Stefan Kuzmany

Sigmar Gabriel Ins Herz der Finsternis

Stefan Kuzmany
Eine Kolumne von Stefan Kuzmany
Eine Kolumne von Stefan Kuzmany
Schon als SPD-Chef wollte Sigmar Gabriel dorthin gehen, "wo es manchmal riecht, gelegentlich auch stinkt". Bei der Deutschen Bank ist er am Ziel.
Gabriel (Archiv)

Gabriel (Archiv)

Foto: TOBIAS SCHWARZ/ REUTERS

Jetzt greinen sie wieder, die Neider. Aber was soll er denn bitte machen? Ein Mann wie er braucht eine Aufgabe. Soll Sigmar Gabriel etwa für den Rest seines Lebens daheim in Goslar am Schreibtisch sitzen und Aufsätze über den verfehlten Kurs der SPD verfassen? Das wäre doch absurd.

Nein, Sigmar Gabriel will etwas bewegen. "Ein großer Sozialdemokrat verlässt die Brücke, aber nicht das Schiff", hat Gabriel dem Genossen Franz Müntefering einst zu dessen Abschied vom Parteivorsitz zugerufen, und genau das gilt auch für Gabriel selbst: Wenn der ehemalige SPD-Chef bald in den Aufsichtsrat der Deutschen Bank einzieht, dann ist das keineswegs ein Akt der Geldgier oder ein Bruch mit der sozialdemokratischen Idee. "Ich werde auch in Zukunft nicht anders denken und handeln als vorher", sagte Gabriel in einem bemerkenswerten Interview mit der "Bild am Sonntag". Es ist bekannt, dass im Zentrum von Gabriels Denken und Handeln allein das Wohl der ehrlichen, kleinen Leute steht. Er wird weiter für sie kämpfen.

Gabriels großer Plan steht mit dem Schritt zur Deutschen Bank vor der Vollendung. Zugegeben, es war damals etwas missverständlich, aber heute wird klar, was der visionäre Sozialdemokrat mit seinen berühmten Sätzen auf dem SPD-Parteitag im November 2009 wirklich gemeint hat, welchen Weg er für sich vorzeichnete: "Wir dürfen uns nicht zurückziehen in die Vorstandsetagen, in die Sitzungsräume", rief der den Delegierten in Dresden zu. "Unsere Politik wirkt manchmal aseptisch, klinisch rein, durchgestylt, synthetisch. Und das müssen wir ändern."

Alles wird anders bei der Deutschen Bank

Allzu lange ist Sigmar Gabriel in der sozialdemokratischen Vorstandsetage herumgesessen, aber jetzt ist es an der Zeit hinauszugehen. Dorthin, wohin er schon 2009 wollte: "Ins Leben; da, wo es laut ist; da, wo es brodelt; da, wo es manchmal riecht, gelegentlich auch stinkt." Genau dort kommt er jetzt an.

Denn in kaum einer deutschen Institution stinkt es so gewaltig wie in der Deutschen Bank. Würde man sämtliche Fensterscheiben aus den Bank-Towers im Frankfurter Westend schlagen, der Geruch der Skandaljahrzehnte würde sich trotzdem nicht verziehen. Er hängt zu fest. Hier wurden über Jahre im großen Stil Zinsen manipuliert und mit Klima-Zertifikaten Steuern hinterzogen. Es wurde wohl auch am Goldpreis gefummelt, man soll in Cum-Ex-Tricksereien verwickelt gewesen sein, in russische Geldwäsche und in den Kollaps des US-Immobilienmarktes. Die Deutsche Bank musste mehr Millionen Euro für Geldstrafen und Vergleichszahlungen ausgeben als dieser Text Wörter hat. 

Das war einmal, jetzt wird angeblich alles anders. Die Bank hat dem bösen globalen Investmenthandel abgeschworen und besinnt sich auf das "solide, fast schon langweilige Bankgeschäft", erläutert Gabriel der "BamS". Sie wolle wieder "Ausdruck von Solidität werden und dabei gleichzeitig ihre globale Aufstellung behalten". Wer könnte besser dabei helfen als der ehemalige Außenminister Sigmar Gabriel, bekannt als Solitär der Solidität, mit seinen guten Kontakten zum Emir von Katar, dessen Emirat sechs Prozent an der Deutschen Bank hält? Die langen Jahre auf harten Ministersesseln, sie waren nicht vergebens.

Zurecht findet Gabriel es "schlimm, dass sofort der Generalverdacht entsteht, man würde sozusagen seine Seele verkaufen, wenn man nach dem Ende seiner politischen Laufbahn eine Aufgabe in der Wirtschaft wahrnimmt". Das wäre ein absurdes Missverständnis. Sigmar Gabriel verkauft nichts. Er bleibt sich treu.

Erzittern werden die Herren des Kapitalismus

Denn Gabriel geht nicht einfach "in die Wirtschaft", nicht zu irgendeinem Konzern, sondern zur Deutschen Bank. Er wagt sich ins Herz der Finsternis, er tut es für uns alle. Mit reiner Seele schreitet er mutig in die Höhle des Löwen, ins Nest der Heuschrecke. Hier wird Sigmar Gabriel seine Stimme erheben, und erzittern werden die Herren des Kapitalismus, denn siehe, er ist gekommen, zu geben Aufsicht und Rat. In seiner starken Hand erstrahlt die Fackel des demokratischen Sozialismus, das Leuchtfeuer auf seinem langen Marsch durch die Institutionen.

Jetzt ist er angekommen, jetzt beginnt die letzte Phase seines großen Plans: die endgültige Zersetzung des Kapitalismus. Haben wir Vertrauen, dass Sigmar Gabriel wieder gelingen wird, was ihm schon einmal mit der SPD gelungen ist: die Zerstörung von innen. Glück auf!