Weltfrauentag Männer, sorgt euch!

Haushalt, Kindererziehung, Altenpflege – täglich leisten Frauen unbezahlte Sorgearbeit. Diese scheinbare Selbstverständlichkeit ist der Bremsblock auf dem Weg zu einer gleichberechtigteren Gesellschaft.
Ältere Dame bei der Hausarbeit: »Es ist nicht Aufgabe der Frauen, Männer in ihrem Leben zu bitten, doch häufiger die Wäsche aufzuhängen, an die Arzttermine der Kinder zu denken oder ein Auge auf die pflegebedürftige Nachbarin zu haben«

Ältere Dame bei der Hausarbeit: »Es ist nicht Aufgabe der Frauen, Männer in ihrem Leben zu bitten, doch häufiger die Wäsche aufzuhängen, an die Arzttermine der Kinder zu denken oder ein Auge auf die pflegebedürftige Nachbarin zu haben«

Foto: Elmar Gubisch / Elmar Gubisch / IMAGO

Deutschland, wir haben ein Sorgearbeitsproblem! Täglich, millionenfach, sind es Frauen, die in Haushalt, Familie und Nachbarschaft mit ihrer emotionalen und physischen Sorgearbeit den Laden am Laufen halten. Den Geschirrspüler ausräumen, Einkäufe erledigen, an die Elternsprechabende der Kinder denken, für eine friedliche Atmosphäre in Büro und Nachbarschaft sorgen – all das sind Aspekte der Sorgearbeit.

Sie haben dreierlei gemeinsam: Sie sind überlebenswichtig für Familien und die Gesellschaft als Ganze. Sie werden in aller Regel unbezahlt verrichtet, leicht übersehen und abwertend betrachtet, und drittens leisten Frauen in Deutschland deutlich mehr davon als Männer. Im Durchschnitt sind es 87 Minuten mehr. Das ist ein Fußballspiel pro Tag.

Kommen die ersten Kinder dazu, schlägt das Pendel noch deutlicher aus. Bei Paaren mit Kindern sind es täglich 2,5 Stunden mehr. Während der Pandemie haben Frauen ihre unbezahlte Sorgezeit sogar weiter erhöht. Auch die Väter haben zugelegt, doch das generelle Ungleichgewicht hat sich nicht korrigiert, im Gegenteil, das Sorgearbeitspendel hängt weiter gewaltig schief.

Entscheidend ist nicht nur die zeitliche Lücke zwischen den Geschlechtern. Täglich Verantwortung für ein Familien-Nachbarschaft-Kollegen-Ökosystem zu tragen, lässt sich nicht nur in Stunden und Minuten berechnen. Es ist ein physischer, besonders aber auch mentaler und emotionaler Dauermarathon. Diese psychische Belastung, der Mental Load, wird oft unterschätzt oder gar übersehen. Neue Studien zeigen: In der Pandemie ist der Stresslevel von Müttern im Vergleich zu Vätern rasant und anhaltend nach oben geschnellt. Unter Erschöpfungs- und Burn-out-Symptomen hatten vor allem Mütter von kleinen Kindern zu leiden sowie jene, die über wenig Autonomie am Arbeitsplatz verfügen, im Homeoffice arbeiten oder wenig durch ihren Partner unterstützt wurden. Männer wiesen in der Pandemie dagegen keine höheren psychischen Belastungen auf.

Eine gerechte Verteilung der Sorgearbeit ist der Schlüssel

Dass dieser Unterschied in der Sorgearbeit und die damit einhergehende fehlende Zeit der Frauen im kausalen Verhältnis zu niedrigeren Einkommen, geringeren Zugängen zu Führungspositionen, geringeren Rentenansprüchen, einer höheren Teilzeitquote und vielen anderen Ungerechtigkeiten steht, liegt auf der Hand und wurde umfangreich dokumentiert. Die Sorgearbeitslücke ist, so würden wir es nennen, die Mutter der Ungleichheit in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen.

Andersherum bietet diese Kausalität auch eine Chance: Eine gerechte Verteilung der Sorgearbeit fördert und ermöglicht Geschlechtergerechtigkeit auch auf anderen Ebenen. Sie würde den Frauen beispielsweise mehr Zeit für ihre berufliche Entwicklung geben und gleichzeitig Männer in die Lage versetzen, Sorgearbeit und Erwerbsarbeit in Einklang bringen zu müssen. Hier liegt also ein entscheidender Schlüssel.

