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Afghanistan-Flüchtlinge »Integration fördern und fordern«

aus DER SPIEGEL 36/2021

SPIEGEL: Im Zusammenhang mit der Afghanistankrise sagten Ministerin Julia Klöckner und andere Unionspolitiker, dass 2015 sich nicht wiederholen dürfe. Was heißt das in Bezug auf Schutzsuchende?

Widmann-Mauz: Die aktuelle Lage ist nicht mit dem Jahr 2015 vergleichbar. Aktuell geht es darum, diejenigen, die wir schützen wollen, überhaupt aus dem Land rauszubekommen: deutsche Staatsbürger, unsere Ortskräfte, die mit uns zusammengearbeitet haben, und ihre Familien, aber auch besonders gefährdete Menschen wie Journalistinnen, Lehrerinnen oder Frauenrechtlerinnen, die jetzt akut bedroht sind.

Aus: DER SPIEGEL 36/2021

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SPIEGEL: Derzeit rechnet man im Auswärtigen Amt damit, dass mehr als 50.000 Afghaninnen und Afghanen nach Deutschland geholt werden müssten. Viele dieser Menschen sitzen weiterhin in Afghanistan fest. Wie soll die Aufnahme ablaufen?

Widmann-Mauz: Unsere Anstrengungen konzentrieren sich jetzt darauf, die Ortskräfte mit ihren Familien in Afghanistan in Sicherheit zu bringen, bis sie das Land verlassen können. Um den Ortskräften die Ausreise in die Nachbarstaaten zu ermöglichen, führt das Außenministerium derzeit Gespräche mit Vertretern der Taliban.

SPIEGEL: Einige Nachbarstaaten, darunter Pakistan, haben aber bereits angekündigt, keine weiteren Flüchtlinge aufnehmen zu wollen. Was heißt das für die Bundesrepublik?

Widmann-Mauz: Ganz wichtig ist, dass wir die Nachbarländer durch internationale Kooperation unterstützen, um den Menschen eine humanitäre Versorgung vor Ort zu ermöglichen. Das muss in enger Abstimmung mit der Europäischen Union und den internationalen Organisationen erfolgen. Wir brauchen diesen Schulterschluss, um mit den Nachbarstaaten zu gemeinsamen Lösungen zu kommen.

SPIEGEL: Wie unterscheiden Sie zwischen den afghanischen Ortskräften, die für die Bundesregierung oder deutsche Organisationen gearbeitet haben, und anderen Schutzbedürftigen, die bislang nichts mit Deutschland zu tun hatten?

Widmann-Mauz: Die Bundesregierung fühlt sich für die Ortskräfte und ihre Familien verantwortlich. Wir haben darüber hinaus aber auch den humanitären Anspruch, besonders schutzbedürftigen Menschen, etwa Frauen und Kindern, zu helfen. Dafür mache ich mich stark. Für sie muss es ein spezielles Aufnahme- oder Resettlement-Programm mit unseren internationalen Partnern geben. Denn für diese Menschen tragen wir gemeinsam Verantwortung.

SPIEGEL: Was muss Deutschland leisten, um die Geflüchteten aus Afghanistan in Deutschland zu integrieren?

Widmann-Mauz: Den afghanischen Ortskräften und ihren Familien stehen Integrationsangebote und Arbeitsmarktförderung aufgrund ihres Rechtsstatus von vornherein offen. Flüchtlingen aus Afghanistan müssen wir ebenfalls schnell Sprache und Werte vermitteln. Dafür sollten vorhandene Ressourcen wie Integrationskurse genutzt werden. Denn eine Lektion aus 2015 ist, dass wir Integration von Anfang an fördern und fordern müssen. Insbesondere die ankommenden Frauen und Mädchen brauchen Hilfe und Begleitung durch bewährte Integrationsprojekte. Frauen sind auch wichtige Brückenbauerinnen für eine gelingende Integration.

hol
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