Integration "Jede Einbürgerung ist ein messbarer Erfolg"

Wer sind die Zuwanderer überhaupt? Alter? Ausbildung? Um den Erfolg von Integration messen zu können und um Missstände abzustellen, braucht die Politik endlich bessere Daten, fordert Integrationsminister Armin Laschet (CDU) aus Nordrhein-Westfalen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.


SPIEGEL ONLINE: Herr Laschet, morgen treffen sich die Fachminister für Integration der Bundesländer in Kiel. Sie wollen sich auf ein "einheitliches Integrationsmonitoring" einigen. Was bedeutet das?

NRW-Minister Laschet: "Es gibt eine Reihe von Diskriminierungen"
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NRW-Minister Laschet: "Es gibt eine Reihe von Diskriminierungen"

Laschet: Es geht darum zu prüfen, ob die Maßnahmen, die wir im nationalen Integrationsplan beschlossen haben, auch wirken. Die Politik neigt ja dazu, Dinge schön zu reden; alle betonen ständig, was sie Tolles gemacht haben. Stattdessen brauchen wir jetzt klare Indikatoren, mit denen feststellbar ist: Sind die Deutschkenntnisse der Zuwandererkinder wirklich besser als vorher, die Bildungsabschlüsse höher, haben wir mehr Migrantenkinder, die das Abitur schaffen? Der Bund muss diese Indikatoren nun auch in seinen nationalen Integrationsplan aufnehmen.

SPIEGEL ONLINE: Zweimal bereits lud die Kanzlerin zum Integrationsgipfel - Hunderte Integrationsmaßnahmen wurden beschlossen. Glauben Sie, dass sie bereits wirken?

Laschet: Man wird jetzt sicherlich noch keine Fortschritte des nationalen Integrationsplan des letzten Jahres messen können. Viele der Maßnahmen sind ja sehr langfristig. Wichtig ist aber: Die Politik muss sich jetzt darauf verständigen, die Fortschritte überhaupt messen zu wollen und auf wissenschaftlicher Grundlage evaluieren zu lassen. Nur so kann politisch nachgesteuert werden und Nachholbedarf erkannt werden.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die wichtigsten Messdaten für gelungene Integration?

Laschet: Erwerbstätigkeit, Selbständigkeit und Bildungserfolge – das sind die wesentlichen Indikatoren. Wir brauchen in diesen Bereichen dringend eine Aufschlüsselung der Migranten nach Herkunftsländern, nach Alter, nach Bildungsstand - nur so kann politisch genau gearbeitet werden. Nur nach Deutschen und Ausländern zu differenzieren, reicht nicht mehr. Ein wichtiger Faktor dabei ist auch, solche Menschen mit Zuwanderungsgeschichte, die bereits eingebürgert sind, zu klassifizieren. Mancher, der eingebürgert ist, taucht ja in den Statistiken gar nicht mehr auf – obwohl er zu den Zugewanderten gehört.

SPIEGEL ONLINE: Aber wieso ist es überhaupt wichtig, Menschen, die in Deutschland geboren sind oder schon Jahrzehnte hier leben, als Zuwanderer zu klassifizieren?

Laschet: Viele Zugewanderte leiden - auch solche, die seit langem hier leben - unter Benachteiligungen, die wir nicht bekämpfen können, wenn wir sie nicht benennen. So gibt es große Unterschiede im Bildungszugang. Wenig Zuwandererkinder sind auf Gymnasien oder gar auf den Universitäten, es gibt besonderen Förderbedarf insbesondere bei der Sprache. Viele Zuwanderer sind auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt - zum Teil trotz ihrer Bildungsabschlüsse. Es gibt eine Reihe von Diskriminierungen. Wenn man das nicht misst und weiß, kommt man zu falschen Schlüssen. Wenn die Zahl der Kinder aus Zuwandererfamilien ohne Hauptschulabschluss nicht sinkt – heute sind 40 Prozent von ihnen Migranten -, dann müssen wir andere Maßnahmen ergreifen.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Unterschied macht der deutsche Pass für Zugewanderte? Unterscheiden sich Eingebürgerte im sozialen Status grundsätzlich von Menschen, die aus Deutschland stammen?

Laschet: Nein, jede Einbürgerung ist ein Integrationserfolg. Das lässt sich messen. Bei denen, die eingebürgert sind, ist am Ende der Wert etwa bei Arbeitslosigkeit oder Selbständigkeit fast wie bei gebürtigen Deutschen. Dies haben wir in Nordrhein-Westfalen in einer Untersuchung festgestellt.

SPIEGEL ONLINE: Wenn sich jemand einbürgern lässt, ist er also in Deutschland sozial genauso verankert wie jemand, dessen Familie aus Deutschland stammt?

Laschet: Der Pass alleine ändert natürlich überhaupt nichts. Aber wer sich einbürgern lässt, muss ein festes Einkommen haben und die deutsche Sprache sprechen. Er hat also wichtige Schritte schon unternommen. Deshalb brauchen wir mehr Einbürgerungen.

SPIEGEL ONLINE: Kann es auch Migranten helfen, wenn sie als Gruppe genauer beschrieben werden?

Laschet: Ja, denn die Indikatoren sind zwar ein Messinstrument für die Politik, aber für Zuwanderer selbst werden auch Erfolgsgeschichten aufgezeigt, die Mut machen. Wir brauchen Vorbilder, die andere ermutigen, bei denen man sagt: "Da will ich auch hin!"

SPIEGEL ONLINE: Die "Welt" zitiert Sie mit den Worten, die Indikatoren seien gerade nach den Ereignissen in Ludwigshafen dringend notwendig: "Das Klima ist derzeit nicht einfach." Was meinen Sie damit?

Laschet: Ich habe das Gefühl, dass die Stimmung etwas auseinanderläuft. Es gibt eine tief verwurzelte Angst unter Türkeistämmigen, dass es überall brennt. Befördert wird das durch türkische Medien in enormer Zuspitzung, in deutschen Medien findet diese Sorge indes fast überhaupt nicht statt. Es ist wichtig, dass wir jetzt weiterhin Signale setzen und zusammenkommen - und endlich auch handfeste Kriterien entwickeln.

Das Interview führte Anna Reimann.



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