Umso ernüchternder ist die Erkenntnis, dass die meisten Männer Sorgearbeit nicht inhärent als eigene Aufgabe verstehen. Richtig ist: Viele Männer helfen im Haushalt mit, kümmern sich um Kinder und ältere Angehörige. Zu häufig aber gleicht dies einer punktuellen Unterstützung, die hin und wieder und häufig auf Nachfragen oder Bitten erfolgt, aber nicht im selben Maße wie bei Frauen.

Die Coronapandemie hat dieses eher passive Rollenverständnis der Männer in puncto Sorgearbeit offengelegt. So gingen Männer nach Lockdown-Öffnungen früher wieder ins Büro, während Frauen häufiger im Homeoffice blieben. Wenn die Kita des Kindes wieder geschlossen wurde, sagte im Zweifel die Frau ihre Zoom-Meetings ab. Alles in allem: die Coronapandemie hat zu einer Retraditionalisierung der Geschlechterrollen geführt und uns um Jahre, wenn nicht mehr zurückgeworfen. Eine solche Entwicklung ist kein Zufall und nur erklärbar in einem Kontext, in dem der durchschnittliche Mann Sorgearbeit im besten Fall als Nebenjob und im schlimmsten als Zumutung versteht. Frauen hingegen schieben »doppelte Schichten«, wie es die Soziologin Schutzbach einmal auf den Punkt brachte.

Männer müssen sich endlich sorgen

Veränderung ist dringend nötig. Und diese muss endlich von den Männern ausgehen. Es ist nicht Aufgabe der Frauen, Männer in ihrem Leben zu bitten, doch häufiger die Wäsche aufzuhängen, an die Arzttermine der Kinder zu denken oder ein Auge auf die pflegebedürftige Nachbarin zu haben. Auch ist es nicht ihre Aufgabe, über das Ungleichgewicht zu informieren und Statistiken vorzulegen. Im Gegenteil: Es ist Aufgabe von Männern, Sorgearbeit als zentrale Aufgabe des eigenen Lebens zu verstehen, sich darüber zu informieren und sich diese in gleichen Anteilen mit Frauen zu teilen.

Flankiert werden kann dieser Kultur- und Rollenbildwandel mit einer Reihe von konkreten Maßnahmen, zum Beispiel: einer durchschnittlichen wöchentlichen Arbeitszeit von 32 Stunden für Männer wie für Frauen; die Ausweitung der Vätermonate bei der Elternzeit durch bessere Anreize und eine neue Erwartungshaltung in Unternehmen; und die Abschaffung des Ehegattensplittings.

Männer als Brückenbauer für andere Männer

Entscheidend ist, dass Männer mit anderen Männern über die Fragen von Sorgearbeit und Geschlechtergerechtigkeit ins Gespräch kommen. Studien zeigen, dass gerade diese Gespräche für Umdenken sorgen, denn leider hören Männer oft anderen Männern besser zu, auch wenn die Argumente und Anliegen ähnlich sind. Männer, die die Thematik bereits auf dem Schirm haben, sollten zu feministischen Brückenbauern für Männer werden, die noch Fragen oder Vorurteile haben oder das Problem noch gar nicht erkennen. Kein Mann sollte mehr Sorge haben, den Chef nach Elternzeit zu fragen oder den Kollegen von dem Plan zu erzählen. Kein Mann sollte es als unmännlich empfinden, bei einem Familienfest über Kochrezepte zu reden, als Erster aufzustehen und den Tisch abzuräumen.

Und kein Mann sollte länger die Hauptlast der Sorgearbeit auf die Frauen in seinem Umfeld abwälzen und die emotionale Belastung kleinreden. Im Gegenteil, warum nicht auch als Mann einen Wandel mittragen, in dem Zeit mit Kindern, ein Nachhausegehen um 16 Uhr, der ehrenamtliche Einsatz in der Nachbarschaft oder das Zubereiten eines leckeren Abendessens zutiefst männliche Aktivitäten sind?

Der Einsatz für eine geschlechtergerechte Gesellschaft darf nicht länger nur auf den Schultern der Frauen ruhen. Auch Männer müssen Verantwortung übernehmen, öffentlich, besonders aber auch privat. Das Schließen der Sorgearbeitslücke ist unser aller Auftrag. Den Anfang kann jeder Mann gleich heute noch machen, in der Familie, in der Nachbarschaft, im Kollegenkreis. Nicht weil er darum gebeten wird, sondern weil er erkennt, dass diese Sorge auch seine Sorge ist.