Integrationsdebatte Wer hat Angst vor Leyla Öztürk?

Es ist der Herbst der Islamophobiker: Die Sarrazin-Debatte und die Pauschalkritik von CSU-Chef Seehofer schüren diffuse Ängste im Land. Die Vorkämpfer in dieser Diskussion gerieren sich als Verteidiger der deutschen Nation gegen den Islam. In Wahrheit sind sie schlechte Patrioten.
Musliminnen in München: Der Islam gibt ein wundervolles Feindbild ab

Musliminnen in München: Der Islam gibt ein wundervolles Feindbild ab

Foto: DPA

Der Weltuntergang ist zwar nicht in Deutschland erfunden worden, aber er hat hier einige seiner größten Bewunderer. Die Angst vor der Zukunft wurzelt tief in der deutschen Seele. Früher, ja, da konnte man nachts noch durch den Park gehen, und wenn einer wirklich arbeiten wollte, bekam er auch einen ordentlichen Job.

Wer Flugangst hat oder eine Spinnenphobie, der weiß das sehr gut selbst. Aber wer will schon wahrhaben, dass er Zukunftsangst hat? Der Leidende zeigt Symptome, nur kann er sie nicht richtig deuten. Er verklärt die Vergangenheit, fühlt sich unbehaglich in der Gegenwart und findet überall Verfall und Gefahr. In den Gefahren, die ihm vorschweben, sieht er die Ursache seines Unbehagens. So inszeniert er ein Feindbild.

Die Inszenierung dieses Herbstes heißt: Wer hat Angst vor Leyla Öztürk?

Jeder von uns kennt Leyla. Man könnte meinen, sie tue keinem etwas Böses. Ihre Familie stammt aus Anatolien, sie trägt ein Kopftuch, schleppt große Einkaufstüten nach Hause und hat mehr Kinder als ihre schwäbische oder hessische oder bayerische Nachbarin. Sie tut also keinem etwas Böses?

Das Land hat sich verändert

Sarrazin

Oh nein, Leyla Öztürk ist gefährlich. Viele Menschen haben Angst vor ihr. Die -Debatte zeigt es. Die Umfragen zeigen es. Der Beifall für den Quartalsphobiker Horst Seehofer zeigt es.

Seehofer

Sarrazin und sagen natürlich nicht: Wir haben Angst vor der Zukunft. Sondern sie sagen: Wir spüren Gefahr. Wir lieben Deutschland. Wir warnen vor dem Untergang des Vaterlandes. Und viele, die ihnen zuhören, haben den Eindruck: Die wissen, was zu tun ist. Wir müssen uns vor Leyla Öztürk schützen. Wer glaubt, dass sie nur einkaufen geht und für ihre Kinder kocht, ist naiv. Nein, Leyla und ihre Familie wollen dieses Land verändern. Sie wollen es schlechter machen. Sie verderben uns die Zukunft. Was wir aufgebaut haben, wollen sie niederreißen und aus den Trümmern ihre Moscheen errichten.

Sicher, es ist keine ganz neue Inszenierung, die in diesem Herbst aufgeführt wird. Eine schöne Überschrift hat vor 30 Jahren schon Günter Grass gefunden: "Kopfgeburten oder die Deutschen sterben aus", hieß sein essayistischer Roman, in dem er den demografischen Wandel und die damit verbundenen Ängste aufs Korn nahm.

Aber das Land, in dem diese Inszenierung stattfindet, hat sich verändert, und das wirkt auf die Inszenierung zurück. Die DDR ist Geschichte, das Land vereint. Es hat keinen Feind im Osten mehr. Es ist Teil eines epochalen Umbruchs namens Globalisierung.

Das sind keine geringen Veränderungen. Der Wandel geht in die Tiefe, das ist gewiss. Vielleicht erreicht er sogar schon die Wurzeln des Nationalstaats.

Deutschland ist zählebiger als der Nationalstaat

Der Nationalstaat, in dem Staatsvolk, Sprache und Territorium eine geschlossene Einheit bilden, ist historisch gesehen eine junge Erscheinung. Entstanden ist der moderne Nationalstaat im 18. Jahrhundert in Europa, führend waren England und Frankreich. Erst spät wurde der Nationalstaat nach Deutschland importiert. Sein Symbol war die wilhelminische Kaiserkrone, flankiert von einer hochgerüsteten Armee, ideologisch überhöht von einem lautstarken "Deutschland über alles".

Man erkennt sofort: Mit Demokratie, Menschenrechten und dem Grundgesetz hat der Nationalstaat nichts zu tun.

Das bedeutet nicht, dass wir leichten Herzens auf ihn verzichten könnten. Aber es tut gut, sich einmal zu vergegenwärtigen, dass Deutschland älter und zählebiger ist als der Nationalstaat. Die meiste Zeit ging es ganz gut ohne ihn. Und wenn man sich die deutsche Geschichte von 1871 bis 1945 vor Augen führt, kann man sogar auf die Idee kommen, dass der Nationalstaat seinen Anteil an dem Unheil hat.

Vielleicht erleben wir gerade den nächsten Umbruch. Ganz sicher werden das erst die Historiker beurteilen können, aber es gibt einige Indizien dafür, dass der Nationalstaat in Auflösung begriffen ist: Halb Europa hat eine gemeinsame Währung - wer hätte sich einen derartig tiefen Einschnitt in die nationale Souveränität vor drei Jahrzehnten vorstellen können? Immer mehr wichtige Gesetze werden in Brüssel gemacht, die Minister in Berlin müssen sehen, dass sie die Vorgaben in nationales Recht gießen. Die Gerichte in Straßburg und Luxemburg etablieren sich als letzte Instanzen für juristisch fassbare Lebensfragen, Karlsruhe wird schleichend kastriert.

