Integrationsminister Laschet "Wir müssen Antisemitismus bei Migranten stärker bekämpfen"

2. Teil: "Wir brauchen mindestens doppelt so viele Bundesmittel"


SPIEGEL ONLINE: Das hört sich nach interessanten Diskursen für gymnasiale Oberstufen an - aber wie wollen Sie muslimische Hauptschüler erreichen, die Aufklärung über Antisemitismus vielleicht viel nötiger hätten?

Laschet: Da sind wir bei Punkt drei des Plans. Persönliche Begegnungen sind das wichtigste Instrument im Kampf gegen Antisemitismus bei Jugendlichen. Deshalb müssen bundesweit die deutsch-israelischen Jugendaustausch-Programme dringend ausgebaut werden. In Nordrhein-Westfalen haben wir den Anfang gemacht und für 2009 beschlossen, eine Million Euro für den Jugendaustausch mit dem Schwerpunkt Israel und palästinensische Gebiete bereitzustellen.

Unser wichtigstes Ziel ist es dabei, Jugendliche mit Zuwanderungsgeschichte, insbesondere muslimische Jugendliche, einzubeziehen. Wir wollen mit Vorrang Reisen von Klassen und Jugendgruppen mit hohem Migrantenanteil fördern, damit möglichst viele arabisch-, türkisch- oder kurdischstämmige Jugendliche aus Deutschland im Kontakt mit jüdischen und arabischen Israelis Vorurteile abbauen können.

SPIEGEL ONLINE: Wollen latent antisemitische Jugendliche denn überhaupt nach Israel fahren?

Laschet: Das Programm läuft gerade erst an, aber ich bin da sehr optimistisch. Wichtig wäre nun, dass andere Länder und der Bund mitziehen. Für das deutsch-polnische Jugendwerk gibt der Bund seit 2006 konstant 4,6 Millionen Euro aus, für das deutsch-französische sogar 10,2 Millionen. Dagegen ist die Förderung für den Israel-Austausch mit 1,77 Millionen Euro für 2009 viel zu gering. Wir brauchen mindestens eine Verdopplung der Bundesmittel.

SPIEGEL ONLINE: Mal ehrlich: Haben Sie selbst schon einmal einen Jugendlichen mit Zuwanderungsgeschichte getroffen, der antisemitische Sprüche geklopft hat?

Laschet: Ja, sogar mehrere. Zum Beispiel, als ich mir 2005 in einem Kino am Düsseldorfer Hauptbahnhof den türkischsprachigen Film "Tal der Wölfe" mit deutschen Untertiteln angesehen habe. Im Saal waren fast nur junge, männliche Migranten. Bei jeder Szene, die auch nur latent antisemitisch war, haben alle laut gejubelt.

SPIEGEL ONLINE: Wie können Politiker, Lehrer oder Sozialarbeiter überhaupt Zugang finden zu antisemitisch denkenden Migrantenkindern - und ist das nicht das größte Handicap bei allen Förderprogrammen?

Laschet: Zu diesen kritischen, oft abgeschotteten Milieus Zugang zu finden ist in der Tat ein großes Problem. Wir können es nur lösen, wenn wir mit den Migranten-Organisationen und den islamischen Verbänden zusammenarbeiten, die direkte Drähte in die Gemeinschaft haben. Auf Dauer hilft aber eines: Mehr Politiker, mehr Lehrer und mehr Sozialarbeiter mit Zuwanderungsgeschichte. Der Kampf gegen Antisemitismus ist eine gemeinsame Aufgabe von Deutschen und Zuwanderern.

Das Interview führte Andrea Brandt



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