Integrations-Studie Was haben Ostdeutsche und Muslime gemeinsam?

"Bürger zweiter Klasse" und "integrationsunfähig": Ostdeutsche und Muslime werden einer Studie zufolge in ähnlichem Maße stigmatisiert und benachteiligt. Westdeutsche zeigen für dieses Schicksal wenig Verständnis.

Muslimas am Kottbusser Tor in Berlin -Neukölln
Winfried Rothermel/ imago

Muslimas am Kottbusser Tor in Berlin -Neukölln

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"Ostdeutsche sind auch Migranten". Das sagte Integrationsforscherin Naika Foroutan im vergangenen Jahr in einem Interview mit der "taz". Sie teilten typische Erfahrungen wie "Heimatverlust, vergangene Sehnsuchtsorte, Fremdheitsgefühle und Abwertungserfahrungen". Beide Gruppen seien mit negativen Vorurteilen konfrontiert und fühlten sich als Bürger zweiter Klasse.

Jetzt hat sie mit ihren Kollegen vom Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM-Institut) Belege für diese These gesammelt und sie in der Studie "Ost-Migrantische Analogien" veröffentlicht.

Ihr Fazit: Beide Gruppen werden in Deutschland in ähnlichem Maße stigmatisiert und abgewertet, sie verdienen weniger und haben es schwerer, einen Job zu finden. Ostdeutsche werden dabei in der Regel von Westdeutschen als "eigene andere" gesehen. Über Muslime herrschten laut bestehenden Studien die Klischees vor, sie nutzten soziale Systeme aus, seien integrationsunfähig und gewaltaffin.

Die Forscher des DeZIM-Instituts vermuten einen Zusammenhang zwischen der Abwertung anderer Gruppen und dem eigenen Stand in der gesellschaftlichen Ordnung.

7233 in Deutschland lebende deutschsprachige Personen haben sie für ihre Studie am Telefon befragt. Davon lebten 4613 Befragte in Westdeutschland und 2612 Befragte in Ostdeutschland. Acht Befragte machten keine ausreichenden Angaben zum Wohnort, um zuordnen zu können.

Die Forscher wollten wissen, wie sich die Wahrnehmung der beiden Gruppen in der Bevölkerung ähnelt und wie sich diese auf ihre Chancen im Beruf und in der Gesellschaft auswirkt. Einen besonderen Fokus legten die Forscher dabei darauf, wie Menschen muslimischen Glaubens von Ost- bzw. Westdeutschen wahrgenommen werden. Sie entdeckten verschiedene Parallelen.

  • Westdeutsche beschreiben Ostdeutsche und Migranten laut der Studie in ähnlichem Maße als Stereotype: Etwa 41 Prozent der Westdeutschen finden, dass Ostdeutsche sich ständig als Opfer sähen. 36,5 Prozent erkennen diese Rolle bei Muslimen. Ostdeutsche sehen die Rolle von Muslimen ähnlich. Sich selbst scheinen die Ostdeutschen in ähnlicher Weise zu stereotypisieren, wie Westdeutsche es tun.
  • Westdeutsche werfen Ostdeutschen (rund 36 Prozent), in höherem Maße aber Muslimen (rund 59 Prozent), bei der Befragung vor "noch nicht im heutigen Deutschland angekommen" zu sein. Rund 32 Prozent der Ostdeutschen sagten das auch über sich selbst, besonders viele Ostdeutsche trafen diese Aussage aber über Muslime (67 Prozent).
  • Mehr als die Hälfte der Befragten aus Ostdeutschland warfen Muslimen mangelnde Distanz zum Extremismus vor.
  • Ost- und Westdeutsche wollen Muslime, so die Ergebnisse der Forscher, nur ungern in Führungspositionen sehen. Die Angst vor dem Aufstieg von Muslimen ist in Ostdeutschland stärker ausgeprägt. Gegenüber Ostdeutschen gibt es diese Angst kaum.

Um diese Ungleichheit zu beheben, stimmten viele der Befragten für eine politische Steuerung durch Quoten. Die Hälfte der befragten Ostdeutschen würde einer Quote für Ostdeutsche in wichtigen gesellschaftlichen Positionen zustimmen. Ebenso ein Viertel der Westdeutschen.

Deutlich mehr als die Hälfte der Befragten auf beiden Seiten sprachen sich für eine Frauenquote aus, wie sie auch in Gestalt eines Paritätsgesetzes in der Politik und schon seit langer Zeit in Unternehmen ein Thema ist. Jeweils ein Drittel der Ost- und Westdeutschen würden einer Quote für Migranten zustimmen.

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