Institut warnt vor Milzbrand "Nicht berühren, nicht einatmen, nicht kosten"


Berlin/Mainz - In den USA sind bereits zwölf Menschen an Milzbrand erkrankt oder mit dem gefährlichen Erreger in Kontakt gekommen. Auch in Deutschland rät das Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI) zu erhöhter Aufmerksamkeit. Falls in der Post verdächtige, etwa mit Pulver gefüllte Briefe auftauchten, sollte schnellstmöglich die Polizei benachrichtigt werden, sagte Institutspräsident Reinhard Kurth am Montag im ZDF: "Nicht berühren, nicht einatmen, nicht kosten."

Eine Milzbrand-Infektion beginne wie eine harmlose Erkältungskrankheit. In den Armeen der USA und Großbritanniens gebe es zwar einen Impfstoff mit vielen Nebenwirkungen, der aber auf dem freien Markt nicht verfügbar sei. Die Krankheit müsse möglichst schnell erkannt werden, um sie mit Antibiotika bekämpfen zu können, erläuterte Kurth, der auch für die Bundeskoordinierungsstelle "Biologische Kampfstoffe" zuständig ist.

Der Milzbrand-Erreger sei "außerordentlich stabil, jahrzehntelang haltbar, auch im Erdboden" und eigne sich auch - "wenn man die kriminelle Energie dazu hat" - große Menschenmengen zu infizieren. Es gebe ihn "weltweit im Erdboden", man benötige jedoch sehr viele Kenntnisse und "zehntausende Bakterien oder Bakteriensporen, um wirklich Krankheiten zu entwickeln". Angesichts der aktuellen Situation nach dem 11. September bestehe jetzt ein "höheres Gefährdungspotenzial", sagte Kurth.

Kein Engpass bei Medikamenten

Eine Milzbrand-Infektion lässt sich nach Angaben des Institutes mit Antibiotika bekämpfen - wenn sie rechtzeitig erkannt wird. Derzeit gebe es keinen Engpass bei entsprechenden Medikamenten.

Gegen Hautmilzbrand empfiehlt das Institut Penizillin, mit dem die Infektion gut behandelt und geheilt werden kann. Unbehandelt ist Hautmilzbrand in fünf bis 20 Prozent der Fälle tödlich. Hautmilzbrand entsteht, wenn die Erreger Bacillus anthracis über kleine Verletzungen durch die Haut in den Körper eindringen.

Bei Lungenmilzbrand und dem nur selten beschriebenen Darmmilzbrand ist dem RKI zufolge eine Behandlung mit Antibiotika im Prinzip möglich. Weil die Infektion jedoch sehr aggressiv ist und schnell fortschreitet, ist eine frühzeitige Therapie besonders wichtig. Als Wirkstoffe stehen nach Angaben des Robert-Koch-Institutes Ciprofloxazin (Ciprobay) und das in zahlreichen Präparaten enthaltene Doxycyclin zur Verfügung. Lungenmilzbrand kann sich nach dem Einatmen der Erreger entwickeln, Darmmilzbrand unter anderem durch Verzehr von verseuchtem rohem Fleisch.

Ein Impfstoff gegen Milzbrand ist dem in Langen ansässigen Paul-Ehrlich- Institut zufolge derzeit in Deutschland weder zugelassen noch kurzfristig verfügbar. Zugelassen, aber nicht verfügbar, sind verschiedene Milzbrand-Impfstoffe nach Recherchen des Instituts in Kanada, Großbritannien und den USA. Die Armeen der USA und Großbritanniens verfügen über Impfstoffe, die aber reich an Nebenwirkungen sind.

Eine Prophylaxe mit den genannten Antibiotika oder mit Amoxicillin empfiehlt das RKI für Menschen, die ein konkretes Risiko haben, den Erreger einzuatmen.



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