Integration in Deutschland "Wir haben wahrlich nichts zu feiern"

Moscheebau in Köln, Kopftücher bei kleinen Mädchen: Vor dem Integrationsgipfel streiten die Autorin Necla Kelek und die SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün auf SPIEGEL ONLINE über Erfolge und Probleme in der türkischen Community - und die Rolle des Islam für die Integration.


SPIEGEL ONLINE: Heute findet der Integrationsgipfel im Kanzleramt statt - aber ohne die vier großen türkischen Verbände. Was halten Sie von deren Absage?

Kelek: Die türkischen Verbände machen ohnehin nichts für die Integration in Deutschland. Sie treten jetzt zurück, weil sie nur im vermeintlichen Interesse ihrer Klientel, der Türken und der Türkei, handeln, anstatt konkret für Integration in Deutschland zu kämpfen. Es klingt fast so, als werfen die Verbände Kanzlerin Angela Merkel und der Integrationsbeauftragten Maria Böhmer die Beleidigung des Türkentums vor.

Akgün: Es wird am Verlauf des Gipfels nichts ändern, niemand wird merken, ob die türkischen Verbände dabei sind oder nicht. Der Verlauf des Gipfels ist so bürokratisch, und das Ganze hat eh nur Symbolcharakter. Die Art und Weise aber, wie die Verbände ihre Absage begründen, ist nicht akzeptabel - das Zuwanderungsgesetz, das sie kritisieren, ist schließlich ordnungsgemäß durch den Bundestag verabschiedet worden. Die Bundeskanzlerin kann ein Gesetz doch nicht wegen der Forderung einer Lobbygruppe zurücknehmen.

SPIEGEL ONLINE: Es hat in den vergangenen Wochen viel Streit über den Bau einer Moschee in Köln gegeben. Frau Kelek, Sie fürchten die Herrschaft der Minarette. Sie, Frau Akgün, sind für den Bau der geplanten Moschee auf die Straße gegangen.

Akgün: Ich kann verstehen, dass die Veränderungen im Stadtteil den Menschen Angst machen, deshalb muss man mit den Leuten reden. Aber ich sehe keinerlei Anzeichen von Islamisierung - dort, wo seit 23 Jahren eine Moschee betrieben wird, soll jetzt eine neue schöne Moschee entstehen. Wo ist das Problem?

Kelek: Wir haben 2300 Moscheen in Deutschland, insgesamt Platz zum Beten für 500.000 Gläubige. 100 weitere Moscheen sind geplant. Für mich ist das eine Entwicklung, die nicht vom Thema Integration zu trennen ist. Seit die muslimischen Vereine so aktiv sind - also seit etwa 20 Jahren - hat es eine Wende in Deutschland gegeben: Das Welt- und Menschenbild des Islam - auch wenn es einzelne anders und demokratisch verstehen - hängt eng mit Integrationsversäumnissen zusammen. So lassen Moscheevereine es nicht zu, dass Frauen in der Öffentlichkeit Verantwortung tragen. Genau das aber wäre gelebte Demokratie.

Akgün: Es ist unsinnig, den Bau eines Gotteshauses von dem Stand der Integration einer Gruppe abhängig zu machen. Das ist so, als würde man die Frage stellen: Wie weit sind die Polen integriert? Dürfen die eigentlich eine katholische Kirche bauen? Integration darf doch nicht heißen, dass die Menschen ihren Glauben ablegen. Für mich ist es ein Zeichen des Ankommens, wenn man seine Gotteshäuser repräsentativ baut. Das zeigt doch, dass die Muslime in Deutschland bleiben und sich integrieren wollen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Kelek, was müssten die muslimischen Verbände tun, um Sie vom Bau dieser Moschee zu überzeugen?

Kelek: Der Islam hat es 1400 Jahre lang versäumt, kritische Fragen zu stellen und sich von der Politik zu lösen. Es ist doch nicht von der Hand zu weisen: Muslimische Männer behandeln ihre Frauen plötzlich anders, wenn sie anfangen, ständig in die Moschee zu gehen. Sechsjährige Mädchen werden angehalten, Kopftuch zu tragen. Das sei die Angelegenheit der Eltern, sagen die Moscheeverbände. Und Sie, Frau Akgün, sagen: Sollen die doch eine Moschee bauen. Wie soll sich der Islam säkularisieren, wenn wir von seinen Verbänden nichts verlangen? Im Übrigen finde ich es merkwürdig, den Islam ohne Nachfrage als Religion zu bezeichnen. Was ist Religion: Ist das Spiritualität, die meiner Seele guttut, und begleitet sie mich in die Demokratie? Oder ist Religion politisch und sagt: Du hast deinem Gott oder deinem Vater zu dienen.

Akgün: Frau Kelek, Sie wollen mit dem Flammenwerfer Unkraut jäten. Ich kritisiere auch einzelne Punkte und muslimische Organisationen, aber es geht zu weit, einer Weltreligion ihren Anspruch auf Religiösität abzusprechen.

Kelek: Es wird Ihnen jeder Theologe bestätigen, dass im Islam Politik und Religion nicht zu trennen sind. Es gibt dafür genug Beispiele, schauen Sie nur nach Pakistan.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie eine Frau mit Kopftuch sehen - sehen Sie darin einfach den Ausdruck kultureller oder religiöser Identität, oder ist das Tuch in erster Linie ein politisches Symbol von Unfreiheit, ein Symbol der Unterdrückung?

Akgün: All das ist möglich. Man muss den Einzelfall betrachten. Ich habe mich immer gegen das Kopftuch im öffentlichen Dienst ausgesprochen, weil ich gesagt habe: Es ist wichtig, dass der Staat neutral ist, und weil ich nicht entscheiden kann, ob es ein religiöses oder politisches Symbol ist, muss das Tuch aus dem Klassenzimmer heraus. Aber privat sind nur die Grenzen des guten Geschmacks gesetzt.

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