Warum Bildung der Ausweg ist

Und das ist nur die europäische Seite. Vom gewaltigen Tidenhub der Handelsströme, der täglich Milliarden-Werte, ungezählte Arbeitskräfte und enormes Wissen um den Erdball spült, ist da noch gar nicht die Rede. Vielleicht ist der Nationalstaat schon heute mehr Fiktion als Wirklichkeit.

Aber oft sind es Fiktionen, die besonders zäh verteidigt werden: Mag die Welt um uns herum sich noch so schnell drehen, Deutschland soll bleiben, wie es war. Nur spüren auch diejenigen, denen bei raschen Bewegungen schwindlig wird, dass sie den Stillstand nicht erzwingen können. Das macht Angst.

Islam

Hier schlägt die Stunde der Inszenierer. Sie schimpfen über Brüssel. Sie jammern über Integrationsverweigerer. Sie erheben das Kruzifix gegen den . Sie wollen gute Patrioten sein.

Aber sie sind keine guten Patrioten.

Die schlechten Patrioten missachten die deutschen Interessen. Im deutschen Interesse ist es zum Beispiel, genügend ordentlich ausgebildete Menschen im Land zu haben, Menschen, die arbeiten und Steuern zahlen.

Die Fachkräfte, die wir morgen brauchen, werden heute geboren, da sind sich alle einig. Aber wo werden diese Menschen geboren? In Indien, Vietnam oder Marokko? Oder vielleicht doch eher in Neukölln oder Duisburg-Marxloh?

In einer globalisierten Welt ist es völlig in Ordnung, darüber nachzudenken, welche Zuwanderer nach welchen Kriterien ins Land kommen sollen. Nur löst man damit kein einziges Problem. Es gibt aber viele Gründe, noch genauer als bisher nach Neukölln oder Duisburg-Marxloh zu schauen, dorthin, wo Leyla Öztürk lebt. Denn wenn es nicht gelingt, die Kinder von Leyla Öztürk zu den Fachkräften von morgen zu machen, dann wird Deutschland vier Probleme haben:

Kindergärten und Schulen müssen sich neu erfinden

  • Erstens: Die Fachkräfte werden fehlen.
  • Zweitens: Die arbeitende Mehrheit muss eine große arbeitslose Minderheit alimentieren.
  • Drittens: Die sozialen Spannungen werden gewaltig steigen.
  • Viertens: Ein Land, das im Inneren verkrampft ist, kann nach außen nicht weltoffen sein.

Was also tun? Es klingt ein bisschen abgedroschen, dennoch: Bildung, Bildung, Bildung. Das kostet, das ist mühsam, aber es ist immer noch billiger und besser, als Millionen Menschen auf Hartz IV hinleben zu lassen. Kindergärten und Schulen müssen sich neu erfinden, Lehrer müssen zu Integrationsprofis werden. Es reicht nicht, dreimal an Leyla Öztürk zu appellieren, dass sie zum Elternabend kommt, und dann mit den Schultern zu zucken. Dafür sind Leyla und ihre Kinder zu wichtig für dieses Land. Leicht gesagt, schwer getan, aber bitter nötig.

Doch werden es uns die Muslime danken? Oder lachen sie sich bloß ins Fäustchen und nutzen unsere Gutmütigkeit aus?

Dass der Islam ein wundervolles Feindbild abgibt, ist täglich in den Nachrichten zu sehen. Fanatische Prediger und Terroristen, wohin man schaut. Doch was hat das mit Ali Normalmuslim zu tun? Der neigt sich weder fünfmal täglich gen Mekka, noch nimmt er alles ernst, was der Imam beim Freitagsgebet predigt. Der Islam in Deutschland ist alles in allem nicht fanatischer oder gar krimineller als der Katholizismus. Wenn von Muslimen dauernd verlangt wird, dass sie sich vom islamistischen Terror distanzieren sollen, ist das ungefähr so, als müssten die 24 Millionen Deutschen, die katholischen Glaubens sind, täglich ihre Abscheu vor pädophilen Priestern bekunden.

Der Untergang des Abendlandes muss warten

Zu Recht sind die Deutschen stolz auf ihr Grundgesetz, das auch die Freiheit der Religion garantiert. Die großen Kirchen dürfen ihre inneren Angelegenheiten nach ihrem jeweiligen Kirchenrecht regeln. Die Katholiken zum Beispiel halten am Zölibat fest, der eine massive Ungleichbehandlung von Männern und Frauen bedeutet und außerdem die zölibatär lebenden Priester zu einer extremen Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit zwingt. Marschieren wir deshalb mit dem Grundgesetz in der Hand gegen Kirchenmauern an? Nein, denn wir sagen: Das, was hinter diesen Mauern passiert, ist nur zum Teil eine öffentliche Angelegenheit. Solange keine Strafnormen verletzt sind, kann im katholischen - oder auch im evangelischen - Club jedes Clubmitglied nach seiner Fasson selig werden. Das gilt genauso für den jüdischen, buddhistischen oder hinduistischen Club, und niemand stört sich daran. Warum stört es so viele beim islamischen Club?

Wenn Muslime, Christen und Atheisten in Deutschland ihr gemeinsames Interesse an der Zukunft erkennen, werden sich die Feindbilder auflösen. Es stimmt wahrscheinlich, was US-Präsident Franklin D. Roosevelt zu seiner Amtseinführung im März 1933 gesagt hat: "Das einzige, wovor wir uns fürchten müssen, ist die Furcht selbst." Auch vor Leyla Öztürk und ihren Kindern sollten die Deutschen keine Angst haben. Der Untergang des Abendlandes muss warten.