischen Flurschaden zu beheben, den Steinbrück mit seinen Äußerungen verursacht hat. Derweil verteidigt Steinbrück sich. "Ich habe mitnichten gefordert, das Kanzlergehalt zu erhöhen", sagte er dem "Tagesspiegel". Er habe lediglich die Meinung vertreten, dass Bundeskanzler im Vergleich zu Führungskräften in der Wirtschaft eher gering bezahlt seien. "Diese Wahrheit werde ich nicht verschweigen, auch nicht als Kanzlerkandidat."

Der Kandidat war vor der Debatte über seine Äußerungen zum Kanzlergehalt bereits wegen hoher Vortragshonorare in die Kritik geraten und deswegen der Maßlosigkeit beschuldigt worden. Steinbrück räumte ein, dass seine Äußerung bei Geringverdienern missverstanden werden könnte, und widersprach zugleich dem Eindruck, er selbst sei unzufrieden mit dem Einkommen für die Position des Kanzlers. Er wolle auch in Zukunft nicht nur laut aussprechen, was opportun erscheine, so Steinbrück. "Ich sage, was ich denke, und ich tue, was ich sage."

Mehr als zwei Drittel der Bundesbürger widersprechen der Ansicht Steinbrücks, dass Kanzler in Deutschland zu wenig verdienen. In einer Umfrage des Instituts TNS Emnid für den "Focus" sagten 72 Prozent, sie stimmten der Auffassung des SPD-Kanzlerkandidaten nicht zu. 23 Prozent halten die Aussage für richtig.

Rückendeckung bekam der Kandidat am Sonntagabend von SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles. Sie nahm Steinbrück gegen Kritik in Schutz. Er habe eine Journalistenfrage beantwortet, und zwar ehrlich, sagte Nahles in der ZDF-Sendung "Berlin direkt". "Mehr ist nicht passiert."

ulz/dpa

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